Aktuell Sierra Leone 22. September 2009

Sierra Leone: Das Leben endet früh für Mütter

SIERRA LEONE
Warten auf die Entbindung in Sierra Leone

Warten auf die Entbindung in Sierra Leone

In dem am 22. September veröffentlichten Bericht zu Müttersterblichkeit in Sierra Leone fordert Amesty International die Regierung des westafrikanischen Landes auf, die Gesundheitsversorgung für Schwangere und Mütter erheblich zu verbessern. Denn in Sierra Leone ist das Risiko an Komplikationen während der Schwangerschaft oder Geburt zu sterben weitaus höher als in fast allen anderen Ländern der Welt.

Schätzungen zufolge stirbt jede achte Frau bei der Geburt eines Kindes. Tausende von Frauen sterben während Schwangerschaft und Geburt, weil sie keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben.

Nach einer Studie von UNICEF aus dem Jahr 2008 gibt es in sechs der 13 Bezirke des Landes keinerlei Notfallversorgung für Schwangere. In den übrigen Bezirken sind von den insgesamt 38 Krankenhäusern, die Schwangerschafts- und Geburtshilfe anbieten, nur 14 in der Lage, umfassende Notfallversorgung zu leisten wie Bluttransfusionen oder einen Kaiserschnitt.

Sierra Leone verfügt nur über sehr beschränkte finanzielle Ressourcen für die Lösung seiner zahlreichen Probleme. Das Land leidet noch immer an den Folgen des zehnjährigen Bürgerkrieges (1991-2001) und der größte Teil der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Krankenhäuser und Gesundheitsberatungsstellen haben Personalmangel, verfügen nur über unzulängliche technische Ausrüstungen und es fehlt ihnen an Medikamenten. Die Infrastruktur ist kaum entwickelt, zudem sind die Entfernungen häufig sehr groß. Daher wenden sich die meisten Schwangeren an traditionelle Geburtshelferinnen.

Hohe Kosten haben tödliche Folgen

Seit 2001 sieht die offizielle Regierungspolitik kostenlose medizinische Betreuung für Schwangere und für Kinder unter fünf Jahren vor. Doch bisher hat die Regierung nichts zur Umsetzung dieses Planes unternommen. Die Kosten für die medizinische Versorgung in Sierra Leone gehören laut Angaben von UNICEF zu den höchsten in Afrika.

Die hohen Kosten tragen unmittelbar zur Müttersterblichkeit bei. Selbst wenn das Leben der Frau auf dem Spiel steht, müssen die Gebühren für medizinische Behandlung im Voraus bezahlt werden. Die meisten Familien haben wenig oder gar keine finanziellen Rücklagen. Die Einkünfte von Bauern unterliegen jahreszeitlichen Schwankungen. In der Stadt fehlt es den Armen vielfach an familiären und sozialen Netzwerken, von denen sie Hilfe erhalten könnten. Für Frauen ohne Familie, etwa für diejenigen, die ihre Verwandten im Bürgerkrieg verloren haben, ist es besonders schwierig, die Kosten für eine teure Notfallbehandlung aufzubringen.

Mangelnde Aufklärung wird zum Gesundheitsrisiko

Durch mangelnde gesundheitliche Aufklärung erkennen viele Frauen in Sierra Leone Gefahrensignale in der Schwangerschaft nicht rechtszeitig. Sie stehen zudem unter starkem gesellschaftlichem Druck, viele Kinder zu bekommen – im Durchschnitt sechs bis acht. Die Möglichkeit für Frauen, selbst zu entscheiden, wie viele Kinder sie in welchen Abständen gebären möchten, ist auch aus diesem Grund gering. Verhütungsmittel werden nur selten benutzt, teils aus kulturellen Gründen, teils weil sie kaum erhältlich sind. Durch Genitalverstümmelung bedingte Komplikationen sind ein weiterer Grund für die hohe Müttersterblichkeit. Auf dem Land werden etwa 94% aller Mädchen beschnitten.

Im Allgemeinen haben Frauen in armen Familien praktisch kein Wissen über ihre Rechte und kaum Einfluss auf Entscheidungen, die sie selbst betreffen. Das hat zur Folge, dass nur wenige in der Lage sind, sich für ihr Recht auf Gesundheit einzusetzen, selbst wenn ihr Leben in Gefahr ist.

In Sierra Leone sterben Frauen qualvoll an behandelbaren Schwangerschaftskomplikationen. Das muss aufhören.

Amnesty International fordert die Regierung von Sierra Leone daher auf,

  • die Mindeststandards bei der Gesundheitsversorgung für alle sicherzustellen, einschließlich einer angemessenen Gesundheitsversorgung während und nach der Schwangerschaft

  • das Regierungsprogramm zur kostenlosen Gesundheitsversorgung für Schwangere umzusetzen

  • die gesundheitliche Aufklärung von Frauen zu verbessern und sie über ihr Recht auf Notfallhilfe zu informieren

  • die Kontrolle und Überprüfung des Gesundheitssystems zu verbessern, um verantwortliches Handeln sicherzustellen

  • gegebenenfalls internationale Zusammenarbeit und Hilfe zu suchen.

Hier finden Sie den vollständigen englischsprachigen Bericht als PDF:
OUT OF REACH: THE COST OF MATERNAL HEALTH IN SIERRA LEONE
72 Seiten

Schlagworte

Sierra Leone Aktuell

Weitere Artikel