Kinder in Palästina: Wie Kinder in Gaza und im Westjordanland leben
Seit Oktober 2023 wurden im Gazastreifen mehr als 20.000 Kinder getötet, Tausende sind von ihren Familien getrennt, Hunger und Krankheiten bedrohen ihr Leben. Auch im Westjordanland nehmen Gewalt und Vertreibung zu. Welche Kinderrechte verletzt werden und was du tun kannst.
Ein palästinensisches Mädchen steht in Gaza-Stadt vor den Ruinen einer Gesundheitseinrichtung, die durch einen israelischen Luftangriff zerstört wurde (6. August 2025).
© OMAR AL-QATTAA/AFP/Getty Images
Kinder und Jugendliche machen die Mehrheit der palästinensischen Bevölkerung im Gazastreifen, im Westjordanland und in Ost-Jerusalem aus. Ihr Leben ist geprägt von Krieg, militärischer Besatzung und Vertreibung.
Seit Oktober 2023 wurden im Gazastreifen mindestens 20.000 Kinder durch die israelische Armee getötet. Rund 17.000 Kinder gelten als unbegleitet oder von ihren Familien getrennt. Insgesamt wurden mehr als 1,9 Millionen Menschen vertrieben, darunter vorwiegend viele Kinder. Im Westjordanland wurden zwischen Oktober 2023 und November 2025 mindestens 219 Kinder getötet.
Wie Kinder in Gaza und im Westjordanland aufwachsen
Seit Jahrzehnten bestimmen militärische Besatzung, die Blockade des Gazastreifens und strukturelle Diskriminierung den Alltag palästinensischer Familien.
Israel begeht mit der andauernden Militäroffensive, infolge des Angriffs der Hamas vom 7. Oktober 2023, einen Genozid an der palästinensischen Bevölkerung in Gaza. Diese dauert trotz des im Herbst 2025 vereinbarten Waffenstillstands weiter an: Seitdem wurden bei israelischen Angriffen mehr als 900 Menschen getötet.
Für Kinder in Gaza bedeutet das vor allem: Ihre Heimat ist kein sicherer Ort. Mehr als 65 Vertreibungsbefehle durch Israel betrafen rund 84 Prozent des Gazastreifens. Familien mussten wieder und wieder fliehen und waren auch an den Fluchtorten nicht vor Angriffen sicher. Der Großteil der Bevölkerung lebt weiter vertrieben in Notunterkünften und ist auf humanitäre Hilfe angewiesen, die Israel nur unzureichend in das Gebiet lässt.
Auch im Westjordanland ist das Leben für Kinder voller Gefahren: Militärische Razzien, Siedlergewalt und Zwangsräumungen prägen den Alltag. Ganze Gemeinden werden tagelang unter Ausgangsbeschränkungen gestellt, wodurch Kinder von grundlegender Bildungs- und Gesundheitsversorgung abgeschnitten werden.
Mehr als 12.000 palästinensische Flüchtlingskinder im nördlichen Westjordanland sind zwangsvertrieben und können nicht in ihre Häuser zurückkehren. Amnesty hat im Juni 2026 Recherchen veröffentlicht, die zeigen, wie die israelische Regierung eine staatlich gelenkte Politik der ethnischen Säuberung verfolgt.
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Welche Kinderrechte werden verletzt?
Grundlage für die Kinderrechte ist die UN-Kinderrechtskonvention von 1989. Außer den USA haben alle von der UN anerkannten Staaten und damit auch Israel und Palästina ratifiziert. Der UN-Kinderrechtsausschuss stellt jedoch fest, dass die Bedingungen in Gaza und im Westjordanland diese Rechte massiv verletzen. Dazu gehören:
Auch Kinder werden von Luftangriffen und Bombardierungen auf Gaza getroffen und davon verletzt oder getötet. Viele gelten als vermisst, weil sie unter Trümmern verschüttet sind. Explosionsverletzungen sind für Kinder besonders gefährlich.
Zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 7. Oktober 2025 wurden infolge der israelischen Angriffe im Gazastreifen mindestens 20.179 Kinder getötet und 44.143 Kinder verletzt. Zusätzlich sind unbekannte Zahlen von Kindern in nicht gekennzeichneten Gräbern begraben, ohne dass ihr Tod registriert wurde, oder sie gelten schlicht als vermisst.
Im Westjordanland war 2025 jede*r fünfte durch israelische Streitkräfte getötete Palästinenser*in ein Kind. Schon 2023 war dort – noch vor der Eskalation in Gaza – das tödlichste Jahr für palästinensische Kinder seit das Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) im Jahr 2005 mit der Erfassung von Opfern begann.
Das Gesundheitssystem in Gaza ist infolge gezielter israelischer Militärangriffe und erzwungener Schließungen von Kinderkrankenhäusern, der Blockade und dem daraus resultierenden Ressourcenmangel extrem geschwächt.
Nichtregierungsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen und Medical Aid for Palestinians übernehmen Aufgaben, die das lokale System nicht mehr leisten kann. Ein Wegfall dieser Hilfe würde das Gesundheitssystem noch mehr schwächen.
Das trifft Kinder auf mehreren Ebenen:
Schwangerschaft und Neugeborene
Neugeborenenstationen arbeiten mit einer Auslastung von 150 bis 170 Prozent, mehrere Babys müssen sich einen Inkubator teilen, Einwegmaterialien müssen teils mehrfach verwendet werden. Ärzt*innen berichten von deutlich mehr Risikoschwangerschaften, Frühgeburten und Babys mit zu niedrigem Geburtsgewicht.
Viele Mütter können durch Unterernährung und Stress nicht stillen. Säuglingsnahrung muss oft mit verunreinigtem Wasser zubereitet werden – mit lebensgefährlichen Folgen.
Nahrungsmangel
Der UN-Kinderrechtsausschuss hielt im September 2025 fest, dass in Gaza eine Hungersnot herrscht und sich Mangelernährung bei Kindern in katastrophalem Tempo beschleunigt. Die akute Mangelernährung stieg bei Kindern gegenüber der Vorkriegszeit um das Zehnfache. Prognosen gingen von 60.000 akut mangelernährten Kindern unter fünf Jahren aus, darunter rund 12.000 besonders schwere Fälle.
In rund 80 Prozent der Haushalte im Norden Gazas gab es Tage ganz ohne Mahlzeit. Familien aßen Wildpflanzen oder Tierfutter. Krankenhäuser berichten von Kindern, die zu schwach sind, um sich zu bewegen oder zu weinen.
Mangelnde Hygiene und Infektionen
90 Prozent der Kinder unter fünf Jahren hatten mindestens eine Infektionskrankheit, 70 Prozent innerhalb von zwei Wochen Durchfall. Im Durchschnitt teilen sich 340 Menschen eine Toilette, 1.290 eine Dusche. Das Poliovirus Typ 2 ist nach 25 Jahren zurückgekehrt.
Auch im Westjordanland ist die Versorgung kritisch: Rund einer Million Menschen mangelt es dort an Wasser- und Sanitärversorgung, etwa 830.000 Menschen an medizinischer Hilfe.
Systematische und gezielte Angriffe israelischer Streitkräfte auf Bildungseinrichtungen in Gaza – durch Luftangriffe, Panzerbeschuss, kontrollierte Sprengungen und Brandstiftung – haben das Bildungssystem im gesamten Gazastreifen weitgehend zerstört; mehr als 97 Prozent der Schulen wurden beschädigt oder zerstört.
Rund 660.000 Kinder in Gaza haben keinen regulären Schulunterricht. Fachleute warnen, dass sich ihr Bildungsstand um bis zu fünf Jahre verzögert. Schon frühere israelische Militäroffensiven beschädigten oder zerstörten Hunderte Bildungseinrichtungen – 615 im Jahr 2014, weitere 331 im Jahr 2021. Viele Schulen arbeiten aufgrund des Mangels an Klassenräumen in mehreren Schichten. Die Blockade verhindert zudem ein Studium außerhalb des Gebiets.
Auch außerhalb von Gaza ist Bildung für palästinensische Kinder erschwert: Arabisch-palästinensische Schulen in Israel und Ost-Jerusalem erhalten deutlich weniger öffentliche Mittel: rund 30 Prozent weniger in Grundschulen, bis zu 75 Prozent weniger in weiterführenden Schulen. In Ost-Jerusalem fehlten 2019 fast 2.000 Klassenräume; rund ein Drittel der palästinensischen Jugendlichen dort schließt die zwölfjährige Schullaufbahn nicht ab – bei jüdisch-israelischen Schüler*innen sind es nur etwa 1,5 Prozent. In vielen nicht anerkannten Beduinendörfern im Negev/Naqab fehlen Schulen wegen diskriminierender Planungspraktiken ganz. Im Westjordanland droht Schulen ohne israelische Baugenehmigung der Abriss – 2019 betraf das 43 Schulen in Area C mit rund 4.100 Schüler*innen.
Hinzu kommen Gefahren auf dem Schulweg: Kinder müssen Checkpoints passieren und erleben auf langen Schulwegen Schikanen durch Siedler*innen oder Militär. 2018 dokumentierten die UN 118 Vorfälle von Schulbetriebsstörungen, die mehr als 23.000 Kinder betrafen.
Kinder in Militärhaft
Palästinensische Kinder sind die einzigen Kinder weltweit, die systematisch vor Militärgerichten angeklagt werden. Rund 10.000 Kinder wurden in den vergangenen 20 Jahren im israelischen Militärjustizsystem inhaftiert. In den letzten 11 Jahren wurden 7.500 palästinensische Kinder im israelischen Militärjustizsystem inhaftiert – die jüngsten von ihnen zwölf Jahre alt. Seit Oktober 2023 wurden im Westjordanland mehr als 730 Kinder festgenommen; in Gaza ist die Anzahl der festgenommenen Kinder nicht bekannt. Die Kinder werden etwa wegen Steinwürfen, Demonstrationen oder Posts in sozialen Netzwerken festgenommen.
UNICEF hat 311 eidesstattliche Aussagen inhaftierter Kinder ausgewertet und beschreibt ein wiederkehrendes Muster: nächtliche Festnahmen bei Razzien, Fesselung und Augenbinden, Schlafentzug, Verhöre ohne Eltern oder Anwält*in. In 29 Prozent der Fälle sollten Kinder Dokumente auf Hebräisch unterschreiben, die sie nicht verstehen. Etwa 90 Prozent legen ein Geständnis ab – auch, weil Kaution in rund 87 Prozent der Fälle abgelehnt wird.
Zwei Drittel der Kinder werden in Gefängnisse innerhalb Israels verlegt. Das verstößt gegen Artikel 76 der Vierten Genfer Konvention, der die Verlegung von Gefangenen aus besetzten Gebieten verbietet, und erschwert Familienbesuche. UNICEF bewertet die Misshandlung von Kindern in Militärhaft als weit verbreitet, systematisch und institutionalisiert – sie kann grausamer, unmenschlicher Behandlung oder Folter gleichkommen. Wirksame Beschwerdewege gibt es faktisch nicht.
Physische Gewalt
Save the Children berichtet, dass befragte palästinensische Kinder von körperlicher Gewalt, Folter und Misshandlung während des gesamten Haftprozesses berichteten, unter anderem bei der Festnahme, Vernehmung, Überstellung und Inhaftierung. Zu den geschilderten Erfahrungen gehörten Schussverletzungen und schwere Verletzungen während der Festnahme, schmerzhafte Fesselungen, Schläge, die Verweigerung rechtlicher Schutzmaßnahmen, das erzwungene Unterzeichnen von Dokumenten, die sie nicht verstehen konnten, sowie der fehlende Zugang zu einem Rechtsbeistand vor der Vernehmung.
Während ihrer Inhaftierung berichteten 99 % der befragten Kinder, geschlagen worden zu sein, unter anderem mit Gewehrkolben oder Schlagstöcken sowie durch Tritte. Die Kinder berichteten außerdem, dass Hunde gegen sie eingesetzt wurden, dass Tränengas in ihre Zellen geleitet wurde und dass sie gezwungen wurden, sich zu entkleiden und demütigende oder schmerzhafte Bestrafungen zu ertragen. Einige erlitten bleibende Verletzungen; zwei Drittel gaben an, zwischen 1 und 45 Tagen in Einzelhaft gehalten worden zu sein.
Seelische Verletzungen
Kinder verlieren Angehörige, ihr Zuhause und ihre vertraute Umgebung. Viele leiden unter Ängsten oder posttraumatischen Belastungsstörungen und ihre Entwicklung ist verzögert. Insbesondere Schäden in den ersten Lebensjahren können lebenslange Auswirkungen auf Gesundheit und Entwicklung haben.
Hilfsorganisationen versuchen, dem etwa mit sicheren Räumen zum Lernen und Spielen und psychosozialer Betreuung entgegenzusteuern. Doch Militäroperationen und Bewegungssperren machen diese Arbeit immer wieder unmöglich. Allein im Westjordanland verloren mehr als 700 Kinder wegen Ausgangssperren und Aussetzung der Programme zeitweise den Zugang zu psychosozialer Unterstützung und Kinderschutzdiensten.
Weitere Fragen zu Kinderrechten in Palästina
Die UN-Kinderrechtskonvention besteht aus 54 Artikeln: Die Artikel 1 bis 41 beschreiben die Rechte von Kindern und die Pflichten der Staaten; Artikel 42 verpflichtet Staaten, Kinder und Erwachsene über diese Rechte zu informieren. Die darauffolgenden Artikel regeln Umsetzung, Überwachung und Inkrafttreten der Kinderrechte. Dazu gehört auch die Arbeit des UN-Kinderrechtsausschusses, der die Lage in Gaza und im Westjordanland regelmäßig bewertet.
Medizinische Evakuierungen werden von der Weltgesundheitsorganisation koordiniert. Mehrere europäische und arabische Staaten haben verletzte und schwer kranke Kinder aufgenommen. Laut Weltgesundheitsorganisation wurden von Oktober 2023 bis April 2026 11.275 Patient*innen evakuiert, darunter 5.856 Kinder – vor allem nach Ägypten, in die Vereinigten Arabischen Emirate, nach Katar und Jordanien sowie in EU-Staaten (Stand: 8. April 2026). Die Zahl der Ausreisen bleibt jedoch weit hinter dem Bedarf zurück, weil Israel medizinische Evakuierungen aus dem Gazastreifen stark einschränkt.
Humanitäre Organisationen wie UNICEF, Ärzte ohne Grenzen oder Medical Aid for Palestinians leisten medizinische Hilfe vor Ort. Amnesty International verteilt selbst keine Hilfsgüter, sondern dokumentiert Menschenrechtsverletzungen und sorgt dafür, dass sie politische Konsequenzen haben – konkrete Schritte findest du im Abschnitt "Was du tun kannst".
Wie setzt sich Amnesty International für Kinder in Palästina ein?
Amnesty arbeitet seit Jahrzehnten zur Menschenrechtslage in Israel und dem besetzten palästinensischen Gebiet. Wir dokumentieren Angriffe, Vertreibungen und Haftbedingungen und machen damit die Menschen- und Kinderrechtsverletzungen öffentlich. Wir üben politischen Druck aus und fordern:
- Schutz aller Zivilpersonen und ein Ende aller Angriffe, die Kinder gefährden
- ungehinderten Zugang für humanitäre Hilfe nach Gaza und ein Ende der Blockade
- die sofortige Freilassung aller Geiseln durch die Hamas
- ein Ende der Besatzung, der Apartheid und der Vertreibungen im Westjordanland
- einen Stopp deutscher Rüstungsexporte nach Israel und die Aussetzung des EU-Israel-Abkommens
Was du tun kannst
- Unterschreibe unsere Aktion. Fordere mit uns die Bundesregierung auf, das EU-Israel-Abkommen auszusetzen.
- Werde Teil der Bewegung. In Amnesty-Gruppen vor Ort kannst du dich gemeinsam mit anderen engagieren.
- Unterstütze uns mit einer Spende. Sie ermöglicht unabhängige Recherchen – die Grundlage für jede Forderung, die wir stellen.