Aktuell Israel und besetztes palästinensisches Gebiet 13. Oktober 2026

Khaled Quzmar: "Ihr Wunsch ist es, dieselben Rechte zu haben wie die anderen Kinder dieser Welt"

Khaled Quzmar sitzt an einem Tisch und redet mit einer Frau mit Kopftuch. Rechts neben ihr sitzt ein Junge. Beide sitzen mit de Rücken zur Kamera.

Der palästinensisch Anwalt und Kinderrechtler Khaled Quzmar im Gespräch mit einer Mutter und ihrem Sohn in Ramallah im Westjordanland (25. Juli 2026)

Der palästinensische Anwalt und Experte für Kinderrechte Khaled Quzmar wird für seinen jahrzehntelangen Einsatz mit dem Amnesty-Menschenrechtspreis 2026 ausgezeichnet. Seit Juni 2026 ist er Geschäftsführer des Palästinensischen Zentrums für Kinderrechte in Palästina. Ein Gespräch über die schwierigen Arbeitsbedingungen vor Ort und wieso Bildung für ihn die wichtigste Rolle spielt.

Wie hat Ihre Arbeit als Rechtsanwalt für palästinensische Kinder begonnen?

Meine berufliche Laufbahn begann vor 35 Jahren als Anwalt vor den israelischen Militärgerichten, wo ich bis heute palästinensische Kinder verteidige, die festgenommen werden. Ich vertrete sie vor Gericht und besuche sie in Gefängnissen.

Wie lässt sich die Situation für Kinder in Palästina beschreiben?

Ich habe mit Kinderrechtsorganisationen in mehr als 30 Ländern gearbeitet und muss leider sagen: Die Situation für Kinder in Palästina ist einzigartig, schockierend und frustrierend. Sie sind Vertreibung, Diskriminierung, Gewalt und willkürlichen Inhaftierungen ausgesetzt – ganz zu schweigen von den Folgen des Genozids in Gaza.

Ein weiteres Beispiel ist Kinderarbeit: Insbesondere bei Kindern, die in israelischen Siedlungen arbeiten, müssen wir inzwischen von Formen des Menschenhandels sprechen.

Wenn wir Kindern hier erklären, was ihre Rechte sind und wie sie sie einfordern können, antworten sie meist: "Unser einziger Wunsch ist es, dieselben Rechte zu genießen wie die anderen Kinder dieser Welt."

Aus ihrer Sicht bleiben viele der Rechte, die im Völkerrecht, in der UN-Kinderrechtskonvention oder im palästinensischen Recht festgeschrieben sind, bloße Worte auf Papier. In ihrem Alltag erleben sie diese Rechte nicht.

Porträtfoto von Khaled Quzmar

Der palästinensische Rechtsanwalt und Kinderrechtsexperte Khaled Quzmar (Aufnahme vom Juli 2026)

Was tun Sie, um die Rechte der Kinder in Palästina zu stärken?

In mehr als 30 Jahren Arbeit haben wir in meiner ehemaligen Organisation "Defense for Children International Palestine" enorme Anstrengungen unternommen, um dazu beizutragen, ein palästinensisches Rechtssystem aufzubauen, das internationalen Standards entspricht und auch tatsächlich angewendet wird.

Gleichzeitig haben wir ganze Generationen von Kindern in ihren Rechten geschult: Unser Ziel war es, sie zu Menschenrechtsverteidiger*innen zu machen, indem sie ihre Rechte nach internationalem und palästinensischem Recht kennen und Verstöße melden können.

So haben wir bei ihnen ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass es ein internationales Recht gibt, das Schutz bietet.

Doch später erleben diese Kinder, dass palästinensische Menschenrechtsverteidiger*innen als Terrorist*innen eingestuft werden.

Sie sehen, dass unschuldige Kinder getötet und Schulen und Organisationen für Kinder ohne Grund geschlossen werden. Das ist ein harter Schlag für unsere Arbeit und für die Kinder.

Wie hat sich Ihre Arbeit im Laufe der Zeit verändert?

Als ich mit der Arbeit begann, konnten die meisten inhaftierten Kinder nicht mehr in die Schulen zurückkehren. Damals galt ein Kind, das mehrere Monate inhaftiert war, als Schulabbrecher. Deshalb wurden Bildung und psychosoziale Unterstützung ein zentraler Aspekt unserer Arbeit.

Heute haben ehemalige jugendliche Gefangene das Recht, in ein speziell angepasstes Bildungsprogramm zurückzukehren und ihre Schulbildung fortzusetzen.

Wir arbeiten außerdem mit Kindern, die etwa mit dem palästinensischen Rechtssystem in Konflikt geraten, und bieten auch ihnen rechtliche sowie psychosoziale Unterstützung an. Gleichzeitig bekämpfen wir gesellschaftliche Phänomene, die die Zukunft von Kindern gefährden könnten. Wir haben Programme für bestimmte Gruppen in Gebieten, wo es besonders viel Jugendkriminalität, Drogenprobleme oder Schulabbrecher*innen gibt.

Die israelischen Behörden haben viel dafür getan, den Zugang zu und das Recht auf Bildung für Kinder in Palästina einzuschränken.

Warum ist Bildung im Rahmen Ihrer Arbeit so wichtig?

Als ich 1982 meinen Schulabschluss gemacht habe, hatten 99 Prozent der jungen Menschen in Palästina eine Schulbildung. Die israelischen Behörden haben viel dafür getan, den Zugang zu und das Recht auf Bildung für Kinder in Palästina einzuschränken. So ist die Anzahl der palästinensischen Kinder mit Schulbildung leider stark zurückgegangen.

Doch Bildung ist die wichtigste Waffe für ihre Zukunft. Wenn unsere Kinder heute ungebildet bleiben, während die Welt sich digitalisiert und neue Technologien entstehen, dann steuert unser ganzes Volk auf eine sehr schwierige Zukunft zu. Deshalb konzentriere ich mich besonders auf das Thema Bildung. Deshalb dokumentieren wir auch Verstöße gegen das Recht auf Bildung und machen sie öffentlich.

Wie sind Sie in Palästina aufgewachsen?

Ich wurde 1964 in eine arme Bauernfamilie geboren, die ihren Lebensunterhalt kaum durch tägliche Arbeit sichern konnte. Wir kommen aus einem Ort, der 1948 durch israelische Siedler*innen besetzt wurde.

Meine Großeltern wurden aus ihrem Wohnort vertrieben in den Bereich im Westjordanland, der später durch die Grüne Linie begrenzt wurde. Selbst dort durften sie auf ihrem Land keine Häuser bauen. 2003 wurde ein großer Teil des Landes enteignet, das die Familie landwirtschaftlich nutzte, um dort die sogenannte Apartheidmauer zu bauen, die seitdem israelische und palästinensische Gebiete trennt.

Wie leider für viele palästinensische Familien normal, waren auch meine vier Brüder im Gefängnis, teilweise für Jahrzehnte. Diese Erfahrungen haben uns gelehrt, dass wir nicht in Sicherheit leben. Wir leben unter einer ungerechten Besatzung und werden täglich an diese Realität erinnert.

Was motiviert Sie zu Ihrer Arbeit?

Meine Arbeit ist zu einem Teil meines Lebens geworden. Ich kann sie nicht aufgeben. Ich habe das Gefühl, dass Kinder und unsere Gesellschaft diese Arbeit dringend brauchen. Selbst wenn ich erschöpft bin und an eine Pause denke, macht es der Kontakt mit den Betroffenen unmöglich für mich, diese Arbeit aufzugeben.

Durch die Situation in Gaza ist die Arbeit schwieriger denn je. Obwohl wir dort nicht direkt vor Ort arbeiten, erhalten wir seit Beginn des Genozids ständig Anrufe von Familien, die ihre Kinder verloren haben oder deren Kinder Opfer des Verschwindenlassens wurden.

Die Eltern oder Angehörigen haben keinerlei Informationen über ihren Verbleib. Weil ihnen weder beim israelischen Militär jemand Auskunft gibt noch der Rote Halbmond hilft, wenden sie sich an mich. Ich habe eine Gruppe von Anwält*innen, die mit mir zusammenarbeiten, um herauszufinden, wo diese Kinder sind.

Solange ich die Möglichkeit habe, einer Familie zu helfen, gibt mir das Kraft und motiviert mich weiterzumachen.

Wie empfinden Sie die internationale Reaktion auf die anhaltende Gewalt gegenüber Kindern in Gaza und im Westjordanland?

Israel begeht seit mehr als drei Jahren einen Genozid in Gaza. Und dennoch sehen wir keine Schritte, um dieses Verbrechen aufzuhalten.

Die internationale Gemeinschaft hat Rechte für Kinder geschaffen, umgesetzt und gefördert und ist dennoch nicht in der Lage, Maßnahmen gegen die Verstöße gegenüber palästinensischen Kindern zu ergreifen.

Wer Kinderrechte in Palästina unterstützt, aber gleichzeitig zusieht, wie Kinder getötet werden, ohne dass jemand zur Verantwortung gezogen wird, trägt Mitverantwortung.

Es muss eine internationale Intervention geben, wie es sie auch in der Ukraine gibt. Seit mehr als 75 Jahren erleben Generationen von Palästinenser*innen Vertreibung und Armut, jetzt schon die vierte und fünfte Generation seit der Nakba.

Wie machen Sie trotz all dieser Umstände weiter?

Der Kontakt mit den Familien und das Unrecht, das wir täglich sehen, treiben mich an. Solange ich die Möglichkeit habe, einer Familie zu helfen, gibt mir das Kraft und motiviert mich weiterzumachen.

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