Amnesty Journal 19. April 2021

Arabische Milch und jüdische Orangen

Eine junge Frau mit Locken trägt Ohrringe und ein schwarzes Kleid.

Innerlich zerrissen: Rasha Nahas macht extravagante Musik über eine ruhelose Region.

Die palästinensische Sängerin und Songwriterin Rasha Nahas ist in Israel aufgewachsen. Auf ihrem Debütalbum nähert sie sich dem Nahostkonflikt auf poetische Weise.

Von Thomas Winkler

Zwei Jungs spielen in Ruinen mit einer Pistole, ein bärtiger Mann ist an einen Olivenbaum gefesselt, zwei Frauen umkreisen sich tanzend im Sonnenlicht, und Benjamin Netanjahu sitzt auf einem Sofa und trinkt mit einer jungen Frau tiefschwarzen Kaffee. Ein Fiebertraum ist der Video­­clip zu "Desert" von Rasha Nahas, aber noch nicht einmal so anspielungsreich und voller verschlungener Symbole wie das Lied selbst.

Nahas ist 1996 in Haifa zur Welt gekommen und dort aufgewachsen als sogenannte "48erin". So werden jene Palästinenser genannt, deren Familien nach den Kämpfen 1948, die die Israelis Unabhängigkeitskrieg nennen und die Palästinenser "Die ­Katastrophe", in dem neu entstandenen Land geblieben sind und deshalb heute einen israelischen Pass besitzen. Die Auseinandersetzung um das Land liegt auf dem Alltag in Israel, auf dem Leben, auf den Seelen der Menschen und auf den Liedern von Rasha Nahas. Die Texte ihres Debütalbums, das ebenfalls den Titel "Desert" trägt, sind durchzogen von diesem Konflikt. Von der Vergangenheit, die, so beschreibt es Nahas singend in "The Clown", auf den Hügel klettert und ihren Namen ruft, von arabischer Milch und jüdischen Orangen, über die bittere Tränen vergossen werden, von diesem Krieg, der auf ihre Brust kriecht und flüstert: "Nimm mich mit."

Also hat sie ihn mitgenommen nach Berlin, wo sie seit 2017 lebt. Das war nicht der Plan. Sie hatte gehofft, sie könnte all das hinter sich lassen, sie könnte sich, so erzählt sie beim Gespräch in ihrer Wohnung im Prenzlauer Berg, "neu definieren – außerhalb des Kontextes des Nahostkonflikts". Aber der Plan misslang, die 24-Jährige musste feststellen, dass man in einer Stadt wie Berlin, in der Menschen aus aller Welt zusammenkommen, um zu feiern und zusammen kreativ zu sein, zwar die Nacht zum Tage machen kann und Gleichgesinnte findet, mit denen man Musik machen kann, aber man sich dann doch mitgenommen hat. Dass man sich immer mitnimmt. "Es fällt mir sehr schwer, die Grenze zwischen dem Politischen und dem Persönlichen zu ziehen", sagt Nahas mit ihrer sanften Sprechstimme, die so beruhigend klingt wie das Versprechen, es würde alles immer gut.

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Wenn Nahas singt, verändert sich ihre Stimme, wird voller, kräftig, zornig und durchschreitet – mitunter in einem einzigen Song – ein Gefühlsspektrum von Melancholie über Wut bis zu leiser Hoffnung. Diese emotionale Achterbahnfahrt ist unterlegt mit Gitarren, die an der Lärmgrenze kratzen, dann aber wieder eingefangen werden von sanften Streichern und poetischem Klavier. In seiner Theatralik erinnert Nahas’ Debüt ebenso an den Film "Cabaret" wie an eine Rockband wie Queen. Im Gespräch fallen denn auch die Namen Freddie Mercury und Kurt Weill.

In der musikalischen Extravaganz, im abrupten Auf und Ab der Stimmungen spiegelt sich – mindestens so sehr wie in ihren Texten – die innere Zerrissenheit der Künstlerin, die wiederum vor allem ein Ausdruck ihrer Identität als 48erin ist. Eine Identität, die nur in seltenen Momenten zur Ruhe kommt. Einer dieser Momente ist die wunderschöne Coverversion von Leonard Cohens "Lover". Eine Palästinenserin mit israelischem Pass singt den Song eines Juden, der im französischsprachigen Teil Kanadas geboren wurde. Das klingt dann doch wie ein schöner Traum.

Thomas Winkler ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.

Rasha Nahas: "Desert" (Rmad Records/Cargo)

WEITERE MUSIKTIPPS

Der Sound Südafrikas

Ganz harmlos beginnt "Udondolo", das Debütalbum von ­Urban Village. Ein hingetupfter Rhythmus, der zum sanften Hüftenwiegen einlädt, eine vorsichtige Flöte, die an ein einsam quietschendes Scharnier erinnert. Dann die Stimme: Fast einschläfernd erzählt sie von der Seele des Sängers, die beschwert ist, von der Mutter, die er liebend gern wiedersehen würde, und von dem Weg, der viele scharfe Wendungen nimmt. "Izivunguvungu" heißt der Song, übersetzt ungefähr: "All diese Nöte", und er erzählt trotz – oder gerade wegen – seiner so leisen wie unkonkreten Poesie und schwer zu fassenden Symbolik dann doch sehr viel über Südafrika. Aber auch in der Musik spiegelt sich das Land, in dem Urban Village aufgewachsen sind. Die vier Mitglieder der Band aus Soweto wurden geboren, als es die Apartheid schon nicht mehr gab oder sie in den letzten Zügen lag. In den beständig zwischen globalisierten Pop-Ideen und traditionellen Harmonien tanzenden Stücken von Gitarrist Lerato Lichaba und seinen Mitmusikern werden die Folgen der Burenherrschaft und der Prozess des "Nation Building" nicht nur verhandelt, sondern spürbar. Denn auch wenn ihre Melange aus Folk und Jazz, Rock, Funk und den Zulu-Traditionen Mbaqanga, Marabi oder Maskandi scheinbar leichten Herzens und eingängig ­daherkommt, brechen die Konfliktlinien, die Südafrika bis heute durchziehen, doch immer wieder auf. Aber gerade, weil sie ein Abbild des Landes in all seiner Widersprüchlichkeit sind, propagieren sie umso effektvoller Versöhnung und die panafrikanische Vision.

Urban Village: "Udondolo" (No Format!/Indigo)

Die Musikgeschichte Anatoliens

Wer ein Album von Altın Gün erwirbt, kauft mehr als nur ein paar Lieder. Der bekommt auch gleich noch die halbe anatolische Musikgeschichte mitgeliefert. Das ist auch auf "Yol", dem neuen Album der Band aus Amsterdam nicht anders. Hinter den meist flotten, zum Tanzen einladenden, bisweilen auch melancholischen Stücken verbirgt sich das ganze Gewicht einer Tradition, die selbst in der Türkei vergessen zu werden droht. Die beiden ersten Altın-Gün-Alben waren große Erfolge. "Gece" (2019) war gar für den Grammy nominiert, allerdings in der verstaubten Schublade "World Music", in die Altın Gün sowieso schwer abzulegen sind mit ihrer Idee, traditionelle Harmonien und Klangfarben mit westlichen Pop-Rhythmen zu unterlegen. Mit "Yol" verabschiedet sich das Sextett nun endgültig von der "Weltmusik" und gibt den Synthesizern, die die 1980er-Jahre heraufbeschwören, mehr Raum als der bislang dominierenden Langhalslaute Saz. So ist dem fast schon kindlich fröhlichen "Bulunur mu" die bleischwere Wehmut des Originals von Neşet Ertaş nur mehr entfernt anzuhören. Ähnlich ergeht es anderen legendären Sängern, Komponisten und Dichtern wie Çekiç Ali oder Âşık Veysel und überlieferten Volksliedern. Damit ist auch "Yol" wieder ein Tanz in die Moderne, eingeleitet mit einer respektvollen Verbeugung vor der Vergangenheit.

Altın Gün: "Yol" (Glitterbeat/Indigo)

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