Informieren Demokratische Republik Kongo 23. April 2018

"Wir machen aus Menschen Handwerker des Friedens"

Ein Mann steht in einem Raum mit mehreren Kindern an einem Tisch mit Briefen.

Murhabazi Namegabe in einem der "Freiwilligenbüros für Kinder und Gesundheit" (BVES) in der Demokratischen Republik Kongo im Jahr 2006  

Murhabazi Namegabe ist Menschenrechtsverteidiger aus der Demokratischen Republik Kongo. Er setzt sich für die Wiedereingliederung von Kindersoldaten in die Gesellschaft ein. Dank seines "Freiwilligenbüros für Kinder und Gesundheit" erhielten schon Hunderte die Chance auf ein neues Leben.

Interview: Vera Dudik

Warum hast du angefangen, dich für Kindersoldaten einzusetzen?

Ich habe mich ursprünglich für Straßenkinder eingesetzt und seit dem Krieg in Ruanda 1994 ein neues Phänomen der Rechtsverletzung entdeckt: Kindersoldaten, die Soldaten begleiteten. Ich habe kleine Kinder in Militäruniformen gesehen, mit viel zu langen Hosenbeinen, die ihnen bis zu den Füßen gingen. Diese Beobachtung hat mich motiviert, aktiv zu werden.

Wie hat sich dieses Engagement entwickelt?

Zuerst haben wir ruandische Kinder betreut, dann auch kongolesische. Wir hatten dabei Allianzen mit der Internationalen Gemeinschaft und Amnesty International. 2005 hat die kongolesische Regierung die Programme zur Demobilisierung und Reintegration der Kindersoldaten endlich offiziell anerkannt. Seit einigen Jahren nutzt die kongolesische Armee keine Kindersoldaten mehr. Aber es gibt Rechtsverletzungen an Kindern in der Armee, die andauern: sexuelle Übergriffe. Die zweite Herausforderung ist, dass die bewaffneten Rebellengruppen im Land nach wie vor Kinder einsetzen. Wir kämpfen also an zwei Fronten: dass die Übergriffe aufhören und dass die Rebellen nicht rechtswidrig Kinder als Soldaten missbrauchen.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?

Es müssen immer Lösungen gefunden werden. Wir müssen überlegen, wie die Befreiung der Kinder verhandelt werden kann. Das Land ist groß und es fehlen Kommunikationsmittel – wie sollen wir die Familien der Kinder finden? Und wo können die Kinder vorübergehen untergebracht werden? Wir haben dafür Orientierungszentren geschaffen. Und um ehrlich zu sein, ich habe für all das kaum genug Zeit. Ich sage gern, ich hatte bisher genau zwei Gelegenheiten, mich auszuruhen: das erste Mal im Gefängnis und das zweite Mal, als ich schwerkrank im Krankenhaus lag.

Wie behandelt deine Organisation die Kinder?

Wir haben Zentren für die Jungen und für die Mädchen in Goma und Bukavu. Man hat den Jungs beigebracht zu töten und zu plündern. Sie waren Opfer von Folter und Drogenmissbrauch. Wir haben eine Art Krankenhaus, in dem die Kinder sozial, psychisch und physisch behandelt werden. Die Mädchen haben vor allem sexuellen Missbrauch erlebt. Wir haben Mädchen, die schwanger zu uns kommen und im Zentrum ihr Kind auf die Welt bringen. Wir machen Musiktherapie mit ihnen, wir malen und organisieren Spaziergänge. Außerdem müssen ihre Herkunftsgemeinden sensibilisiert werden, um sie wieder aufzunehmen.

Gab es Momente, in denen du die Arbeit aufhören wolltest?

Ja. Manchmal werde ich am Telefon bedroht. Sie fragen mich: ‚Hast du den Sarg vorbereitet, denn du stirbst heute‘. Manchmal schaue ich in alle Richtungen und frage mich, wo sie sind. Die Verteidigerinnen und Verteidiger der Menschenrechte werden als politische Gegner wahrgenommen.

Was motiviert dich, deine Arbeit dennoch weiter zu machen?

Die Kinder, die ich retten kann - und die mich retten: Einmal habe ich die Befreiung von Kindern mit einer Gruppe Rebellen verhandelt, die mich dann als Geisel genommen hat. Doch dann haben die Kinder mit ihren Waffen auf den Kommandanten gezielt und gesagt: ‚Wenn Sie den Papa nicht frei lassen, schießen wir auf Sie‘. Der Kommandant übergab mir die Kinder und ließ uns gehen. Eines dieser Mädchen ist selbst Aktivistin geworden. Und was mich auch bestärkt, ist die internationale Solidarität. Ich bin ein Weltbürger geworden. Ich bekomme Ermutigung von den Kindern und von den Aktivistinnen und Aktivisten von Amnesty International.

Welche Zukunftsperspektiven gibt es für die Kindersoldaten?

Wir erzielen positive Ergebnisse für etwa 85% der Kinder. Sie gehen wieder zur Schule und fangen an, in ihren Gemeinden aktiv zu werden. Sie tragen zur Prävention der Menschenrechtsverletzungen bei, von denen sie betroffen waren. Wir machen aus den jungen Menschen Handwerkerinnen und Handwerker des Friedens.

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