Vietnam: Inhaftierte Landrechtsaktivistin braucht medizinische Hilfe!
Die Menschenrechtsverteidigerin Cấn Thị Thêu vor Gericht in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi (Archivaufnahme)
© AFP via Getty Images
Der Gesundheitszustand von Cấn Thị Thêu verschlechtert sich weiter. Die bekannte Landrechtsaktivistin ist seit mehr als fünf Jahren in Haft. Sie soll Folter und unmenschlichen Haftbedingungen ausgesetzt sein. Im Januar schilderte sie ihren Angehörigen bei einem Besuch Symptome, die auf einen Schlaganfall hinweisen. Doch ihr Antrag auf medizinische Behandlung wurde abgelehnt.
Setzt euch für Cấn Thị Thêu ein!
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Appell an
Staatspräsident
Lương Cường
Văn phòng chủ tịch nước, số 2
Hùng Vương, Ba Đình
Hà Nội, 10020
VIETNAM
Sende eine Kopie an
Botschaft der Sozialistischen Republik Vietnam
S.E. Herr Dac Thanh Nguyen
Elsenstraße 3
12435 Berlin
Fax: 030 536 302 00
E-Mail: info@vietnambotschaft.org
Amnesty fordert:
- Bitte lassen Sie Cấn Thị Thêu umgehend und bedingungslos frei, da sie eine gewaltlose politische Gefangene ist, die sich nur wegen der Wahrnehmung ihres Rechts auf freie Meinungsäußerung in Haft befindet.
- Sorgen Sie dafür, dass Cấn Thị Thêu bis zu ihrer Freilassung in voller Übereinstimmung mit den Richtlinien der UN-Mindestgrundsätze für die Behandlung von Gefangenen (Nelson-Mandela-Regeln) behandelt wird, vor Folter und anderen Misshandlungen geschützt ist und Zugang zu einer angemessenen medizinischen Versorgung erhält.
- Sorgen Sie auch dafür, dass Trịnh Bá Phương und Trịnh Bá Tư freigelassen werden und ihre Verurteilung und Strafe im Zusammenhang mit der Wahrnehmung ihres Rechts auf freie Meinungsäußerung aufgehoben werden.
Sachlage
Cấn Thị Thêu kann ihre Angehörigen nur selten sehen. Bei einem Haftbesuch am 17. Januar beschrieb die Menschenrechtsverteidigerin ihrer Familie Symptome, die auf einen Schlaganfall hinweisen. Obwohl sie bereits seit 16 Tagen erkrankt sei, werde ihr die medizinische Behandlung verweigert.
Cấn Thị Thêu leidet schon länger an schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen. Zuletzt hatte sie ihrer Familie Anfang August 2025 mitgeteilt, dass sie außer etwas gesalzenem Reis mit ein wenig Brühe nichts anderes essen könne, da ihr Körper alles andere kaum vertragen würde. Außerdem klagte sie über dumpfe Schmerzen in der rechten Leistengegend und darüber, dass ihre Körpertemperatur trotz des heißen Sommerwetters ungewöhnlich niedrig sei. Am 28. Juli hatte Cấn Thị Thêu eine dreitägige Antibiotikabehandlung erhalten, doch ihr Zustand war so besorgniserregend, dass die Behandlung um weitere zehn Tage verlängert wurde. Beunruhigend ist, dass die Behörden ihr während ihrer gesamten Behandlung den Zugang zu ihrer eigenen Krankenakte verweigert haben.
Es besteht große Sorge um die Gesundheit von Cấn Thị Thêu, da sie nicht angemessen medizinisch versorgt wird und keine regelmäßigen Familienbesuche erhalten darf. Cấn Thị Thêu könnte in Lebensgefahr sein, wenn sie keinen Zugang zu angemessener medizinischer Versorgung bekommt.
Cấn Thị Thêu und ihre beiden Söhne wurden 2020 festgenommen und nach Paragraf 117 des Strafgesetzbuches wegen "Widerstand gegen den Staat der Sozialistischen Republik Vietnam" zu Haftstrafen von acht bzw. zehn Jahren verurteilt. Cấn Thị Thêu ist im Gefängnis Nr. 5 in der Provinz Thanh Hoa inhaftiert und soll Folter und unmenschlichen Haftbedingungen ausgesetzt sein. Sie und ihre Familie hatten sich gegen rechtswidrige Zwangsräumungen eingesetzt und wurden zu führenden Persönlichkeiten der Landrechtsbewegung. Cấn Thị Thêu ist eine gewaltlose politische Gefangene, die allein wegen der Wahrnehmung ihrer Menschenrechte in Haft ist.
Hintergrundinformation
Cấn Thị Thêu ist eine bekannte Landrechtsaktivistin und Menschenrechtsverteidigerin in Vietnam. Als die Behörden 2010 das Land ihrer Familie beschlagnahmten, wurde sie zur Aktivistin. Sie begann, sich gegen rechtswidrige Zwangsräumungen einzusetzen und wurde zu einer der führenden Persönlichkeiten der Landrechtsbewegung. Cấn Thị Thêu und ihre Familie unterstützten Betroffene von Landraub und Menschenrechtsverletzungen sowie gewaltlose politische Gefangene. Durch die Dokumentation und Berichterstattung über diese Themen in den Sozialen Medien, wo sie mehr als 50.000 Follower*innen hatten, konnten sie und ihre Familie ein großes Publikum erreichen. Darüber hinaus stellten sie internationalen Organisationen Berichte über die Menschenrechtslage zur Verfügung, insbesondere zu Themen wie Landrechte und Meinungsfreiheit.
Cấn Thị Thêu und ihre Familie waren wegen ihres Aktivismus massiven Schikanen und Überwachungsmaßnahmen durch die lokalen Behörden ausgesetzt. Cấn Thị Thêu wurde zuvor bereits zweimal inhaftiert: 2014 (für 15 Monate), nachdem sie eine Demonstration gegen Landraub angeführt hatte, und erneut 2016 (für 20 Monate), weil sie eine rechtswidrige Zwangsräumung gefilmt hatte. Insgesamt verbrachte sie damals zwei Jahre und neun Monate im Gefängnis. Ihr Ehemann wurde 2014 wegen derselben Vorwürfe angeklagt und verbrachte ebenfalls 18 Monate im Gefängnis. Nach der Inhaftierung ihrer Eltern im Jahr 2014 wurden auch ihre Söhne Trịnh Bá Phương und Trịnh Bá Tư zu Aktivisten und Menschenrechtsverteidigern. Nach ihrer Freilassung aus dem Gefängnis setzte Cấn Thị Thêu ihr Engagement gemeinsam mit ihren Söhnen und ihrem Ehemann fort.
Cấn Thị Thêu und ihre beiden Söhne setzten sich von 2017 bis 2020 öffentlich für die Bewohner*innen des Dorfes Đồng Tâm ein, die sich in einem vielbeachteten Landkonflikt gegen die Regierung wehrten. Im Januar 2020 führte die Polizei in Đồng Tâm eine Razzia durch, bei der ein 84-jähriger Dorfvorsteher und drei Polizist*innen ums Leben kamen und Dutzende Dorfbewohner*innen festgenommen wurden. Cấn Thị Thêu, Trịnh Bá Phương und Trịnh Bá Tư nutzten Soziale Medien, um die Öffentlichkeit über den Vorfall und die begangenen Menschenrechtsverletzungen zu informieren, auch wenn dies heikel und mit vielen Risiken verbunden war und alle staatlichen Medien zensiert wurden. Dies hatte zur Folge, dass Cấn Thị Thêu, Trịnh Bá Phương und Trịnh Bá Tư am 24. Juni 2020 von der Polizei festgenommen wurden. Zum Zeitpunkt der Festnahme hatte Trịnh Bá Phương gerade einen Sohn bekommen, der erst vier Tage alt war, als ihm der Vater genommen wurde.
Am 5. Mai 2021 wurden Cấn Thị Thêu und Trịnh Bá Tư zu einer Gefängnisstrafe von acht Jahren mit drei Jahren auf Bewährung verurteilt. Sieben Monate später, am 15. Dezember 2021, wurde Trịnh Bá Phương zu einer Haftstrafe von zehn Jahren mit fünf Jahren Bewährung verurteilt. Die Anklagen lauteten nach Paragraf 117 des Strafgesetzbuchs auf "Erstellung, Speicherung oder Verbreitung von Informationen, Dokumenten oder Gegenständen, die sich gegen den Staat der Sozialistischen Republik Vietnam richten". Berichten zufolge wurden seit 2011 mindestens 300 Aktivist*innen, Menschenrechtsverteidiger*innen und Journalist*innen in Vietnam unter Berufung auf das Strafgesetzbuch festgenommen. Im September 2025 wurde Trịnh Bá Phương gemäß Paragraf 117 wegen des Besitzes eines Banners gegen die Kommunistische Partei zu 11 Jahren Haft verurteilt. Zusammen mit der vorherigen Verurteilung aus dem Jahr 2021 ergibt dies eine Gesamtfreiheitsstrafe von 21 Jahren.
Höchst beunruhigenden Berichten zufolge waren Cấn Thị Thêu und ihre beiden Söhne Trịnh Bá Phương und Trịnh Bá Tư in der Untersuchungshaft Misshandlungen und Folter ausgesetzt. Polizeiangehörige sollen Trịnh Bá Phương in den Genitalbereich geschlagen haben; Trịnh Bá Tư sei ebenfalls geschlagen worden, was zu einer Nierenschwellung führte, und Cấn Thị Thêu habe sich eine Augeninfektion zugezogen, weil sie bei extremer Hitze in einer Zelle ohne angemessene Belüftung und ohne ausreichend Wasser untergebracht war. Trịnh Bá Tư führte einen 20-tägigen Hungerstreik an, um gegen die harte Behandlung zu protestieren.
Auch nach ihrer Verurteilung wurden Cấn Thị Thêu und ihre Söhne im Gefängnis drangsaliert und misshandelt. Da sie in drei verschiedene Gefängnisse weit weg von ihrer Heimatstadt (etwa 1.000 km) verlegt worden waren, ist es für ihre Familie schwierig und kostenaufwändig, sie zu besuchen. Bisher wurde ihnen allerdings überhaupt erst ein Familienbesuch gestattet, der im März 2022 stattfand. Im September 2022 wurde Trịnh Bá Tư geschlagen und zehn Tage lang mit Fußfesseln in Isolationshaft verlegt. Er hatte sich lediglich dafür eingesetzt, dass ein anderer Gefangener Zugang zu medizinischer Notfallversorgung erhält.
2021 verurteilte Amnesty International die willkürliche Festnahme und die unfairen Gerichtsverfahren von Cấn Thị Thêu und ihren Söhnen und kritisierte die Misshandlungen im Jahr 2022. Auch UN-Expert*innen äußerten sich im Juni 2022 sehr besorgt. Sie sahen in den willkürlichen Festnahmen, Inhaftierungen, unfairen Gerichtsverfahren und Verurteilungen von Menschenrechtsverteidiger*innen wie Cấn Thị Thêu, Trịnh Bá Tư und Trịnh Bá Phương allein aufgrund der Ausübung ihres Rechts auf freie Meinungsäußerung eine systematische Verletzung ihrer Rechte.