Amnesty Journal 23. Mai 2017

Giftige Blüte

Laiendarsteller in Istanbul, Türkei

Laiendarsteller in Istanbul, Türkei

Trotz des Verfassungsreferendums und wirtschaftlicher Flaute: Die Theaterszene in der Türkei ist in der Krise umso produktiver.

Von Susanne Güsten, Istanbul

Drei Theaterbühnen mit rund 1.800 Sitzen hat das Atatürk-Kulturzentrum – jener modernistische Kultur­palast, der den Taksim-Platz im Herzen von Istanbul dominiert und das Streben der Türkischen Republik nach westlicher Hochkultur symbolisiert. Derzeit kommen aber nur 58 Personen in das Gebäude hinein: 30 Wächter, elf Reinigungskräfte, ein paar Beamte und Abteilungsleiter ohne Abteilungen. Seit neun Jahren ist das Kulturzentrum wegen Renovierung geschlossen, die allerdings bis heute nicht begonnen hat, und die Angestellten sitzen nach eigenen Angaben den ganzen Tag herum und fangen Fliegen. Ist das Theater tot in der Türkei? Im Gegenteil.

So quicklebendig ist die türkische Theaterszene, dass sie nicht mehr in das bisherige Format des Istanbuler Theaterfesti­vals passt. Statt alle zwei Jahre wie bisher werde das Festival ab sofort alljährlich stattfinden, kündigte die Istanbuler Stiftung für Kunst und Kultur, die das Festival veranstaltet, im April überraschend an. »Die Energie in der Theaterszene ist so hoch, wir haben so viele neue Produktionen in Istanbul«, begründet Festival-Direktorin Leman Yılmaz diesen Schritt. Allein in den vergangenen zwölf Monaten und allein in Istanbul sind nach ihrer Zählung 165 neue Produktionen auf die Bühnen gekommen. »Praktisch jeden Tag gibt es hier Premieren, kommen neue Theaterstücke auf die Bühne.«

Kaum ein Drittel kommt von den staatlichen und städtischen Theatern, zu 70 Prozent werden sie von unabhängigen Theatern produziert. »Das sind private Theater, deren Schauspieler ihr Geld bei Film und Fernsehen verdienen oder tags­über in anderen Berufen arbeiten und ihren Verdienst dann in die Theater stecken«, sagt Leman Yılmaz. »Trotz der wirtschaftlichen Krise sehen wir nicht weniger, sondern immer mehr Theater.«

Der Grund dafür? »In Zeiten von Repressionen, Kriegen und Konflikten verspüren wir vermehrt das Bedürfnis, uns mitzuteilen und unsere Gefühle durch die Kunst zu teilen, ob als Künstler oder Publikum«, meint die Expertin. Insofern seien schwere Zeiten immer gute Zeiten für die Kunst. »Und dies sind gute Zeiten für das Theater in der Türkei.«

Die Zuschauerzahlen stützen diese Beobachtung: Mehr als 5,8 Millionen Zuschauer verzeichneten alle Bühnen in der Türkei zusammen im vergangenen Jahr, wie das Statistische Amt der Türkei im März vermeldete – ein Anstieg von mehr als einer Million Zuschauer oder 25 Prozent seit dem Jahr 2010.

»Für das Theater ist dies eine gute Zeit«, glaubt auch der ­Regisseur Emrah Eren, der auf einer freien Bühne in Istanbul derzeit den »Iwan Iwanowitsch« von Nâzım Hikmet inszeniert. Das Stück über den Personenkult um Stalin wurde seinerzeit in der Sowjetunion nach dem ersten Spieltag abgesetzt. In der Türkei läuft es trotz der deutlichen Parallelen zu Staatspräsident ­Recep Tayyip Erdoğan schon seit mehr als einem halben Jahr. Ob das mit der Einführung des Präsidialsystems in der Türkei, das Erdoğan umfassende Rechte einräumt, auch so bleiben wird, ist unklar.

»Bisher erleben wir weder Zensur noch Selbstzensur«, sagt der Regisseur, »das heißt nicht, dass es auch künftig keine geben wird.« An sich sei es für einen Regisseur ja erfreulich, wenn sich ein Stück dem Publikum durch seinen Bezug zur Aktualität erschließe, fügt er hinzu. »Aber lieber wäre es mir in diesem Fall, es gäbe diese Parallelen nicht und wir würden das Stück nicht aufführen.«

Zumindest teilweise sei die Blüte des türkischen Theaters auch ein Ergebnis des Überangebots von Absolventen der Konservatorien und Schauspielschulen im vergangenen Jahrzehnt, meint Eren. Noch vor 20 Jahren gab es nur drei staatliche Konservatorien, deren Absolventen alle von den staatlichen und städtischen Bühnen angestellt wurden.

Seit zahlreiche Privathochschulen und Stiftungsuniversitäten ebenfalls über Theaterfakultäten verfügen und allein in Istanbul jährlich 150 neue Schauspieler von den Universitäten kommen, können die Staatstheater nicht mehr alle aufnehmen. Die Folge: »Die Absolventen haben sich kleine Kellerbühnen gemietet oder alternative Theater gegründet und begonnen, ganz andere Geschichten zu erzählen«, sagt Eren.

Eigentlich eine gute Entwicklung, meint der Regisseur, der selbst vom Konservatorium in die Arbeitslosigkeit und von dort ins freie Theater gegangen ist. »Früher wurden immer nur die alten Stücke gespielt, aber heute haben wir im alternativen Theater eigene Bühnenautoren, neue Schriftsteller und Regisseure – einen frischen Wind.« Dadurch könne das türkische Theater auch schneller auf aktuelle Ereignisse und Entwicklungen reagieren – »innerhalb von drei Monaten kann so ein Stück heute auf die Bühne kommen«. Ein Beispiel hierfür ist das Stück »Aşiyan« von Bihter Dinçel, das sich mit den Terroranschlägen in Istanbul auseinandersetzt und seit Monaten in einem Kellertheater im Istanbuler Stadtteil Beşiktaş aufgeführt wird.

Aus dem staatlichen Sektor des Theaters sind die Nachrichten weniger erfrischend. »Es gibt ein bestimmtes Prinzip«, sagt der Schauspieler Levent Üzümcü, der vor zwei Jahren wegen seiner Teilnahme an den Gezi-Protesten und öffentlicher Kritik an Erdoğan vom Stadttheater Istanbul gefeuert wurde. »Sie entlassen dich widerrechtlich und warten dann darauf, dass du bis zum Ende des Rechtsstreits verhungert bist.«

Üzümcü war der erste Schauspieler, der den politischen Säuberungen im Staatsapparat zum Opfer fiel; seither sind Hunderte weitere Künstler und Kulturschaffende aus dem Staatsdienst entlassen worden. Üzümcü ist darüber tief verbittert, auch wenn ihm das staatliche Gehalt nicht fehlt. »Ich habe am Stadttheater weniger verdient als ein Busfahrer«, sagt er. »Ich habe dort nur aus dem ­einzigen Grund gespielt, einfachen Leuten die Gelegenheit zu geben, für fünf Lira ins Theater gehen zu können und mich zu sehen.«

Am freien Theater kosten die Karten dagegen 50 Lira, und Üzümcü spielt sein jüngstes Ein-Mann-Stück seit Monaten vor ausverkauften Häusern in Istanbul und Ankara. Schwieriger sei es allerdings außerhalb der Großstädte, wo politisch willfährige Provinzpotentaten ihn nicht auftreten lassen, erzählt der Schauspieler. »Ich kann heute, im Jahr 2017, in den meisten Provinzen der Türkei keine Bühne mehr finden.« In der Provinz sei auch der politische Druck auf die Auswahl der Stücke der staatlichen und städtischen Theater groß, berichtet Üzümcü.

In Diyarbakır, der unter Zwangsverwaltung gestellten Großstadt im Kurdengebiet, wurde das Stadttheater im Januar quasi aufgelöst, als alle 31 Schauspieler von der zuständigen Verwaltung in Ankara auf die Straße gesetzt wurden. Die Schauspieler, die in den vergangenen Jahren unter anderem mit einem kurdischen »Hamlet« auf sich aufmerksam gemacht hatten, haben inzwischen ein freies Theater gegründet und spielen nun, was sie wollen.

Noch dramatischer sind die Auswirkungen der Säuberungen in den Hochschulen, in denen ganze Fakultäten leergefegt sind. So wurden in der besonders renommierten Theaterfakultät der Universität Ankara so viele Lehrkräfte gefeuert, dass ein Geograf zum Fachbereichsleiter ernannt werden musste. Die entlassenen Lehrkräfte veranstalten inzwischen Workshops im privaten Sektor.

In diese Richtung steuert das gesamte türkische Theater nach einer Grundsatzkonferenz der Kulturschaffenden mit dem Kulturministerium, dem sogenannten Nationalen Kulturrat, in diesem Frühjahr. Die Subventionen für die staatlichen und städtischen Theater sollen demnach in den nächsten fünf Jahren schrittweise heruntergefahren werden, während zugleich Subventionen für die freien und unabhängigen Theater eingeführt werden sollen.

Das Echo in der Theaterwelt ist geteilt. Subventioniertes Theater habe nur eine Zukunft, wenn es autonom sei, warnt Schauspieler Üzümcü. Viele freie Schauspieler weinen den Staatstheatern nicht hinterher, die wegen angestaubter Stücke und lustloser Schauspielerei keinen guten Ruf genießen. Leman Yılmaz vom Theaterfestival hat Bedenken, was die Zukunft der großen Produktionen angeht, die bisher von Staatstheatern gestemmt werden – das freie Theater habe einfach nicht das Geld dafür.

»Auf der anderen Seite ist es gut, wenn die Theater künftig produktiver werden müssen.« Positiv bewertet Yılmaz, dass die Regierung die Reformen nicht allein am grünen Tisch ausarbeitet, sondern die Theaterschaffenden in die Beratungen einbezieht. So soll nun auch das Atatürk-Kulturzentrum mit seinen drei Bühnen endlich wieder hergerichtet werden.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe Juni/Juli 2017 des Amnesty Journals erschienen.

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