Amnesty Journal Irak 31. Januar 2017

Krieg im Krieg

Krieg im Krieg

Amnesty Journal Feb/März 2017

Bei der Offensive auf Mossul kämpfen kurdische und schiitische Milizionäre Seite an Seite gegen den »Islamischen Staat«. Im nordirakischen Tuz Khurmatu stehen sie sich jedoch verfeindet gegenüber – Entführungen, Folter und Vertreibungen bestimmen den Alltag.

Von Birgit Svensson

Schwarze Fahnen und das Bild eines jungen Mannes mit leidendem Gesichtsausdruck machen schon am Ortseingang deutlich, wer die neuen Herrscher von Tuz Khurmatu sind: Nicht die sunnitischen Dschihadisten des »Islamischen Staats« (IS) und ihres Anführers Abu Bakr al-Bagdadi kontrollieren die 175 Kilometer nördlich von Bagdad und 80 Kilometer südlich von Kirkuk gelegene Stadt, sondern schiitische Milizen. Das Antlitz des Prophetenenkels Hussein, der bei der historischen Schlacht um Kerbela 680 starb und von Schiiten als Märtyrer verehrt wird, fehlt deshalb an keinem Checkpoint.

Noch vor Kurzem lebten kurdische, turkmenische und arabische Bewohner in Tuz Khurmatu friedlich nebeneinander. Gemischte Ehen waren nichts Ungewöhnliches, man stand füreinander ein. Doch im November 2015 kam es zu schweren Gefechten zwischen Angehörigen der kurdischen Peschmerga und turkmenischen Kämpfern, die sich dem schiitischen Milizenverband Hashd al-Shaabi (Volksmobilisierung) angeschlossen hatten.

Die vom Iran finanzierte und gesteuerte Einheit bildet die wichtigste Kampfgruppe gegen den IS, der im Sommer 2014 bis unmittelbar vor Tuz Khurmatu vorgerückt war. Doch seit gut ­einem Jahr sind auch Kurden Gegner der Volksmobilisierungseinheiten: 16 Menschen wurden bei den Schießereien in Tuz Khurmatu getötet, darunter drei Hashd-al-Shaabi- und ein ­Peschmerga-Kämpfer. Hunderte Zivilisten flohen.

Was zum Ausbruch der Kämpfe rund um den Komar-Markt im Zentrum der Stadt führte, ist umstritten. Kurdische Gesprächspartner behaupten, ein schiitischer Milizionär habe einen Sprengsatz in das Haus eines Kurden geworfen, woraufhin man zu den Waffen gegriffen habe, um sich zu verteidigen. Schiitische Bewohner Tuz Khurmatus hingegen sagen, kurdische Provokateure hätten bewusst Spannungen geschürt. Unumstritten ist, dass nach den Gefechten Ende 2015 die schleichende Teilung der 60.000-Einwohner-Stadt in der irakischen Provinz Salah al-Din begann.

Eine hohe Mauer trennt nun den mehrheitlich von Kurden besiedelten Teil von dem turkmenischen. Viele sunnitische Araber haben die Stadt inzwischen verlassen, aus Furcht, zwischen die Fronten zu geraten. Die, die blieben, trauen sich abends nicht mehr auf die Straße, aus Angst entführt zu werden. Wie so viele aus ihren Reihen.

Auch Ali, der seinen Nachnamen nicht gedruckt sehen will, geriet in die Fänge der mächtigen schiitischen Milizen. Bedrückt sitzt der junge Mann in einem Schnellrestaurant im neuen Basar von Tuz Khurmatu und wartet auf Kunden. Als im vergangenen Frühjahr abermals Kämpfe zwischen turkmenischen und kurdischen Milizionären ausbrachen, unterhielt er noch einen Geldwechselstand in der Haupteinkaufsstraße, erzählt der 25-Jährige.

Plötzlich seien zwei Pickups vorgefahren. Vermummte Männer seien ausgestiegen und hätten ihn und mehrere Händler umstellt, ihnen Masken über den Kopf gezogen und sie auf die Ladefläche des Wagens gezerrt. »Bist du Kurde?«, hätten sie ihn auf Arabisch gefragt. Er habe nicht gewusst, was er antworten solle, sagt er, denn sein Vater sei Kurde, seine Mutter Turkmenin.

»Ihr seid Ungläubige«, raunte ihm einer der Entführer zu, den Ali nie zu Gesicht bekam, »Freunde Israels«. Als die Fahrt endlich endete, band ihm einer der Männer die Arme hinter dem Rücken zusammen und hängte ihn an einem Haken an der Decke oder an einer Wand auf. Etwa eine halbe Stunde habe er so gehangen, bis jemand mit Röhren oder Stangen auf ihn einschlug. Er wimmerte und schrie: »Bringt mich um, aber foltert mich nicht!« Doch die Männer machten weiter.

Noch heute schmerzt Alis rechter Arm von der Tortur, die er damals erlitt. Ein Arm wurde ausgekugelt, einige Knochen zersplittert, mehrere Zähne ausgeschlagen. Die Striemen der Schläge sind noch auf seinem Rücken zu sehen. Nur weil seine Familie ihn freikaufte, ließen die Männer ihn nach vier Stunden ziehen, erzählt er ein halbes Jahr nach der Entführung.

Die 20.000 US-Dollar, die er als Devisenwechsler bei sich hatte, habe er nie wiedergesehen, nur Handy und Pistole zurückbekommen. Statt Geld zu tauschen brät er jetzt Falafel und Kebab in dem kleinen Schnellrestaurant im neuen Basar. Doch mit den umgerechnet rund 6,50 Euro, die er damit am Tag verdient, kommt er kaum über die Runden – und für die nötigen Arzt- und Krankenhausbesuche bleibt nichts übrig.

Natürlich würde er seine Peiniger gerne zur Rechenschaft ziehen, sagt Ali trotzig. Turkmenen aus Tuz Khurmatu hätten ihn gefoltert, da ist er sich sicher. Der letzte Drohanruf läge nur zwei Monate zurück, doch er habe Angst, etwas zu unternehmen. Weil das nicht nur ihm so geht, fürchten viele, dass die Verhältnisse in Tuz Khurmatu ein Szenario für die Zukunft des ganzen Iraks sein könnten.

Denn so wie andere Gemeinden im Norden des Landes zählen die Stadt und ihre Umgebung zu den sogenannten umstrittenen Territorien, auf die sowohl die kurdische Regionalverwaltung (KRG) in Erbil als auch die Zentralregierung in Bagdad Ansprüche erheben. Über deren Zugehörigkeit sollte laut Verfassung eigentlich in einem Referendum entschieden werden. Doch das Vorhaben machte der Blitzkrieg des IS im Sommer 2014 vielleicht für immer zunichte. Denn damals rückten Einheiten der kurdischen Peschmerga in viele Gebiete ein, die die irakische Armee auf der Flucht vor den Dschihadisten geräumt hatte – und schufen somit Fakten.

Diese Entwicklung wollen die Schiitenmilizen nun rückgängig machen. »Tuz Khurmatu ist eine turkmenische Stadt«, stellt Atef al-Najar klar. In olivgrüner, eng anliegender Uniform und modischen Schuhen, den Revolver salopp am Oberschenkelband befestigt, sitzt der 40-Jährige in einem Sessel und schlürft Tee aus einem kleinen Glas. Er ist Kommandeur der Badr-Brigaden, der mächtigsten Schiitenmiliz im Verbund der Volksmobilisierungseinheiten Hashd al-Shaabi, die nach den Kämpfen zwischen Turkmenen und Kurden 2016 die Kontrolle in Tuz Khurmatu übernahm.

Die Aufmerksamkeit, die den Turkmenen seitdem zuteilwird, genießt al-Najar sichtlich. Sämtliche Größen der irakischen Politik seien zu ihm gekommen, um zwischen den Bevölkerungsgruppen zu schlichten und zu vermitteln, sagt er stolz. »Auch die Iraner haben mit uns geredet.« Als sein Smartphone summt, erscheint Irans Oberster Religionsführer Ali Khamenei auf dem Display. Auf der Rückseite ist ein Foto des iranischen Revolutionsführers Ruhollah Khomeini aufgeklebt. Auch die Badr-Brigaden werden von Teheran gelenkt und finanziert.

Während sunnitische Politiker deshalb von einer »iranischen Eroberung« des Iraks sprechen, empfinden schiitische Turkmenen wie al-Najar den Machtzuwachs als Befreiung – und als späte Gerechtigkeit für lange erlittenes Unrecht. So sei es Turkmenen unter Saddam Hussein etwa verboten gewesen, eine Waffe zu tragen, sagt der Milizenchef von Tuz Khurmatu.

Nach dem Sturz des Diktators hätten dann die in die Stadt eingerückten kurdischen Verwalter gegen eine Bewaffnung der Turkmenen opponiert. »Die haben uns außen vor gelassen, haben uns klein gehalten.« Doch diese Zeiten seien seit Bildung der Hashd al-Shaabi-Milizen vorbei, endlich könne man sich bewaffnen: »Diese Stärke nutzen wir jetzt aus.« Foltervorwürfe freilich weist der Milizenchef strikt von sich: »Wir foltern nicht, jeder Turkmene hier hat einen kurdischen Freund.«

Immerhin räumt al-Najar ein, dass die turkmenischen Bewohner Tuz Khurmatus sehr wütend seien, was zur Gewalt in der Stadt sicherlich beigetragen habe. Mit etwa drei Millionen Angehörigen bilden die Turkmenen die drittgrößte Bevölkerungsgruppe im Irak nach Arabern und Kurden, auf politischer Ebene waren sie jedoch immer unterrepräsentiert. Nicht nur unter Saddam Hussein, der im Zuge seiner Arabisierungspolitik Tausende Turkmenen aus ihren Dörfern vertrieb und umsiedelte, sondern schon seit der Gründung des Königreichs Irak nach dem Ersten Weltkrieg. Ausgerechnet der Siegeszug des »Islamischen Staats« könnte das nun ändern.

Kirkuk im Visier

Nur drei Kilometer von der Hauptstraße zwischen Tuz Khurmatu und Kirkuk entfernt wehen die schwarzen Fahnen der Terrormiliz. Hier konnten sich die Dschihadisten halten – nicht zuletzt deshalb, weil Sondereinheiten der irakischen Armee, kurdische Peschmerga und die internationale Luftallianz gegen den IS sich derzeit darauf konzentrieren, Mossul zurückzuerobern. Bei Dahuk, auf halbem Wege von Tuz Khurmatu nach Kirkuk, verläuft die Front.

Hier ist auch der Deutsche Herbert Lang immer wieder im Einsatz, und zwar als sogenannter Sicherheitsdienstleister im Auftrag der US-Armee. Seine Aufgabe ist es, die regulären irakischen Verbände, die gegen den IS kämpfen, mit Nachschub zu versorgen, und die Soldaten mit ihren Waffen vertraut zu machen. In seinem Hauptquartier auf einem Luftwaffenstützpunkt in Kirkuk zeigt der 46-Jährige hinüber zu einem großen Bildschirm, auf dem Fotos von Mörsergranaten zu sehen sind, die in einem Waffenlager in einem Vorort von Mossul ausgehoben wurden.

Mehr als 5.000 davon hätten Kämpfer der Anti-IS-Allianz bereits gefunden, sagt er, und beziffert die Zahl der IS-Waffenfabriken in Mossul auf 25. Mindestens sechs Monate werde es noch dauern, bis Regierungstruppen Iraks zweitgrößte Stadt zurückerobert hätten, schätzt er. »Der Kampf um Aleppo ist vorbei, sodass der IS nun Kapazitäten frei hat, um von Westen nach Mossul vorzurücken«, sagt er zur Begründung.

Auch die Ölstadt Kirkuk nahmen die Dschihadisten im Herbst schon ins Visier. Vom Dach seines Hauptquartiers im Stadtzentrum aus schildert der deutsche Militärdienstleister den Angriff auf Kirkuk im vergangenen Oktober: Aus drei Richtungen seien IS-Kämpfer ins Stadtzentrum vorgedrungen, vier Tage habe es gedauert, bis sie wieder zurückgeschlagen werden konnten, so akribisch vorbereitet sei der Angriff gewesen.

»Sie wollten zunächst eine Ölraffinerie einnehmen, dann den Gouverneurspalast und die Hauptwache der Sicherheitskräfte.« Lang war mit dabei, als das Feuer auf die Angreifer eröffnet wurde. Einschusslöcher in mehreren Gebäuden der Innenstadt erinnern drei Monate später immer noch an die Kämpfe.

In den Jahren nach der amerikanischen Invasion 2003 war Kirkuk nach Bagdad die Stadt mit den meisten Terroranschlägen im Irak. Fast täglich explodierten Sprengsätze, Selbstmordattentäter rissen viele Menschen mit sich in den Tod. Wie in Tuz Khurmatu leben auch in Kirkuk Angehörige fast aller irakischen Bevölkerungsgruppen: Kurden, Araber und Turkmenen, aber auch Assyrer, Jesiden und Kakai.

Weil der Ölreichtum der Stadt Begehrlichkeiten weckt, ist sie so umkämpft: Die kurdische Regionalregierung in Erbil erhebt Anspruch auf die Verwaltung, womit die Zentralregierung in Bagdad nicht einverstanden ist. Doch weil es den kurdischen Peschmerga gelang, das Vakuum zu füllen, das im Sommer 2014 nach dem Rückzug der Regierungseinheiten entstanden war, gingen die Anschläge in der Stadt merklich zurück. Die Straßen wurden sicherer und die Einwohner Kirkuks konnten aufatmen – bis zum Angriff des IS im vergangenen Oktober. Seitdem nehmen die Spannungen zu.

Bevor der IS auftauchte, habe die Kooperation zwischen Kurden und Turkmenen in der Stadt hervorragend funktioniert, sagt Khaled Shwani in seinem Haus in Kirkuk. Der kurdische ­Politiker ist Rechtsberater des irakischen Präsidenten Fuad Massum und war lange Jahre Vorsitzender des Rechtsausschusses im Parlament in Bagdad. Er beklagt, dass sich »die Landkarte« der Turkmenen »extrem verändert« habe, sodass »die Einheit der Volksgruppe« nicht mehr gegeben sei.

Das liege daran, dass die Religion inzwischen eine größere Rolle spiele als die Ethnie: Da es sowohl schiitische wie sunnitische Turkmenen gebe, orientierten sich viele nun an den regionalen Mächten, denen auch arabische Angehörige der beiden Konfessionsgruppen folgten: sunnitische Turkmenen an der Türkei, schiitische am Iran und den von Teheran gelenkten Hashd al-Shaabi.

Noch überdecke der gemeinsame Kampf von kurdischen ­Peschmerga, irakischen Regierungssoldaten und den schiitischen Volks­mobilisierungsmilizen der Hashd al-Shaabi gegen den IS in ­vielen Fällen die Differenzen, sagt Präsidentenberater Shwani. Doch seine Sorgen um die Zukunft des Zusammenlebens zwischen Kurden, Arabern und Turkmenen sind angesichts der ­zunehmenden konfessionellen Spannungen groß. ­Dabei seien die ethnisch motivierten Konflikte in seinem Land ja schon komplex genug. »Aber wenn die Religion noch dazu kommt, wird es unendlich viel schwieriger.«

Dieser Artikel ist in der Ausgabe Februar 2017 des Amnesty Journals erschienen.

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