Amnesty Journal Katar 22. Juni 2016

"Sei still und arbeite weiter"

"Sei still und arbeite weiter"

Wie im Gefägnis." Bauarbeiter auf dem Gelände des neu eröffneten Camps "Labor City" in Doha

Schon heute gilt die Fußball-WM 2022 in Katar als einer der großen Skandale der Sportgeschichte. Auf den Baustellen werden Migranten wie Zwangsarbeiter ausgebeutet. FIFA und Katars Regierung haben versprochen, dem ein Ende zu machen. Doch neue Amnesty-Recherchen beweisen: Es ist wenig passiert.

Von Regina Spöttl

"Ich lebe hier wie im Gefängnis", sagt Deepak*. Der Nepalese arbeitet in Katars Hauptstadt Doha auf einer der großen Baustellen für die Fußball-WM 2022. "Die Arbeit ist schwer", sagt er. "Wir müssen viele Stunden in der heißen Sonne schuften." Als sich Deepak kurz nach seiner Ankunft in dem Golfstaat über die Arbeitsbedingungen beschweren wollte, drohte ihm der Manager: "Beklagst du dich, so wird das Folgen haben. Wenn du in Katar bleiben willst, sei still und arbeite weiter."

So wie Deepak geht es Tausenden Migranten, die auf der WM-Baustelle des "Khalifa International-Stadions" und der angrenzenden "Aspire Zone", einem Sportzentrum mit Grünanlagen, als Bauarbeiter oder Gärtner schuften. Neue Recherchen von Amnesty International dokumentieren dort schwere Menschenrechtsverstöße.

Arbeitsbedingungen auf WM-Baustellen sind katastrophal

Dabei hatte die katarische Regierung Besserung gelobt. Dass die Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen katastrophal sind, ist nicht neu. Nach öffentlichem Druck hatte das WM-Organisationskomitee im vergangenen Jahr neue Standards zum Wohle der Arbeitsmigranten festgelegt. Doch konsequent umgesetzt wurden sie nicht, wie die neuen Amnesty-Recherchen zeigen. Auch die FIFA hat bisher so gut wie nichts unternommen, um die Lage der Arbeiter zu verbessern.

Dreh- und Angelpunkt der Ausbeutung der Arbeitsmigranten ist noch immer das sogenannte Sponsorensystem (Kafala), das Arbeitnehmer eng an ihre Arbeitgeber ("Sponsoren") bindet. Ohne schriftliche Zustimmung des Arbeitgebers kann ein Arbeiter weder die Stelle wechseln, noch das Land verlassen. So durften viele nepalesische Staatsbürger, die nach dem schweren Erdbeben im April 2015 nach Hause fliegen und nach ihren Familien sehen wollten, nicht ausreisen. Immer noch behalten Sponsoren die Pässe ihrer Arbeiter ein, was auch gegen katarisches Arbeitsrecht verstößt, Aufenthaltsgenehmigungen werden nicht ausgestellt oder nicht rechtzeitig verlängert, Gehälter werden oft nur mit erheblicher Verspätung ausgezahlt.
Ein Großteil der Arbeitsmigranten ist weiterhin in menschenunwürdigen Massenquartieren untergebracht. Wer sich beschwert, wird bedroht, eingeschüchtert und genötigt, weiterzuarbeiten. Diese Praktiken erfüllen den Tatbestand der Zwangsarbeit. Ein Sponsor kann den Vertrag eines Arbeitsmigranten sogar ohne Angabe von Gründen kündigen und den Arbeiter an die Polizei übergeben und ausweisen lassen – ohne das noch ausstehende Gehalt auszuzahlen. Dies ist eine Katastrophe für die Betroffenen, die sich in ihren Heimatländern schon vor der Ausreise hoch verschulden mussten, um die überzogenen Vermittlungsgebühren zwielichtiger Anwerbeagenturen begleichen zu können.

1,7 Millionen Arbeitsmigranten stellen 90 Prozent der Erwerbsbevölkerung

Immerhin konnte die Amnesty-Delegation bei ihrem jüngs­ten Katar-Besuch im Februar 2016 kleine Verbesserungen feststellen. So war ein Teil der Arbeiter des "Khalifa International-Stadions" in neue, wesentlich bessere Quartiere verlegt worden. Die neuen Arbeitercamps "Labor City" und "Barwa al Baraha" erfüllen weitgehend die Standards des WM-Organisationskomitees: Allerdings bieten sie nur rund 150.000 Personen Platz – ein Tropfen auf den heißen Stein angesichts der insgesamt 1,7 Millionen Arbeitsmigranten, die bereits jetzt in Katar arbeiten und 90 Prozent der Erwerbsbevölkerung stellen – Tendenz steigend. Seit November 2015 ist ein elektronisches Lohnzahlungssystem in Kraft, das die pünktliche Überweisung des Lohnes auf die Konten der Arbeitnehmer sicherstellen soll. Ob das System funktioniert, bleibt abzuwarten. Doch reichen diese wenigen ­positiven Entwicklungen bei Weitem nicht aus, um den Arbeitsmigranten menschenwürdige und faire Lebens- und Arbeits­bedingungen zu garantieren.

Derzeit sind rund 3.600 Arbeitsmigranten auf der Baustelle des "Khalifa International-Stadions" sowie in den angrenzenden Grünanlagen und in dem Sportzentrum beschäftigt, in dem berühmte Fußballvereine wie der FC Bayern München, Schalke 04, der FC Everton und Paris Saint-Germain wiederholt ihr Wintertraining absolviert haben. Schätzungen gehen davon aus, dass sich in Katar die Zahl der Arbeitskräfte auf den WM-Baustellen in den nächsten beiden Jahren verzehnfachen wird.

Von den 234 Arbeitsmigranten, die Amnesty interviewt hat, war keiner im Besitz seines Passes. Alle berichteten von Missständen und Menschenrechtsverletzungen. Schon in ihren Heimatländern waren ihnen falsche Versprechungen über die Höhe des Lohnes und die Art der Beschäftigung gemacht worden. Ein Arbeiter aus Nepal sollte umgerechnet rund 890 Euro monatlich verdienen, bekam aber nur rund 350 Euro. Ein Elektriker und ein Gerüstbauer berichteten, sie müssten als Stahlbauer arbeiten. Ein großes Problem ist, dass Löhne oft mit monatelanger Verspätung gezahlt werden. Ein indischer Schlosser, der im "Khalifa International-Stadion" arbeitet, bekam zehn Monate keinen Lohn. Als er sein Geld verlangte und das Land verlassen wollte, teilte ihm sein Arbeitgeber mit, er könne das Flugticket und umgerechnet rund 23 Euro bekommen – mehr nicht. Der Mann hat sich seither aus Angst vor Repressalien nicht mehr ­beschwert und sitzt immer noch in Katar fest. Ein nepalesischer Bauarbeiter berichtete, er habe seinen Lohn mehrfach drei Monate zu spät erhalten. So sei er weder in der Lage gewesen, seine Kredite zu bedienen, noch Geld nach Hause zu schicken. Schließlich konnte seine Familie in Nepal die Miete für ihr Haus nicht mehr bezahlen und wurde obdachlos.

Angesichts dieser anhaltenden Missstände müssen die ­Regierung von Katar und die FIFA als Veranstalter der WM 2022 endlich aktiv werden und die lang versprochenen Reformen ­sowie die Standards des WM-Organisationskomitees zügig ­umsetzen. Es wird allerdings auch höchste Zeit dafür, dass sich einflussreiche Führungspersönlichkeiten in der Fußballwelt zu Wort melden, wenn sie nicht mitverantwortlich werden wollen für Menschenrechtsverletzungen an Arbeitsmigranten. Die FIFA, die nationalen Fußballverbände, die großen Vereine, aber auch die Millionen Fans dieses schönen Spiels sollten sich stärker einmischen. Sie könnten dazu beitragen, dass die Fußball-WM 2022 in Katar nicht auf dem Rücken ausgebeuteter Arbeitsmigranten ausgetragen werden muss.

*Name aus Sicherheitsgründen geändert.

Regina Spöttl ist Expertin für die Golfstaaten bei Amnesty International Deutschland.

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