Amnesty Journal Deutschland 20. Januar 2016

Nicht allein

Nicht allein

Willkommener Wissenstransfer. Sprachkurs in Berlin-Neukölln

Junge Berliner Migrantinnen und Migranten unterstützen Flüchtlinge. Der geteilte Erfahrungsschatz erleichtert das Ankommen.

Von Elisabeth Wellershaus

Eigentlich hat Avevan Yusef kaum Zeit. Sie steckt mitten im Studium, das sie ausgesprochen ernst nimmt. Trotzdem kommt sie so oft es geht in ihr kaum beheiztes Büro in Berlin-Neukölln: zwei Schreibtische, eine kleine Küche und ein schmuckloser Raum für den Sprachunterricht. Hier geht es nicht um Gemütlichkeit, das hat sie schnell begriffen. Beim »Kurdischen Kultur- und Hilfsverein« trudeln derzeit täglich Menschen ein, die orientierungslos in Deutschland ankommen.

Wenn Yusef nicht an der Uni ist, begleitet sie die Flüchtlinge nach dem Sprachunterricht auf Ämter oder zum Arzt. Sie organisiert Ausflüge ins Museum, geht mit ihnen essen oder in die Kreuzberger Gedenkbibliothek. Als Praktikantin fing sie vor einem Jahr in dem Verein an, mittlerweile hat die 23-Jährige einen Aushilfsjob, in der Freizeit kümmert sie sich sowieso. Zusammen mit ein paar Ehrenamtlichen betreut sie die Initiative »Hilfe für Flüchtlinge«. Das ist nicht einfach irgendein Job für sie. Denn auch Yusef kam vor vielen Jahren neu hier an.

Während die Eltern sich politisch für die kurdische Sache engagierten, sauste sie schon mit fünf Jahren durch die Räume, in denen sie auch jetzt viel Zeit verbringt. Seit 1996 lebt sie in Deutschland, an die Flucht aus dem Irak erinnert sie sich nicht. Sie war noch ein kleines Kind, die jüngste von fünf Geschwistern, ihre Eltern sprechen kaum darüber.

Die Netzwerkerin. Avevan Yusef, die als Kind selbst flüchtete, unterstützt Flüchtlinge in Berlin

Die Netzwerkerin. Avevan Yusef, die als Kind selbst flüchtete, unterstützt Flüchtlinge in Berlin

»Ich weiß nur, dass sie beim ersten Fluchtversuch nichts zu essen hatten und einer meiner Brüder fast gestorben ist«, sagt sie. Sie legt die Kopie einer Aufenthaltsgestattung vor sich ab und runzelt die Stirn. »Bisher habe ich kaum nachgefragt, ich wollte meine Eltern nicht bedrängen.« Doch seitdem sie täglich die Fluchterlebnisse anderer hört, will sie mehr wissen. »Es rückt die eigene Geschichte einfach in ein neues Licht«, sagt sie und sortiert die Akten der neuen Sprachschüler.

Spagat zwischen den Kulturen

Überhaupt war die Mitarbeit in der kurdischen Gemeinde wohl nur eine Frage der Zeit. Yusefs Eltern sorgten dafür, dass die gut integrierte Tochter ihre Herkunftskultur nie ganz vergaß. Im Verein ging sie ein und aus, kannte sämtliche Mitarbeiter aus Sprachprogrammen, Frauen- und Jugendarbeit. Sie spricht Kurdisch so gut wie Deutsch, kennt den Spagat zwischen den Kulturen seit Kindergartentagen. Und bald hat sie einen Abschluss in Sozialer Arbeit in der Tasche.

Wie viele junge Migrantinnen und Migranten gehört auch sie zu einer Generation, deren Migrationshintergrund heute zum großen Potenzial wird. Denn sie sind bestens geeignet, nun selbst junge Neuankömmlinge an die Hand zu nehmen und etwas zu leisten, was die meisten Helferinnen und Helfer derzeit eben nicht können – Sprache und Kultur der Flüchtlinge wirklich verstehen.

Erst seit ein paar Monaten sind Adel Saleh, Ashti Omar und Nidal Ahmad in Deutschland. Im kurdischen Verein haben sie sich kennengelernt. Die drei Kurden sind in ihren Zwanzigern, genau wie Yusef. In der Regel stürmen sie nach dem Sprachunterricht der Flüchtlingsinitiative in ihr kleines Büro.

Sie wollen mit zu den Flüchtlingen, die vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) auf ihre Registrierung warten, um dort als Übersetzer auszuhelfen, sich irgendwie nützlich zu machen. Doch heute nicht. Die Stimmung ist gedrückt, schweigsam stehen Omar und Ahmad neben Saleh. Gerade hat der 29-Jährige erfahren, dass sein gleichaltriger Onkel in der Türkei gestorben ist. Ein Herzinfarkt. Noch vor Monaten war er bei ihm in Istanbul, auf dem Weg nach Deutschland.

Die Ehrgeizigen. Ashti Omar, Adel Saleh und Nidal Ahmad (v.l.n.r.) von Anfang an auch für andere engagiert

Die Ehrgeizigen. Ashti Omar, Adel Saleh und Nidal Ahmad (v.l.n.r.) von Anfang an auch für andere engagiert

Omar und Ahmad haben Verwandte in Berlin, Saleh nicht. Ein Bruder ist in Bremen, ein Onkel in Hannover, eine Schwester in Dänemark gelandet, die Eltern mit der Jüngsten noch in der syrischen Heimatstadt Kobane. »Dort ist es ja nicht mehr so schlimm«, sagt Saleh leise. Und wenig überzeugend.

Er lehnt an der Hauswand vor der Initiative, neben ihm ein abgerissenes Werbeplakat für kostenlose Sprachkurse. Der Lärm aus der Karl-Marx-Straße wabert leise herüber. Normalerweise redet Saleh alle an die Wand. Jetzt starrt er stumm auf die Sperrmüllberge vor dem Nachbarhaus. Verhalten grinst er zurück, als Avevan Yusef ihn anlacht. Es ist gut, dass sie da ist, immerhin sie. Sie inspiriert ihn, er will bald selbst ein Praktikum beim Verein beginnen.

Vertraute Codes

Im Spätsommer hatte Saleh sie an einem Beratungsstand vor dem Lageso kennengelernt, wo sie Flyer mit Angeboten der Initiative verteilte. »Er wollte von Anfang an mithelfen, kam immer wieder an und fragte, was zu tun sei«, erzählt Yusef. Es war nicht schwer, ihn einzubeziehen, die beiden verstanden sich gleich – über die gemeinsame Sprache und vertraute kulturelle Codes. »Mittlerweile führt Saleh Beratungsgespräche am Lageso praktisch ohne uns«, sagt sie und lacht. »Er erklärt den Leuten, welche Termine sie wahrnehmen müssen, wie der Familiennachzug funktioniert oder wo es zum nächstgelegenen Deutschkurs geht.«

Für ihn scheint es der beste Weg, das zähe Warten während des eigenen Asylverfahrens zu überbrücken – sich nützlich machen. Längst verlässt Yusef sich auf sein Können, Gespräche mit den Behörden führen die beiden oft als Team. Er übersetzt vom Arabischen ins Kurdische, sie vom Kurdischen ins Deutsche. Denn Saleh spricht Arabisch und sämtliche kurdischen ­Dialekte aus Syrien, Iran, Irak und der Türkei. »Er ist einfach der Typ, der schon immer Freunde von überall her hatte.«

In seiner Notunterkunft in Moabit war das anders. Salehs Zimmernachbarn kamen aus Albanien, Afghanistan, ein paar auch aus Syrien. Doch es waren keine Kurden. »Ich habe mich dort nie wohl gefühlt«, sagt er knapp. Die Stimmung in den Notunterkünften sei angespannt, Gemeinschaftlichkeit gäbe es dort kaum. Täglich fährt Saleh deshalb nach Neukölln, nicht nur, weil er seine Deutschprüfung bestehen will. Die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler sind Kurden aus Syrien und dem Irak, doch es sind auch Flüchtlinge aus Pakistan, Senegal oder Algerien dabei.

Sie sitzen im Kreis vor einer zusammengeklappten Tischtennisplatte, reichen einen Ball durch die Runde, wer dran ist, nennt seinen Namen. So gut es geht, geben alle ein paar Sätze ihrer Geschichte preis – für den Moment sitzt man eben in einem Boot. Fast alle sitzen sie täglich hier, die junge Architektin aus Palästina mit ihrer Mutter, die Friseurin aus Homs und auch die drei jungen kurdischen Männer. Die Stimmung ist gut, Reizthemen wie Religion werden ausgeklammert, es geht hier nur ums Lernen. Ums Ankommen.

Gemeinschaftliches Setting. Yusef bei ihrer Arbeit

Gemeinschaftliches Setting. Yusef bei ihrer Arbeit

Kulturelle Unterschiede spielen kaum eine Rolle, höchstens die ungleichen Sprachniveaus fallen auf. Einige der syrischen Flüchtlinge sind Vorzeigeschüler. Die meisten von ihnen haben Abitur, je nach Alter auch Hochschulabschluss. Vor ein paar Monaten veröffentlichte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eine Statistik, nach der mehr als 20 Prozent der syrischen Asylsuchenden in Deutschland eine Fachhochschule oder Uni besucht haben. Die wenigsten kommen ohne jegliche Schulbildung. Saleh hat einen Abschluss in Informatik. »In ein paar Monaten spreche ich Deutsch, dann geht es hier für mich los«, sagt er. Trotzig wischt er mögliche Integrationsprobleme beiseite.

»Der Ehrgeiz von Leuten wie Saleh ist riesig«, sagt Yusef. Sie sitzt im Nebenzimmer und erinnert sich, wie es bei ihr war. »Ich war sehr schnell integriert, vielleicht, weil ich die Jüngste war.« Die Geschwister mussten härter kämpfen, hatten viel mehr zu verarbeiten. Trotzdem fielen sie einigermaßen weich, hatten immerhin einander. Ein Bruder ist mittlerweile bei der Polizei, eine Schwester ist Grafikdesignerin, die andere Filmemacherin. Nur der Älteste kam nie richtig an und lebt jetzt wieder im Irak. Auch die Eltern bleiben nur der Kinder wegen. Sie wollen zurück, doch der Familienzusammenhalt ist groß.

Flüchtlingshilfe und Freundschaft

Avevan Yusef weiß, wie ungewöhnlich ihre heile Familienwelt ist. Sie hat in den vergangenen Jahren genügend unbegleitete minderjährige Flüchtlinge getroffen. Kurz nach der Schule hat sie ein Praktikum in einer betreuten Wohngruppe gemacht. »Ich war 20, als ich bei ›Evin e.V.‹ anfing, ein Verein, der sich um jugendliche Flüchtlinge kümmert. Die waren meist nur etwas jünger als ich.«

Sie erzählt von gemeinsamen Spaziergängen im Park, von Geburtstagsfeiern und davon, wie schnell die Grenzen zwischen Flüchtlingshilfe und Freundschaft aufweichten. Dass Abgrenzung und Abschiede schwer fielen und es sich trotz allem gelohnt hat. »Der kulturelle Hintergrund ist schon sehr hilfreich«, sagt auch Andreas Meißner, der pädagogische Leiter bei Evin. »Die Mischung macht’s«, sagt er und meint Integration, die über den deutschen Erfahrungshorizont hinausgeht.

Die Situation wird dennoch immer prekärer. Wöchentlich kommen derzeit mehr als 1.000 jugendliche Flüchtlinge nach Deutschland, die ihre Eltern auf dem Weg verloren haben oder deren Familien erst gar nicht das Fluchtgeld für alle aufbringen konnten. Theoretisch sollen sie in besonderen Unterkünften mit entsprechender Betreuung untergebracht werden. Bei den derzeitigen Zahlen ist das faktisch jedoch kaum möglich. So landen auch unbegleitete Minderjährige immer öfter in Notunterkünften für Erwachsene, wo sie ambulant durch Sozialarbeiter betreut werden, zum Teil nur eine Stunde am Tag.

Die Initiatorin. Media Younis gründetete die erfolgreiche Flüchtlingsinitiative.

Die Initiatorin. Media Younis gründetete die erfolgreiche Flüchtlingsinitiative.

Zudem greift seit November 2015 ein Gesetz, das die bundesweite Verteilung junger Flüchtlinge neu regelt. Wie Erwachsene werden sie nun über das gesamte Bundesgebiet verteilt. Sie bleiben nicht wie bisher in der Obhut der Jugendämter der Städte, in denen sie ankamen – meist waren es Metropolen wie München, Hamburg oder Berlin.

Die Umverteilung soll bestimmte Bundesländer entlasten, könnte jedoch fatale Folgen für die oft traumatisierten Jugendlichen haben. Nicht nur, weil sie in Regionen unterkommen, in denen weder staatliche noch private Einrichtungen ­Erfahrung im Umgang mit Flüchtlingen haben. In der Provinz haben sie auch kaum Chancen, Anbindung an Menschen mit ähnlichem Erfahrungsschatz oder Hintergrund zu finden.

Ausnahmebiografien – ohne Zweifel
Ohne solche Kontakte wäre wohl auch Avevan Yusef heute noch nicht ganz zu Hause in Berlin. Sie hat deutsche Freunde hier, natürlich. Doch viele davon sind in mehreren Kulturen zu Hause. Kaum jemand aus der alten Schulclique hatte keinen Migrations-hintergrund. Der Kontakt zur kurdischen Gemeinde ist ohnehin selbstverständlich – erweiterte Familie eben. Mit ihrer Vorgängerin bei der Flüchtlingsinitiative ist sie befreundet. Media Younis hat das Projekt beim »Kurdischen Kultur- und Hilfsverein« vor zwei Jahren gegründet. Am Abend kommt sie auf Stippvisite vorbei. Auch Medias Bruder ist da, ein ehemaliger Kommilitone von Yusef. Er ist mittlerweile fertig mit dem Studium und arbeitet ebenfalls als Sozialarbeiter beim Verein. Auch Mutter Younis kommt später noch dazu, um ehrenamtlich zu unterrichten. Alle investieren, was sie können.

Sie sind Teil eines außergewöhnlich gut integrierten Netzwerkes. Ausnahmebiografien, ohne Zweifel. Doch woran sonst sollten Saleh und die anderen Kursteilnehmer sich orientieren? Mit Menschen wie Avevan Yusef nutzen sie die kurze Zeit in vertrauter Umgebung, bevor neue Sprachschüler kommen und die Asylverfahren in die nächste Runde gehen. »Manche kommen uns danach noch besuchen, aber zu allen lässt sich der Kontakt nicht halten«, sagt sie und fährt den Computer runter. Nur die innigsten Beziehungen blieben – Facebook, WhatsApp und Skype sei dank. So hält sie auch den Kontakt zur Familie im Irak. »Für mich wäre das Zurückgehen heute noch nichts«, sagt Yusef. »Aber eines Tages …« Sie blickt auf die kurdische Wandzeichnung hinter dem Schreibtisch, dann schließt sie das Büro ab. Sie ist mit ihrem Vater verabredet, der von früher erzählen will.

Adel Saleh hört derzeit unregelmäßig von den Eltern. Eine Rückkehr kann er sich im Moment trotzdem nicht vorstellen. »Ich bin doch gerade erst angekommen«, sagt er und lächelt. Denn meistens geht es ihm gut hier.

Die Autorin ist Redakteurin beim Kunstmagazin »Comtemporary And« und Mitglied der Redaktion von »10 nach 8« bei Zeit Online.

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