Amnesty Journal Libyen 09. Dezember 2015

"Die härteste Entscheidung meines Lebens"

Zeichnung einer aufgeschlagenen Zeitschrift

Er hat in TV-Reportagen Korruption aufgedeckt, über ­Waffenhändler, Kinderarbeit, Folter berichtet und die Mächtigen in Libyen zur Verantwortung gezogen. ­Mehrmals hat man ihm deshalb die Waffe an den Kopf ­gehalten, ihn zusammengeschlagen. Schließlich blieb dem Journalisten Salah Zater nur noch die Flucht. Weiter­kämpfen will er trotzdem.

Von Alexandra Mankarios

Zwei Mörder seien gefasst, erfährt Salah Zater aus Milizkreisen in der libyschen Hauptstadt Tripolis. Als der Journalist nachfragt, ob die Milizionäre ihren Verdacht beweisen könnten, führt man ihm die vermeintlichen Schuldigen vor. »Das waren ganz junge Männer, vielleicht 18 Jahre alt«, erinnert sich Zater. »Das Blut lief an ihnen herunter, sie konnten kaum stehen. Mir war sofort klar, dass die Miliz sie gefoltert hatte.«

Heimlich filmt Zater die Szene, die sich im Sommer vergangenen Jahres ereignete, mit dem Handy. Nicht zum ersten Mal – der damals 28-jährige Journalist war landesweit bekannt für seine mutigen Reportagen, in denen er Missstände und Menschenrechtsverletzungen aufdeckte. Dieses Mal allerdings misslang das riskante Manöver. Zater flog auf, wurde stundenlang festgehalten, bedroht, misshandelt. Zwar ließ man ihn schließlich laufen, aber die Gefahr war nicht gebannt: Er erfuhr, dass der Anführer einer der berüchtigtsten Milizen nach ihm suchen ließ.

Gleichzeitig wandelte sich die Stimmung im Sender. Anstelle kritischer Beiträge sollte Zater einen Gefälligkeitsbericht über eben den Milizchef produzieren, der hinter ihm her war. Zater weigerte sich und entschloss sich zur Flucht. Nur seinen Pass holte er noch aus seiner Wohnung, dann floh er nach Tunesien. Reporter ohne Grenzen, Amnesty und die NGO »Committee to Protect Journalists« (CPJ) unterstützten ihn in diesen dramatischen Tagen. »Alle ein bis zwei Stunden riefen meine Ansprechpartner an, um zu checken, ob es mir gut geht und ich in Sicherheit bin«, erzählt Zager.

Im Februar 2015 kam der Journalist in Deutschland an. Als Gast der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte darf er ein Jahr lang in der Hansestadt bleiben, sich erholen, Pläne schmieden. »Es war die härteste Entscheidung meines Lebens, Libyen zu verlassen«, berichtet Zater. »Ich habe mich gefühlt, als würde ich aufgeben. So vielen Menschen dort geschieht Unrecht. Sie brauchen jemanden, der ihnen eine Stimme gibt.«

Aber nun sitzt er hier, in der kleinen Mansardenwohnung unweit des Hamburger Schanzenviertels. Über dem schwarzen Ledersofa hängen kleine Bilderrahmen mit Rosendarstellungen, drei leere Buntglasvasen zieren die Fensterbank – so unpersönlich wie eine Beispielwohnung im schwedischen Möbelhaus, eine Durchgangswohnung eben. Im Januar 2016 wird ein anderer politisch Verfolgter hier für ein Jahr einziehen.

Während Zater Kaffee kocht, erzählt er im Plauderton von einem Erlebnis am Morgen im Park. Eigentlich habe er nur ein wenig abschalten wollen. Aber dann habe er eine junge Frau gesehen, die im Gras saß und weinte. Erst sei er unsicher gewesen, ob es in Deutschland angemessen sei, sie einfach anzusprechen, dann habe er es aber doch gewagt. 20 Minuten lang schüttet sie ihm ihr Herz aus, erzählt von Problemen im Job. Zater hört zu, tröstet, spricht Mut zu. Dann versiegen die Tränen. »Nur 20 Minuten! Das reicht manchmal schon aus, um etwas zu verändern!« ruft Zater leidenschaftlich. So als ließe sich mit genug Zeit und Entschlossenheit eigentlich auch die ganze Welt retten.

Nicht zusehen, sondern eingreifen – genau diese Haltung ist es, die dem jungen Libyer erst eine steile TV-Karriere und dann Misshandlungen, Morddrohungen und Flucht eingebracht hat. Über einen Freund sei er 2011, kurz nach der Revolution, mit Fernsehleuten in Kontakt gekommen, erzählt er. Die Journalisten witterten Talent in Zater, boten dem 23-Jährigen eine zehntägige Kurzausbildung beim Fernsehen an. Er nahm an. »Nach drei Tagen habe ich meinem Chef gesagt, dass ich bereit sei zu arbeiten. Ich benötigte die restliche Ausbildung nicht«, erinnert er sich. »Das war natürlich eine totale Fehleinschätzung, aber ich wollte unbedingt sofort loslegen.«

Schnell erarbeitete sich Zater eine feste Position bei den Privatsendern Al-Aseema und Al-Nabaa, indem er tat, was sich in der chaotischen Bürgerkriegslage im Land sonst kaum jemand traute: Er recherchierte investigativ.

Vor der Kamera konfrontierte er Drogenfahnder damit, dass Haschischkonsumenten berichteten, ihre Drogen bei der Polizei zu kaufen. Als das Arbeitsministerium behauptete, in Libyen existiere keine Kinderarbeit, stellte er in einer Reportage Zehnjährige vor, die eben doch arbeiten. Es dauerte nicht lange, bis Zater damit sowohl bei der Regierung aneckte als auch bei den bewaffneten ­Milizen, die große Teile des Landes kontrollieren und für Hunderte Entführungen und Morde verantwortlich sind.

An der politischen Gesamtlage kann auch Zater mit seiner Arbeit wenig ändern. Aber an der Lebenssituation einzelner Menschen schon: »Das Schönste an meiner Arbeit war, wenn sich Betroffene nach meinem Bericht gemeldet und bedankt ­haben. Eine obdachlose Familie etwa, die ein neues Zuhause gefunden hat, ein Kranker, der endlich eine Behandlung erhielt. Ich bin überzeugt, dass man mit Worten viel verändern kann.«

Mit seinen Worten kämpft er auch von Deutschland aus weiter, in Vorträgen, an Universitäten, in sozialen Netzwerken, im Freundeskreis. Wer ihm zuhört, merkt schnell: Er kann gar nicht anders. »Manchmal frage ich mich, wieso ich das alles tue«, sagt Zater leise. »Ich bin doch noch jung, ich sollte mein Leben genießen, reisen, es mir gut gehen lassen. Aber ich muss ständig da­ran denken, wie vielen Menschen es in Libyen und anderswo schlecht geht.« Also engagiert er sich, trifft sich mit Flüchtlingshelfern oder versucht, deutsche Journalistinnen und Journalisten zum Einsatz für Gerechtigkeit und Menschenrechte zu bewegen.

Nur sich selbst kann der junge Libyer kaum helfen. Die politische Lage in seinem Land hat auch aus der Ferne ihren Schrecken nicht verloren. Im Juni haben Kämpfer des Islamischen Staats bei Gefechten seinen Bruder erschossen. Seine Zukunft: völlig ungewiss. Zaters Visum läuft im Januar ab, was danach kommt, weiß er nicht. Nach Libyen kann er vorerst nicht zurückkehren. »Das ist im Moment unmöglich. Die Gefahr ist für mich noch größer geworden, seit ich hier bin. Sie wissen dort, dass ich hier alles erzählt habe, über die Milizen, den Islamischen Staat, die Politiker. Sie würden mich nicht in Frieden leben lassen.« ­Einer Sache aber ist er sich sicher: »Wo immer ich ab Januar lebe, ich werde weiter für die Wahrheit und die Menschenrechte kämpfen.«

Die Autorin ist freie Journalistin.

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