Amnesty Journal 22. Juli 2015

"Die Darstellung von Armut und Gewalt trägt eine politische Botschaft"

Wagner Moura ist der derzeit bekannteste Schauspieler Brasiliens. Sein neuer Film "Trash", ein rasanter Thriller, thematisiert die großen sozialen Unterschiede im Land. Er spielt auf einer Müllkippe.

"Trash" handelt von dem, was der Titel verspricht: Abfall. Er ist die Lebensgrundlage zahlreicher Menschen, die auf einer riesigen Mülldeponie in Rio de Janeiro leben. Ist das für die Menschen dort normal?
Der Film ist ein Märchen, das an die brasilianische Wirklichkeit angelehnt ist: Ja, es gibt Menschen in Rio, die von dem leben, was sie auf dem Müll finden. Aber die meisten Favela-Bewohner haben gewöhnliche Jobs in der Stadt. In einer großen ­Favela, zum Beispiel in Rocinha, gibt es Restaurants, Geschäfte und Dienstleister wie in jedem anderen Stadtteil auch.

Aber nirgendwo sonst werden Filme auf Mülldeponien gedreht. Lucy Walker hat für ihren Dokumentarfilm "Waste Land", der auf der Mülldeponie Jardim Gramacho gedreht wurde, 2010 den Amnesty-Filmpreis gewonnen. In "Trash" ­liegen die Häuser vieler Familien im Dreck. Hat Müll eine ­besondere Bedeutung in Brasiliens Kino?
Eigentlich gibt es hier Filme jedweder Art. Aus irgendeinem Grund werden aber immer die gewaltsamen Filme, die in den Favelas spielen, von den großen Filmfestivals oder für den internationalen Verkauf ausgewählt. Es gibt hier eine Tradition des politischen Films: In den sechziger Jahren gab es die Bewegung "Cinema Novo", die politische Filme im Stil des italienischen Neorealismus hervorbrachte. Filme wie "City of God" und "Tropa de Elite" sind mit dieser Tradition eng verbunden, auch wenn sie sich unter Liebhabern des Gangsterfilms großer Beliebtheit erfreuen und in Europa beinahe Kultstatus genießen. Natürlich, die Darstellung von Armut und Gewalt hat eine politische Botschaft und ist Teil der Filmtradition.

In "Trash" tritt der Ermittlungsbeamte als Bösewicht in Erscheinung. Was denkt man in Brasilien über die Polizei?
Sie existiert seit jeher, um den Staat zu beschützen, nicht die Menschen – insbesondere nicht die Armen. Arme wurden immer als Gefahr für den Staat angesehen, deshalb ist die Polizei darauf getrimmt, sie gar nicht erst als Bürger wahrzunehmen. Es stimmt, dass die Polizisten extrem gewalttätig und korrupt sind. Sie werden schlecht bezahlt und sind sehr schlecht ausgebildet. Die Institution Polizei hat einen ganz schlechten Ruf.

Brasilien ist dabei, zu den großen Industrienationen aufzuschließen. Elend und unendlicher Reichtum liegen hier dicht beieinander. Wie erleben Sie diese gesellschaftliche Spaltung?
Soziale Unterschiede waren schon immer das größte Problem in diesem Land. Brasilien ist die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt – auf dem "Human Development Index" steht es auf den unteren Plätzen. In den vergangenen zehn Jahren haben wir mit Sozialprogrammen und durch die Stabilisierung der Wirtschaft große Fortschritte erzielt, aber Brasilien ist immer noch ein Land, in dem es sehr ungerecht zugeht.

Sie sind einer der Prominenten, die in einem offenen Brief Politiker aufgefordert haben, den diesjährigen UNO-Gipfel dazu zu nutzen, die Lebensbedingungen auf der Erde zu verbessern. Extreme Armut und Ungleichheit sollen bekämpft, der Klimawandel aufgehalten werden. Glauben Sie an einen Erfolg?
Den müssen wir unbedingt haben! Es ist schwierig, Politiker eines reichen Landes davon zu überzeugen, extreme Armut zu bekämpfen. Sie neigen dazu, dies nicht zu ihren Aufgaben zu zählen. Das wird immer die große Herausforderung sein. Die Auswirkungen der globalen Erwärmung aber betreffen uns alle.

Hat Ihr soziales Engagement Einfluss auf die Rollen, die Sie annehmen?
Ich interessiere mich für komplexe Charakterrollen aller Art. Ich bewerte sie nicht. Wenn ich durch den Film jedoch einer sozialen Sache dienen kann, umso besser.

Sie spielen gern recht körperliche Charaktere – wie den brutalen Capitão Nascimento im Berlinale-Gewinnerfilm "Tropa de Elite"; Auftragskiller waren Sie auch schon. In "Trash" wird Ihre Figur ermordet, demnächst spielen Sie den kolumbianischen Drogenbaron Pablo Escobar. Was fasziniert Sie daran?
In Lateinamerika sind Gewalt und Korruption Teil unseres Alltags. Diese Rollen sind die logische Folge. Ich habe aber auch eine Vielzahl von Rollen gespielt, die weder mit Gewalt noch mit Korruption zu tun hatten – aber diese Filme wird man in Europa wahrscheinlich nie zu sehen bekommen!

Sie sind ausgebildeter Journalist. Wenn Sie in diesem Beruf arbeiten würden, welche Geschichten ­kämen dabei heraus?
Im Journalismus muss man auf den Alltag schauen, darauf, was passiert auf der Welt in diesem Moment. Diese Eindrücke sind auch für einen Schauspieler ganz wichtiges Arbeitsmaterial.

Was müssen die Leser eines deutschen Magazins zum Thema Menschenrechte über Ihre Arbeit als Schauspieler wissen?
Ich habe einen wunderbaren Film in Berlin gedreht: "Praia do Futuro". Ich liebe Berlin und ich habe mich mit Clemens Schick angefreundet. In Brasilien, das ja ein sehr konservatives Land ist, hat der Film viel Polemik entfacht, Schick und ich spielen darin ein schwules Paar. Der Film hat eine wichtige Rolle im Kampf für die Rechte von Homosexuellen in Brasilien gespielt. Und übrigens: Es gibt darin weder Gewalt noch Korruption!

Fragen: Jürgen Kiontke

"Trash"
Ob Fußball-WM 2014 oder Olympische Spiele 2016: Die brasilianische Großstadt Rio de Janeiro macht weltweit auf sich aufmerksam. Und zwar nicht nur im positiven Sinne, sondern auch durch Korruption und Misswirtschaft. Nicht zum ersten Mal dient dies als Grundlage für einen Spielfilm. Auf der Basis des Romans "Trash" von Andy Mulligan wühlt Regisseur Stephen Daldry im Müll der Wirtschaftsmacht Brasilien.

Und dies ist durchaus wörtlich zu verstehen: Kurz bevor José Angelo (Wagner Moura) von Polizisten getötet wird, kann er seine Brieftasche mit brisantem Inhalt noch auf einen Mülltransporter werfen. Der korrupte Polizist Frederico (Selton Mello) lässt sofort die Slums durchkämmen, aber da haben die Müllsammel-Kinder Rafael (Rickson ­Tevez) und Gardo (Eduardo Luis) die Brieftasche mit dem Geheimnis schon eingesteckt.

Frederico versucht es dann mit einer großzügigen Belohnung – aber die Jungen halten dicht. Bald wird klar, dass das Leben eines Müllsammlers in Rio nicht viel wert ist und staatliche Organe eine höchst unrühmliche Rolle spielen. Sie lassen Menschen verschwinden, drohen mit Scheinexekutionen oder verüben tatsächlich Hinrichtungen.

Ein Film voller sozialer Spannungen und skurriler Begebenheiten, der die Menschenrechtssituation in der brasilianischen Metropole drastisch darstellt.

"Trash". BRA/GB 2014. Regie: Stephen Daldry. Darsteller: Wagner Moura, Selton Mello. Kinostart: 18. Juni 2015.

Wagner Moura
Wagner Maniçoba de Moura, 39, ist ein brasilianischer Film-, Fernseh- und Theaterschauspieler, der vor ­allem in sozialkritischen Rollen wirkt. In seinen Filmen steht oft die Kritik an alltäglicher Gewalt und Korruption im Vordergrund.
Zunächst studierte Moura Journalismus an der Universidade Federal da Bahia, entschied sich dann aber für eine Karriere als Schauspieler. In Europa erlangte er vor allem mit der Hauptrolle des depressiven Polizeikommandanten Nascimento in José Padilhas Film "Tropa de Elite" Berühmtheit: Ein Kommandant, der mit seinen brutalen ­Kollegen in den Slums von Rio anlässlich eines Papstbesuchs aufräumt (Amnesty Journal 08-09/2009). Der Film gewann den Goldenen Bären der Berlinale 2008. Zuletzt war Moura in Karim Aïnouz’ "Praia do Futuro" zu sehen, der sich mit dem Thema Migration auseinandersetzt ­(Amnesty Journal 10-11/2014).

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