Amnesty Journal 17. September 2014

"Sie nehmen sich zu viel Freiheit heraus"

Josef Haslinger. Der Schriftsteller und Präsident des deutschen PEN im Gespräch

Josef Haslinger. Der Schriftsteller und Präsident des deutschen PEN im Gespräch

Das Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist Finnland. Doch nicht überall auf der Welt sind Schriftsteller so frei in ihrem Tun wie dort. Ein ­Gespräch mit Josef Haslinger, selbst Autor und ­Präsident des PEN-Zentrums Deutschland, über ­verfolgte Kollegen.

Im vergangenen Jahr hat der PEN 900 Fälle verfolgter, inhaftierter oder ermordeter Schriftsteller weltweit dokumentiert. Was sind das für Fälle?
Das vermeintliche Vergehen der verfolgten Literaten ist immer dasselbe: Sie nehmen sich in ihren veröffentlichten Gedanken zu viel Freiheit heraus. Sie nehmen zu wenig Rücksicht auf die herrschenden Verhältnisse. Sie verbreiten die Idee, dass es auch anders sein könnte, als es ist. Oder aber sie legen sich tatsächlich konkret mit den Machthabern oder einer herrschenden Clique an, die daraufhin beschließt, sie zum Schweigen zu bringen. Und dann bleibt, wenn die Autorin oder der Autor Glück hat, nur noch die Flucht.

Welcher Fall hat Sie im vergangenen Jahr besonders berührt?
Wir haben im vergangenen Jahr mehrere Veranstaltungen mit der mexikanischen Autorin und Investigativjournalistin Ana Lilia Pérez organisiert. Dabei habe ich sie persönlich gut kennengelernt. Und im Gegensatz zu anderen Autoren, die auch im Exil noch Angst haben, dass der lange Arm der Machthaber ihres Heimatlandes sie doch noch ergreifen könnte, hat Ana Lilia Pérez ganz offen darüber gesprochen, wie sie in den letzten Jahren in Mexiko auf Grund mehrerer Morddrohungen nur noch mit kugelsicherer Weste auf die Straße gehen konnte. Als sie dann Ende 2011 das Buch "El Cártel Negro" (Das Schwarze Kartell) über die Machenschaften zwischen der Regierung, dem Staatsunternehmen Petróleos Mexicanos und der Drogenmafia veröffentlichte, wurde es so gefährlich, dass sie flüchten musste. Sehr berührt hat mich auch der Fall eines syrischen Flüchtlings, eines Autors und Filmemachers, über den ich aber lieber nichts Näheres sage.

Warum?
Weil er seinen Kampf für Freiheit auch im Exil fortsetzt. ­Bekanntlich haben Bürgerkriege oft auch eine internationale ­Dimension und auch eine entsprechende Gefährdungslage.

In welchen Regionen sind Schriftsteller akut gefährdet?
Da sind an erster Stelle China, an zweiter Stelle Vietnam und an dritter Stelle immer noch der Iran zu nennen. Was China betrifft, hat der internationale PEN schon verschiedene Strategien versucht: Konfrontation, Mobilisierung der Öffentlichkeit durch detailgenaue Berichte über die Verfolgungslage, diplomatische Interventionen etc. Im Moment wird wieder das Gespräch gesucht. Aber mein Eindruck ist mittlerweile, es wird nicht gefunden.

Der Arabische Frühling hatte große Hoffnungen geweckt, dass es Schriftsteller und Journalisten im nördlichen Afrika einmal leichter haben würden. Sehen Sie Fortschritte oder überwiegt das Rollback in der Region?
Im Augenblick überwiegt das Rollback. Aber der äußere Schein kann auch trügen. Denn wenn das Pflänzchen Freiheit einmal zu blühen begonnen hat, dann blüht es in den Köpfen weiter, auch wenn es noch keine funktionierende Demokratie gibt. Der Prozess der Befreiung kann nicht einfach rückgängig gemacht werden, weder in Libyen noch in Ägypten. Aber die Gegner haben sich neu formiert.

Doch selbst in einer formalen Demokratie wie der Türkei werden Schriftsteller massiv verfolgt …
In der Türkei ist die Lage zuletzt ziemlich unübersichtlich ­geworden. Einerseits gibt es zwei gleichsam alte Stränge gerichtlicher Verfolgung. Der eine richtet sich gegen die KCK, eine kurdische Nachfolgeorganisation der verbotenen PKK, der andere betrifft die sogenannte Ergenekon-Untersuchung, die eine angebliche ultranationalistische Verschwörung zum Sturz der Regierung aufdecken will. Im Zuge dieser Untersuchung wurden immer wieder investigative Journalisten, Autoren, Universitätsleute und Anwälte getötet, verhaftet oder attackiert, wobei die behaupteten Zusammenhänge oft höchst dubios sind. Im Zuge der Gezi-Park-Bewegung gerieten aber auch viele andere kritische Personen ins Visier der Staatsmacht – Autoren, Reporter, Verleger, Intellektuelle.
Auch die in Frankreich lebende Soziologin und Schriftstellerin Pınar Selek geriet erneut unter Anklage. Selek, die zunächst ohne Rechtsbeistand zwei Jahre in Untersuchungshaft saß und schwer gefoltert wurde, wurde bereits dreimal freigesprochen und von zahlreichen Gutachtern entlastet. Das sich mittlerweile über 16 Jahre hinziehende Gerichtsverfahren gegen sie weist zahlreiche Verstöße gegen rechtsstaatliche Prinzipien auf. Das deutsche PEN-Zentrum ist in diesem Fall als Prozessbeobachter vor Ort.
Eine andere Autorin, Meltem Arıkan, die der Gezi-Park-Bewegung nahestand, wurde mehr oder weniger von Erdoğan persönlich in einer Rede bei einer Parteiversammlung aus dem Land gejagt. Sie wurde daraufhin massiv bedroht und lebt nun in Großbritannien. Wir haben sie zur Frankfurter Buchmesse eingeladen, um ihren Fall darzustellen.

900 verfolgte Schriftsteller innerhalb eines Jahres, das ist bedrückend. Gibt es auch Erfolge?
Ja, es gibt auch Erfolge. Und sie werden vom internationalen PEN genauso registriert und bekannt gegeben wie die Misserfolge. Wenn der Druck auf die Staaten nur groß genug ist, werden immer wieder auch Autoren vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen. Selbst in China ist das mitunter der Fall.

Wie überprüft der PEN, dass Fälle echter Verfolgung vorliegen? Gibt es eigene Recherchen vor Ort?
Der internationale PEN in London unterhält ein eigenes "Writers-in-Prison-Committee", das eine Vielzahl von Quellen nutzt und für jede Information die Bestätigung durch mindestens eine zweite Quelle sucht. Dazu gehören Presseberichte, ­Berichte von Personen in der Region, von Betroffenen, von ­anderen Menschenrechtsgruppen wie zum Beispiel Amnesty International, von PEN-Mitgliedern, von Botschaftsmitarbeitern, Familien von Gefangenen, deren Rechtsanwälten und Freunden. Das Komitee arbeitet auch mit internationalen NGOs wie "Article 19" und "Index on Censorship" zusammen. Im vergangenen Jahr hat das deutsche PEN-Zentrum "Index on Censorship" den Hermann-Kesten-Preis für besondere Verdienste um verfolgte Autoren verliehen.

Was tut der PEN, um verfolgten Schriftstellern zu helfen?
Abgesehen von der Beteiligung an den Kampagnen der weltweit koordinierten "Writers-in-Prison"-Arbeit besteht die Haupttätigkeit des deutschen PEN-Zentrums, in mehreren Städten Deutschlands acht Wohnungen zu unterhalten, in denen verfolgte Autoren mit Unterstützung der Bundesregierung für ein bis drei Jahre einen sicheren und auch finanziell abgesicherten Aufenthalt haben. Manche können danach in ihre Heimat zurückkehren, zum Beispiel weil ein Regierungswechsel stattgefunden hat, manche bleiben in Deutschland und wir sind ihnen behilflich, politisches Asyl zu erhalten. Manche ziehen weiter in andere Länder. Jeder unserer Exilautoren wird nach seinen individuellen Bedürfnissen behandelt. Es wurde noch nie jemand nach Ablauf seines Stipendiums einfach in den Verfolgerstaat zurückgeschickt. Unser "Writers-in-Exile"-Programm ist führend in der internationalen PEN-Gemeinde, wie uns neulich vom internationalen PEN-Präsidenten John Ralston Saul bescheinigt wurde.

Fragen: Uta von Schrenk

Josef Haslinger
Haslinger wurde 1955 in Zwettl/Niederösterreich geboren, er lebt in Leipzig und Wien. Der studierte Philosoph, Theaterwissenschaftler und Germanist war Mitherausgeber der Literaturzeitschrift "Wespennest" und Generalsekretär der Grazer Autorenversammlung. Haslinger ist Mitbegründer der antirassistischen Plattform "SOS Mitmensch". Seit 1996 ist er Professor für Literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig und seit 2013 Präsident des deutschen PEN-Zentrums. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter Essays und ­Romane, sein bekanntestes Werk ist "Opernball".

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