Prügel und Elektroschocks
Claudia Medina Tamariz wurde gefoltert, um ein Geständnis zu erzwingen. Nun kämpft sie darum, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.
Von Wolf-Dieter Vogel
Am 7. August 2012 dringen Soldaten mitten in der Nacht in das Haus von Claudia Medina Tamariz in der mexikanischen Hafenstadt Veracruz ein. Sie fesseln die Frau und verbinden ihr die Augen. Noch bevor die Mutter dreier Kinder versteht, was passiert, wird sie zur Vernehmung auf einen nahe gelegenen Marinestützpunkt gebracht. Man wirft ihr vor, einer Bande anzugehören, die fünf Journalisten getötet hat, mit Drogen handelt und für weitere kriminelle Delikte verantwortlich ist.
Die Strafverfolger stehen unter Druck, denn die Ermordung der Journalisten hatte international für Schlagzeilen gesorgt. Weitere Verdächtige werden festgenommen und am nächsten Tag den Medien zur Schau gestellt. Zeitungen und Fernsehsender zeigen daraufhin Bilder von Claudia Medina Tamariz und sechs Männern. Vor ihnen liegen Gewehre, Granaten sowie einige Kilogramm Marihuana und Kokain – Material, das angeblich bei der Festnahme der Verdächtigen beschlagnahmt wurde. Staatsanwalt Amadeo Flores Espinoza erklärt, die Beschuldigten hätten zugegeben, dem Kartell "Jalisco Nueva Generación" anzugehören und die Morde verübt zu haben.
Wie aber kamen die Geständnisse zustande? Auf dem Marinestützpunkt angelangt, sei sie getreten, verprügelt und mit Elektroschocks gefoltert worden, berichtet Medina Tamariz. Ihre Peiniger hätten ihr gedroht, sie mit einer Eisenstange zu vergewaltigen, und ihr mit einer Spritze Chilisoße in die Nase gedrückt. Anschließend habe man sie auf einen Stuhl gefesselt und in die sengende Sonne gesetzt. Einer der Soldaten habe ihr Fotos von Personen gezeigt, die sie nie gesehen habe, und gedroht: "Wenn du dort ankommst, wo wir dich hinbringen, wirst du sagen, dass du diese Leute kennst." Sollte sie etwas anderes behaupten, "werden wir dir noch einmal dasselbe antun".
Mit verbundenen Augen wurde Claudia Medina dann zur Generalstaatsanwaltschaft gebracht. Als man ihr die Augenbinde abnahm, stellte sie fest, dass auch ihr Schwager und ihr Mann festgenommen worden waren. Alle drei wurden in der Behörde verhört. Dann zwangen Marinesoldaten Medina, eine Erklärung zu unterschreiben, die sie nicht durchlesen durfte. "Wenn sie mich nicht gefoltert hätten, hätte ich das Geständnis nie unterschrieben", sagte sie später Amnesty. Bei einem Gerichtstermin in der folgenden Woche zog sie ihr vermeintliches Geständnis zurück und berichtete von den Folterungen. Der Richter ließ daraufhin bis auf illegalen Waffenbesitz alle Vorwürfe fallen. Claudia Medina kam gegen Zahlung einer Kaution frei, ihre Angehörigen blieben jedoch im Gefängnis, obwohl auch sie erklärten, gefoltert worden zu sein.
Als Medina im September 2012 wegen illegalen Waffenbesitzes vor Gericht stand, schilderte sie erneut die Misshandlungen. Daraufhin ordnete der Richter eine Untersuchung der Vorwürfe durch die Generalstaatsanwaltschaft an. Doch bis heute hat die Behörde nicht einmal veranlasst, dass das Opfer medizinisch und psychologisch untersucht wird. Auch die Nationale Menschenrechtskommission hat keine Empfehlung abgegeben, obwohl Claudia Medina dort Beschwerde eingereicht hat. Dennoch kämpft sie weiter: Die Behörden müssen die Täter finden und sie zur Verantwortung ziehen, fordert Medina.