Amnesty Journal Iran 03. Juni 2014

Menschenrechtsballett

Ein bewegender Film: In Richard Raymonds »Wüstentänzer« dreht sich alles um die Frage der persönlichen Freiheit. Und das ist ganz wörtlich zu verstehen.

Von Jürgen Kiontke

Afshin (Reece Ritchie) steht vor der Tafel und tanzt. Die Klassenkameraden johlen. Man sieht: Der Junge hat ­Talent – doch dann kommt der Lehrer. Afshins Mutter schaut sich später seine Handflächen an: völlig zerschlagen. Die Strafe war drastisch.

Es soll nicht die einzige bleiben. Was Afshin, der Held in Richard Raymonds Film »Wüstentänzer«, im Klassenzimmer vorgeführt hat, ist nicht legal: Der Film spielt im Iran der neunziger Jahre, Tanzen ist verboten. »Tanze in deinem Herzen«, rät ihm der Direktor des Saba Art Center, der Kunstschule, auf die Afshin geschickt wird. Die neue Schule ist eine geschlossene Veranstaltung. »Hier drinnen sind wir frei«, sagt ihr Leiter. Dort wird gemalt, gebastelt, Ballett geprobt.

Dann springt der Film ins Jahr 2009 – in die Zeit der iranischen Präsidentschaftswahl. Die Opposition ist auf der Straße. Afshins Freunde haben einen Internet-Account gehackt – nun schauen sie Aufnahmen von politischen Aktionen auf Youtube. Auch der junge Tänzer hat großes Interesse an dem Videoportal. Voller Begeisterung versenkt er sich in Filmszenen über Rudolf Nurejew und Pina Bausch.

Tanzen wird Afshins ganz persönliches politisches Statement. Er gründet mit der hochbegabten, aber heroinabhängigen Elaheh (Freida Pinto, Protagonistin in »Slumdog Millionär«) ein Ensemble. Für den ersten Auftritt brauchen sie eine Bühne, die viel Raum bietet, aber nicht von jedem einsehbar ist: die grandiose Wüste. Dennoch folgt bald der Zugriff, die Freunde landen in einem Gefängnis der regierungstreuen Bassidsch-Miliz, Schläge und Schlimmeres folgen.

Raymond hat eine reale Geschichte verfilmt: die des jungen Iraners Afshin Ghaffarian. Der 38-jährige Choreograf, der sich das Tanzen selbst beibrachte, floh im Jahr 2010 nach Frankreich. Heute lebt er in Paris und tritt weltweit auf – nur eben nicht in seinem Heimatland. Es gibt nicht viele Orte auf der Welt, wo es Tanzverbote gibt. Und so machen die Verhältnisse aus dem harmlosen Vergnügen zwangsläufig ein politisches Ganzkörperstatement.

Raymond inszeniert Ghaffarians Geschichte, indem er den Fokus auf den Tanz legt. Die Verknüpfung von Politik und Bewegung in den Wüstenszenen ist anrührend, überwältigend und wunderschön. Das lässt die erzählerischen Schwächen des Films vergessen: Allzu rasch ist der Lauf der Dinge klar. So schlägt sich ein von der Bassidsch-Miliz in die Tanzkompagnie eingeschleuster Spitzel allzu schnell auf Afshins Seite. Die Motivation der Sittenwächter wird kaum ausgeleuchtet, ebenso wenig Elahehs Drogensucht, die durchaus für die Gemütsverfassung einer ganzen Generation stehen kann. Dennoch ist der »Wüstentänzer« ein absolut sehenswertes Experiment, das einen politischen Kontext mit grandiosen Bildern interpretiert.

»Wüstentänzer – Afshins verbotener Traum von Freiheit«. GB/IRN 2014. ­Regie: Richard Raymond, Darsteller: Reece Ritchie, Freida Pinto.
Kinostart: 3. Juli 2014

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