Amnesty Journal Israel und besetzte Gebiete 03. Juni 2014

Auf den Steinen der Anderen

In »Stein, Papier« erzählt Tomer Gardi die Geschichte seines Kibbuzes, für dessen Bau Steine eines zerstörten palästinensischen Dorfes verwendet wurden.

Von Isabel Enzenbach

Als hätte ich ein lebendiges Pferd verschluckt, das mit mir auf seinem Rücken losgaloppiert«, so beschreibt Tomer Gardi seinen Zustand, als er beiläufig erfährt, wie das Museum im Kibbuz Dan entstanden ist: Es wurde mit Steinen eines zerstörten arabischen Dorfes erbaut. Das offene, aber unausgesprochene Geheimnis lässt ihn nicht mehr in Ruhe. Gardi galoppiert mit seinen Lesern in einem sehr persönlichen Buch durch die Geschichte des Kibbuzes, in dem er geboren und aufgewachsen ist. Er erzählt die verschwiegene Geschichte des 1948 zerstörten palästinensischen Dorfes Hounin, das Schicksal seiner Bewohner, der von israelischen Soldaten vergewaltigten palästinensischen Frauen und den Weg der Steine, die benutzt wurden, um an anderer Stelle die jüdische Kollektivsiedlung zu errichten. Dabei geht es Gardi in »Stein, ­Papier« um ein grundsätzliches Infragestellen: Er nervt seine ­Jugendfreunde und Eltern mit Fragen, geht in Archive und sucht Kontakt zu den vertriebenen palästinensischen Familien.

Ausgangspunkt seiner Recherche ist das Kibbuzarchiv, einst das Kinderhaus, in dem Gardi aufgewachsen ist. Dort findet er Dokumente und Schilderungen der Pioniere jüdischer Siedlungen im Norden Israels. Gardi ist Enkel eines Sklavenarbeiters in den Steinbrüchen des Konzentrationslagers Mauthausen. Selbstverständlich bekommt er den Schlüssel zum Archiv und alle Freiheit, die er zur Erschütterung der Geschichtserzählung seines Kollektivs nutzt. Das Kibbuz-Museum jedoch birgt keinen Hinweis auf seine Entstehung und auf den ersten arabisch-israelischen Krieg 1948. Der Autor erzählt mit Furor die Geschichte der Zerstörung des palästinensischen Dorfs und dekonstruiert die Sichtweise, wie sie in dem Museum – gebaut aus den Steinen der Häuser von Hounin – mit seiner Hinwendung zur Natur und Geschichte der Region angeboten wird. Die Pläne zur Trockenlegung der nahegelegenen Sümpfe, die zeitweise verfolgt wurden, verbindet Gardi mit Mythen und Fantasien über Sümpfe und unterzieht diese ebenfalls einer Fundamentalkritik. Bei seinen Archivrecherchen stößt er unter anderem auf Spuren der ersten israelischen Wehrdienstverweigerer. Er beschreibt eindrücklich ihre Verfolgung durch die Armee und die persönlichen Dramen und Familiengeschichten dieser als Drückeberger stigmatisierten Jungen in den Anfangsjahren des israelischen Staates. Wo er hinkommt, beginnt er zu graben, in Wunden zu bohren. Gardi sucht auch Kontakt zu ehemaligen Bewohnern Hounins. Er findet Nachfahren der ehemaligen Dorfbewohner in Berlin und im Libanon. Doch das Misstrauen, das ihm entgegenschlägt, ist unüberwindbar.

Sprachlich und formal ist »Stein, Papier« subjektiv, sprunghaft, radikal. Die Lust am Widerspruch ist das Grundprinzip des assoziativen Textes, voller literarischer Anspielungen: So bezieht sich Gardi unter anderem auf Dantes Göttliche Komödie, das Nibelungenlied, Joseph Conrads »Herz der Finsternis« und Gedichte Else Lasker-Schülers, um das Geschehen einzubetten. Es ist kein leicht und flüssig zu lesendes Buch, sondern ein Ritt in verschiedenen Gangarten, der eine subjektive und kritische Auseinandersetzung mit israelischen Geschichtsmythen erlaubt. Überraschend endet die Spurensuche mit der versöhnlichen Utopie einer multiethnischen Gesellschaft. Im Kibbuz Dan schlagen, während er das Buch schreibt, aus dem Libanon abgefeuerte Katjuscha-Raketen ein, so erzählt es Gardis Vater dem Sohn am Telefon: »Wir hätten um ein Haar deine Steine nach Hounin zurückbringen können.«

Ein Glossar im Anhang klärt den nicht-israelischen Leser über einige der zahllosen Anspielungen auf, die für die meisten deutschen Leser vermutlich rätselhaft sind. So öffnet das Buch die Tür zu innerisraelischen Auseinandersetzungen über die »Nakba«, die Vertreibung der Palästinenser aus dem damaligen britischen Mandatsgebiet. Darüber hinaus bietet »Stein, Papier« eine Auseinandersetzung mit Geschichtserzählungen in politischen Konflikten, die sich verallgemeinern lässt.

Tomer Gardi: Stein, Papier. Eine Spurensuche in Galiläa. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Rotpunktverlag, Zürich 2013. 296 Seiten, 27,50 Euro.

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