Amnesty Journal Ägypten 19. März 2014

Revolution der Farben und Formen

Der Regisseur Marco Wilms hat die ägyptische Revolution gefilmt. "Art War" ist das farbenfrohe und zugleich traurige Dokument des Arabischen Frühlings.

Von Jürgen Kiontke

Knallbunt, riesengroß, hochpolitisch, öffentlich: Die Kunst junger Ägypter ist voller Farben, ziert die Hauswände, handelt von der arabischen Revolte gegen Militär und Islamismus und ist für jedermann zugänglich. Ihr Ort ist der Tahrir-Platz, ihr Material sind die Kämpfe für Freiheit und Demokratie und ihr dramatisches Personal die ­Toten, die diese fordern. Der Regisseur Marco Wilms hat den ägyptischen Widerstand in und um Kairo mehr als drei Jahre lang gefilmt und ihm nun in dem Film "Art War" ein beeindruckendes Denkmal gesetzt.

Der Film zeigt die explosive Kreativität, mit der die Künstler ihr Können als wirkungsvolle Waffe im Kampf für ihre Rechte nutzen. Der Schriftsteller Hamed Abdel-Samad führt durch Kairos neue Kunstszene: Elektropunk, Hip-Hop und Graffiti sind die künstlerischen Mittel von Ganzeer, Aliaa und Bosaina. Die jungen Künstler sagen: Der persönliche Ausdruck ist unsere Politik.

Es ist das Jahr 2011, der arabische Aufbruch ist in vollem Gange, die Ägypter jagen den langjährigen Präsidenten Hosni Mubarak aus dem Amt. In das Machtvakuum stoßen jedoch Kräfte, die den Aktivisten auf dem Tahrir-Platz auch nicht recht sein können: Militär und fundamentalistische Gruppen. Hatte man sich nicht Freiheit und Demokratie auf die Fahnen geschrieben? Es wird scharf geschossen, es gibt Tote. Die Graffiti-Galerie "Straße der Märtyrer" zeugt davon. Ein Kameramann schmuggelt sich in die Polizeiketten ein – und filmt einen Scharfschützen, wie er gezielt Demonstranten ins Visier nimmt.

Alaa, der Sprayer, entwirft eine Schablone vom Gesicht des Mörders. Sein Bild klebt bald an jeder Straßenecke. Und tatsächlich soll der Schütze vor Gericht gestellt werden – 19 Menschen soll er ermordet haben.

Die Sprayer nehmen sich ebenso die Islamisten vor mit ihrer zwiespältigen, aber rigiden Moral. Die künstlerischen Formen sind Nacktheit und öffentliche Debatten: Über die Darstellung unbekleideter Frauen regt sich die Gesellschaft auf, nicht aber, dass Soldaten vor aller Augen einen "Jungfräulichkeitstest" an einem Mädchen durchführen.

Wilms begibt sich in seinem sehr kompakten und schnell ­geschnittenen Film auf die Suche nach der Tradition bildender Künste in Ägypten. Gemalt wurde dort immer, und zwar auf die Hauswand. Farben- und Formenvielfalt bestimmen die Bilder.

Gedreht wird oft genug in Tränengas und Anarchie – dieser Film ist selbst eine Kunstinstallation, wie die ganze ägyptische Revolte. Die ist nun schon mehrmals niedergeschlagen worden – die alte Ordnung will nicht weichen. Aber wie Abdel-Samad sagt, soll man die Hoffnung nicht aufgeben: "Revolutionen bewegen langfristig. Und das hier wird ein langes Theaterstück."

"Art War". D 2013. Regie: Marco Wilms. Gerade angelaufen

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