Amnesty Journal Südafrika 28. Januar 2014

"Mandela war kein Heiliger"

Auf dem Weg zur Freiheit. Filmszene aus "Mandela"

Auf dem Weg zur Freiheit. Filmszene aus "Mandela"

Der Film »Mandela – Der lange Weg zur Freiheit« setzt Südafrikas Freiheitshelden ein Denkmal – in Form einer Liebesgeschichte. Ein Gespräch mit dem Regisseur Justin Chadwick.

Wie haben Sie sich auf den Dreh von »Mandela« vorbereitet?
Ich komme aus Manchester in Großbritannien. Deshalb war mir von Anfang an klar, dass ich, um eine einseitige Perspektive zu vermeiden, nach Südafrika gehen musste: um zuzuhören, zu ­beobachten und zu verstehen. Ich habe dort über ein Jahr verbracht und die Stationen in Mandelas Leben nachverfolgt. Ich konnte mich mit Menschen aller Konfliktparteien treffen, konnte Zeit mit Winnie Mandela und ihren Kindern verbringen, traf Kameraden, die mit ihm auf der Gefängnisinsel Robben Island waren, und Wärter. Ich sprach mit denen, die die Verhöre führten, mit Politikern und mit Männern und Frauen, die Mandela als jungen Mann kannten, der mit ihnen als Boxer trainiert hatte. Mein Team und ich haben viel gelesen, eine Menge gesichtet und in der Mandela-Stiftung ungezeigtes Filmmaterial entdeckt. Damit konnten wir Nähe und Details ins Drehbuch bringen. Die eigentliche Offenbarung waren jedoch die Erinnerungen Winnie Mandelas. Die Liebesgeschichte der beiden und die Konsequenzen für sie und ihre Familien bilden die zentrale Perspektive des Films.

Hatten Sie Gelegenheit, mit Mandela persönlich zu sprechen?
Ja, kurz vor Drehbeginn. Diesen Nachmittag werde ich wohl nicht vergessen. Alle reden von seiner Energie – diese Energie strahlte er noch mit 94 Jahren aus.

Worauf muss man achten, wenn man die Biografie eines der interessantesten Protagonisten der Menschenrechtsbewegung verfilmt?
Mandela wollte nicht als Heiliger erinnert werden. Er war ein Mensch und hat Außergewöhnliches erreicht. Ich glaube, sein Beispiel als jemand, der mit friedlichen Mitteln gegen alle Widerstände der Demokratie den Weg bereitet hat, ist in der Geschichte einmalig. Das Land stand damals kurz vor einem Blutbad. Wir wollten und mussten wahrheitsgetreu sein. Außerdem geht es hier um Menschen, von denen viele noch leben. Wir mussten ihnen und ihrem Vermächtnis gegenüber loyal sein.

An wen haben Sie gedacht, als Sie den Film machten?
An ein modernes Publikum. Es ist ein unabhängiger afrikanischer Film, der dort finanziert wurde – mit dem größten Budget, das auf diesem Kontinent je aufgebracht wurde. Das Geld sollte vollständig in den Film einfließen. Wir haben ihn auf 35 Millimeter gedreht, um die gewaltige Schönheit des Landes einzufangen. Es gibt großartige Verfolgungsjagden und Actionszenen, weil wir wollten, dass dieser Film in den Multiplex-Kinos gezeigt und ein emotionales Erlebnis für Jung und Alt in allen Teilen der Gesellschaft wird. Es muss im modernen Kino Platz für wirklich spannende Geschichten mit Aussage geben, auch ohne computeranimierte Bilder.

»Mandela« dauert fast drei Stunden, ist sehr nah an den Fakten. Vielleicht wirkt er deswegen ein bisschen didaktisch …
Der Film dauert zwei Stunden und 20 Minuten und ist so schnell wie Mandelas Leben – er hat Energie und Tempo! Ich habe vor Mandelas Tod fast eine Woche mit der Endbearbeitung verbracht. Wir haben ihn in Johannesburg Winnie und ihren Töchtern gezeigt, den Männern von Robben Island, den Anwälten, die Mandela bei der Verhandlung vertreten haben. Ihr einhelliges Urteil: Der Film wird den Männern und Frauen, die er darstellt, und ihrem Kampf gerecht. In Südafrika hat er alle Kassenrekorde gebrochen. Die Leute finden sich in dem Film wieder. Außerdem glaube ich, dass er der neuen Generation, die frei geboren wurde, noch einmal genauer vermittelt, was die politische Führung und ihr Land durchgemacht haben. Der Kampf gehört auch heute noch fest zum modernen Südafrika. Wie Mandela schon sagte: Die Arbeit geht weiter.

Ein wichtiger Punkt im Leben Mandelas ist seine Einstellung zur Gewalt. Ist es legitim, Gewalt einzusetzen, wenn man gegen ein gewalttätiges Regime kämpft?
Mandelas Einstellung zu Gewalt war schon immer Anlass zu kontroversen Diskussionen. Zu Beginn betrachtete er sich selbst als Pazifisten. Nach dem Massaker von Sharpeville jedoch, als Tausende unbewaffneter Demonstrierender erschossen wurden (siehe S. 51), sowie nach dem Verbot des ANC änderte er seine Meinung. Seine Haltung war: Es gibt keine Alternative dazu, sich zu bewaffnen bzw. auf eine gewalttätigere Form des Widerstands zurückzugreifen. Dieser Wendepunkt ist sehr wichtig, wenn man seine Geschichte erzählt. Andererseits bereitete Mandela den Weg für einen relativ friedlichen Übergang zur Demokratie, als das Land kurz vor einem blutigen Bürgerkrieg stand. Anders als seine Vertrauten und seine Frau sprach er mit dem Feind. Er sah, dass es einen Weg für den Frieden gab. Dass er dazu fähig war, nach allem, was man ihm angetan hatte, ist außergewöhnlich.

Was bedeutet Mandelas Tod für Südafrika und die Menschenrechtsbewegung?
Sein Vermächtnis ist immens wichtig und wird in der ganzen Welt dringend gebraucht. Wenn unser Film einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, sein Erbe fortzusetzen, dann bedeutet uns das viel.

Fragen: Jürgen Kiontke

Nelson Mandelas Geschichte als Film
Die Geschichte Südafrikas und das Leben des weltberühmten Freiheitskämpfers und ersten schwarzen Präsidenten des Landes auf eine kinokompatible Form komprimiert: Das ist der Film »Mandela: Der lange Weg zur Freiheit« von Regisseur Justin Chadwick. Just während der Filmpremiere in London im Dezember 2013 ging die Nachricht um die Welt, dass Mandela im Alter von 95 Jahren gestorben war.
Chadwick hat mit seinem Film den wohl eindrucksvollsten Nachruf auf Nelson Mandela geschaffen. Er erinnert an dessen Zeit als junger Anwalt und politischer Aktivist sowie an seine 27-jährige Haft, während der ihm jegliche politische Tätigkeit untersagt war. »That’s not politics, that’s my life«, entgegnete Mandela seinen Wärtern. Wichtigster Bezugspunkt des Films ist jedoch die Liebesgeschichte zwischen Mandela und seiner zweiten Frau Winnie. Ob man »Mandela« nun als Kostüm-, Liebes- oder gar Kriegsfilm betrachtet: Das imponierende Bildwerk wartet mit exzellenten Schauspielern, erzählerischer Genauigkeit und schönen Bildern auf. Amnesty International wird Chadwicks Film mit Sonderveranstaltungen begleiten.
»Mandela. Der lange Weg zur Freiheit«. USA 2013. Regie: Justin Chadwick. Darsteller: Idris Elba, Naomie Harris. ­Kinostart: 30. Januar 2014

Justin Chadwick
Der britische Regisseur Justin Chadwick wurde 1968 in Manchester geboren und begann bereits mit elf Jahren eine Karriere als Schauspieler. Später studierte er an der Universität Leicester, bevor er 1991 mit »London Kills Me« sein Regie-Debüt gab. Durch seinen wunderschönen Film »Die Schwester der Königin« (2008) mit den recht ungeschminkten Hollywood-Diven Scarlett Johansson und Natalie Portman erlangte er einige Berühmtheit. Der Film schaffte es ins Wettbewerbsprogramm der Berlinale. Es folgte das preisgekrönte Werk »Der älteste Schüler der Welt«. Chadwick lebt mit Ehefrau Michelle und Kindern in England.

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