Amnesty Journal Katar 19. März 2014

Albtraum Stadionbau

In Katar arbeiten asiatische Migranten unter menschen­unwürdigen ­Bedingungen an den neuen Stadien und der Infrastruktur für die Fußball-WM 2022. Doch auch von ­ihrer eigenen ­Regierung können sie häufig keinen Schutz erwarten.

Von Ali Al-Nasani

»Es wäre die Pflicht unseres Unternehmens gewesen, für die Belegschaft eine Krankenversicherung abzuschließen. Doch weder meine Kollegen noch ich hatten eine solche.« Bhupendra Malla Thakuri ist einer von vielen nepalesischen Arbeitsmigranten, deren Traum von einem gesicherten Einkommen in Katar zu einem Albtraum wurde. Er arbeitete dort für eine Baufirma und wurde im Juni 2011 während der Arbeit von einem Tanklastwagen angefahren. Wochenlang sah es so aus, als müsste sein Bein amputiert werden; doch nach acht Operationen innerhalb eines Jahres konnte es gerettet werden. Allerdings weigerte sich seine Firma, die Krankenhauskosten, seinen Lohn und eine ihm zustehende Entschädigung zu zahlen. Stattdessen setzte sie ihn unter Druck, umgehend nach Nepal auszureisen. Zudem hatte die Firmenleitung gemäß dem sogenannten Sponsorengesetz seinen Pass einbehalten, sodass er keine andere Arbeitsstelle antreten konnte – eine in Katar übliche Praxis.

Katar wird 2022 die Fußballweltmeisterschaft ausrichten und will sich bei dieser Gelegenheit als moderner und weltoffener Staat präsentieren. Der jüngste Amnesty-Bericht zur Lage auf katarischen Baustellen enthüllt jedoch, dass asiatische Migranten unter menschenrechtswidrigen Bedingungen arbeiten müssen. Allein im September 2013 gingen bei der nepalesischen Botschaft in der katarischen Hauptstadt Doha mehr als 1.500 ­Beschwerden von Arbeitern ein, die unter unmenschlichen Bedingungen arbeiteten. Regina Spöttl, Amnesty-Expertin für die Golf-Region, findet deutliche Worte: »Wenn Arbeitgeber die Pässe einbehalten, den Lohn nicht auszahlen und ihre Arbeiter dazu zwingen, sieben Tage die Woche bis zu 14 Stunden täglich unter Missachtung jeglicher menschenrechtlicher und arbeitsrechtlicher Standards zu arbeiten, dann ist das nichts anderes als moderne Zwangsarbeit.« Die britische Zeitung »The Guardian« wies nach, dass zwischen dem 4. Juni und dem 8. August 2013 fast täglich ein nepalesischer Arbeiter auf katarischen ­Baustellen ums Leben kam.

Allein 2012 fielen mehr als 1.000 Arbeiter aufgrund fehlender oder missachteter Sicherheitsstandards von Baugerüsten. Zehn Prozent von ihnen trugen dauerhafte Behinderungen davon. Die katarischen Behörden reagierten auf die Berichte mit Leugnen, Herunterspielen und schließlich minimalen Zugeständnissen. »Wenn wir das Ausmaß der Missstände im katarischen Bausektor betrachten, ist die Ankündigung der Regierung, mehr Kontrolleure auf die Baustellen zu schicken, zwar einerseits zu begrüßen«, so Spöttl, »andererseits kann dies allein nicht ausreichen, um die Missstände zu beseitigen. Denn die Kontrollen zeigten in der Vergangenheit keine Wirkung. Das Sponsorengesetz gehört abgeschafft und das Arbeitsrecht muss deutlich verbessert und vor allem auch umgesetzt werden.«

Katar gehört zu den reichsten Ländern der Welt, dennoch erhalten mehr als 20 Prozent der dort lebenden Arbeitsmigranten ihren Lohn nicht pünktlich. Migranten machen 94 Prozent der katarischen Arbeitnehmer aus. Schätzungen zufolge werden in den nächsten Jahren eine Million weitere Arbeitskräfte benötigt. Gemäß dem katarischen Sponsorengesetz sind allein die Unternehmen für ihre Angestellten verantwortlich und haben das Recht, deren Pässe einzubehalten und über Arbeitszeiten, Ausreise und Arbeitsplatzwechsel zu entscheiden. Viele Migrantinnen und Migranten klagen über die Willkür ihrer Arbeitgeber, deren Leibeigene sie faktisch sind. Der Inhaber einer katarischen Zulieferfirma bezeichnete seine nepalesischen Angestellten in einem Gespräch mit Amnesty-Experten als »Tiere«. Wollen die Arbeiter ausreisen und verlangen ihre Pässe zurück, werden sie oft gezwungen, auf den ausstehenden Lohn zu verzichten und Blanko-Erklärungen zu unterzeichnen, mit denen sie nachträglich unter Druck gesetzt werden können.

Auf die Zustände in Katar angesprochen, flüchtet sich der Weltfußballverband FIFA in Floskeln. Er teilte Amnesty mit, dass man die Berichte über Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit Stadionbauten ernst nehme und die Befürchtungen in Gesprächen mit der katarischen Seite aufgreifen werde. Ein machtvolles Eintreten für die Menschenrechte sieht anders aus. Auch der Präsident der Europäischen Fußballunion UEFA, Michel Platini, steht in keinem guten Licht da: Nachdem er für die WM-Vergabe an Katar gestimmt hatte, bekam sein Sohn einen Job bei einer katarischen Gesellschaft.

Bhupendra Malla Thakuri verklagte seinen ehemaligen Arbeitgeber. Um seinen Unterhalt zu finanzieren, war er auf die Unterstützung seiner Arbeitskollegen und seiner Familie in Nepal angewiesen und musste sich verschulden. Erst mehr als zwei Jahre nach seinem Unfall gewann er den Prozess und bekam seinen Pass zurück. Doch richtig laufen wird er nie wieder können. Bhupendra will jedoch seine Landsleute nicht von der Arbeitsmigration abhalten: »In Nepal gibt es keine Arbeit für uns, daher bleibt für viele Menschen nur die Möglichkeit, im Ausland zu arbeiten.«

In der Tat sind die Rücküberweisungen von Arbeitern aus dem Ausland Nepals zweithöchster Einnahmeposten. Auch manch dubiose Organisation kassiert in Nepal überhöhte Pro­visionen für Visa oder Arbeitsplätze im Ausland, die in der Realität gar nicht existieren. Bisweilen werden Arbeitsverträge erst am Flughafen ausgehändigt oder nur in arabischer Sprache vorgelegt. Den Migrantinnnen und Migranten, die sich zu diesem Zeitpunkt schon verschuldet haben, um ein Visum zu bekommen, bleibt in der Regel nichts anderes übrig, als einzuwilligen. Denn auf Schutz seitens der nepalesischen Regierung können die Betrogenen nicht hoffen: »Die nepalesischen Gesetze sind zwar gut und müssen den internationalen Vergleich nicht fürchten«, so Rameshwar Nepal, Direktor von Amnesty International in Kathmandu. »Aber in der Praxis werden diese Gesetze nicht umgesetzt.«

Der Autor ist freier Journalist.

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