Amnesty Journal Kasachstan 28. Januar 2013

Der Grenzverletzer

Der Künstler als Staatsfeind: Bolat Atabajew

Der Künstler als Staatsfeind: Bolat Atabajew

Der kasachische Theaterregisseur und Träger der Goethe-Medaille Bolat Atabajew probt derzeit an der Kölner Theaterakademie. In seinem Heimatland droht ihm Haft wegen »Anstiftung zur sozialen ­Unruhe«.

Von Marcus Bensmann

Bolat Atabajew sieht sich nicht als Exilant. Doch musste der kasachische Theaterregisseur einen Aufenthalt im Westen verlängern, denn in seiner Heimat droht ihm eine erneute Verhaftung. Derzeit probt Atabajew mit Schülern der Theaterakademie in Köln das von ihm verfasste Stück »Schanaosen«. Es erzählt vom Streik der Erdölarbeiter in der westkasachischen Stadt Schanaosen im Jahr 2011, den die Mächtigen mehr als neun Monate lang ignorierten, bis es am 16. Dezember zur Eskalation kam – genau an dem Tag, an dem die ehemalige kasachische Sowjetrepublik den 20. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit feierte. Die Polizei schoss in die Menge, tötete mehr als ein Dutzend Personen und verletzte an die hundert Menschen.

Nach diesem blutigen Freitag trat die kasachische Regierung unter dem autokratischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew eine noch nie da gewesene Repressionswelle los: Aktivisten, Gewerkschafter, Erdölarbeiter und Oppositionsführer, die sich für das Anliegen der Arbeiter engagiert hatten, wurden verhaftet. Medien, die über den Streik und die Niederschlagung berichtet hatten, wurden im Dezember per Gerichtsbescheid verboten.

Die Wut der Machthaber richtete sich auch gegen den Theatermann aus Almaty, der im Sommer 2011 seine Bühne verlassen hatte und zu den Ölarbeitern in die Steppe gereist war. »Ich wollte wissen, was die Menschen bewegt«, sagt Atabajew. Damit machte sich der Regisseur, der bereits mit regierungskritischen Stücken aufgefallen war, zum Staatsfeind.

Bolat Atabajew spricht fließend Deutsch. 1952 geboren, wuchs er in der kasachischen Steppe in einer deutschen Nachbarschaft auf – Stalin hatte nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion Millionen Wolgadeutsche in die Einöde deportieren lassen. Nach dem Sprachstudium studierte er Theaterwissenschaften und gehörte zu den Mitbegründern des Deutschen Theaters in der kasachischen Sowjetrepublik. Schon als Kind bemerkte er die Ausgrenzung der Deutschen in der Sowjetunion. »Die Selbstbehauptung der deutschen Kultur lehrte mich Widerstandsgeist«, sagt der Kasache.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion knüpfte Atabajew enge Verbindungen zur deutschen Theaterszene. Er unterstützte Volker Schlöndorff bei dessen Film »Ulzhan« und arbeitete mit Roberto Ciulli ein Jahr lang am Theater an der Ruhr in Mülheim. »Von Ciulli habe ich gelernt, dass das Theater nicht die Wirklichkeit abbilden muss, sondern mit dieser spielt«, erklärt Atabajew, der für seine Arbeit sogar den kasachischen Staatspreis erhielt.

Der Regisseur leitete in dem zentralasiatischen Staat verschiedene Theater und gründete die freie Schauspielgruppe »Aksarai«, die mit zeitkritischen Musicals internationale Beachtung fand. In einer Inszenierung von Schillers »Kabale und Liebe« zog er Verbindungen zu den Machtintrigen in Kasachstan. Staatliche Unterstützung für seine künstlerische Arbeit hat Atabajew nie erhalten. »Wir bekommen keine staatlichen Gelder, sondern leben von anonymen Spendern«, erklärt er.

Als die Ölarbeiter 2011 in Westkasachstan streikten, zeigte Atabajews Schauspielgruppe in Almaty das Stück »Lawine«. Es handelt von einer Dorfgemeinschaft, die wegen Lawinengefahr neun Monate lang schweigen muss. Die Dorfpolizei wacht über das Verbot. Als in der Schweigezeit lautstark ein Kind auf die Welt kommt, wird offenbar, dass es keine Lawine gibt und die Angst davor eine Projektion der Macht ist. »›Lawine‹ ist die ­perfekte Parabel auf unsere Wirklichkeit«, sagt der Theatermann. Die kasachische Bevölkerung werde mit der Angst vor Terroris­mus, sozialer Armut und möglichen Unruhen in Zaum gehalten.

Es war jedoch nicht dieses Theaterstück, mit dem er den staatlichen Zorn auf sich zog. Präsident Nasarbajew regiert das Land seit 1989 zwar autoritär, lässt aber im Gegensatz zu den zentralasiatischen Nachbarstaaten Usbekistan und Turkmenis­tan gewisse Freiräume zu. Es gibt eine – wenn auch kleine – ­Opposition und auch kritische Medien. Diese Nachsicht hört ­jedoch auf, sobald eine rote Linie überschritten wird – und die war nach Ansicht der Behörden überschritten, als der Regisseur zu den Ölarbeitern reiste.

»Ich bin Regisseur, aber die Wirklichkeit macht mich zu einem Dissidenten«, sagt der Theatermann. Im Januar 2012 wurde er wegen »Anstiftung zur sozialen Unruhe« angeklagt – ausgerechnet an dem Tag, an dem das Goethe-Institut seine Auszeichnung mit der Goethe-Medaille verkündete. »Die haben Sinn für Humor«, gibt sich Atabajew sarkastisch. Der Theatermacher wurde nicht – wie andere Angeklagte – inhaftiert. Er durfte lediglich Almaty nicht verlassen und musste den Ermittlungsbehörden zur Verfügung stehen. Die internationale Empörung sollte so wohl in Grenzen gehalten werden.

Doch der Regisseur weigerte sich, zu kooperieren. »Ich wollte meine Verhaftung provozieren«, sagt Atabajew. Der Plan ging auf: Im Juni 2012 wurde der zuckerkranke Mann bei glühender Hitze in einem Gefängniswaggon Tausende Kilometer von Almaty unweit der chinesischen Grenze bis zur Westküste des Kaspischen Meeres in das Gefängnis nach Aktau verfrachtet. Als Reaktion auf die Verhaftung formierte sich eine breite Kampagne: Die Regisseure Schlöndorff, Ciulli und andere Künstler, das Goethe-Institut sowie Politiker aller Parteien forderten seine Freilassung. Die in den westlichen Medien längst vergessene Niederschlagung des Ölstreiks wurde erneut zum Thema. Die kasachische Regierung, die in Deutschland und anderen europäischen Ländern viel Geld für Imagekampagnen ausgibt, erlebte ein PR-Desaster.

Zwei Wochen später ließ man den Regisseur wieder frei und er konnte zur Verleihung der Goethe-Medaille nach Weimar reisen. Die Anklage gegen den Künstler wurde wegen »tätiger Reue« aufgehoben. »Dabei habe ich nichts bereut«, versichert Atabajew. Die Freilassung überraschte den Theatermann. »Eigentlich wollte ich bis zum Prozess sitzen und diesen dann in eine Farce verwandeln«, erzählt er.

Das Pardon währte jedoch nicht lange. Als Bolat Atabajew im Oktober erneut in Westeuropa unterwegs war, verkündete die kasachische Regierung eine Neueröffnung seines Verfahrens. Nur der Rat eines ehemaligen Mitgefangenen hielt Atabajew von einer Rückkehr nach Kasachstan ab. »Du musst nach Europa, wo die Kinder der Mächtigen den Reichtum verprassen. Dort musst du die Wahrheit über das Regime erzählen, im Gefängnis nützt du keinem«, habe dieser zu ihm gesagt. Seinen Auslandsaufenthalt will Bolat Atabajew nun nutzen. »Ich will Nasarbajews Image als Reformer in Europa zerstören«, sagt er. Danach kehre er zurück – notfalls auch ins Gefängnis.

Der Autor berichtet als freier Korrespondent aus Zentralasien.

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