Amnesty Journal Mittlerer Osten und Nordafrika 28. Januar 2014

Frauen mischen mit

Knapp drei Jahre Aufstand, knapp drei Jahre Fortschritte und Rückschläge in der arabischen Welt: Der Journalist Karim El-Gawhary porträtiert sehr unterschiedliche Frauen.

Von Maik Söhler

Die erste ägyptische Lkw-Fahrerin ist ihm genauso viel Aufmerksamkeit wert wie die erste Richterin am Verfassungsgericht in Kairo. Eine Kämpferin im Krieg gegen Syriens Machthaber Assad findet ebenso ihren Platz wie eine Frau, die in Saudi-Arabien einfach nur selbst Auto fahren will. Karim El-Gawhary, in Kairo lebender Ägypten-Korrespondent deutscher und österreichischer Medien, hat mit seinem neuen Buch »Frauenpower auf Arabisch« ein kurzweiliges, weil interessantes und abwechslungsreiches Werk vorgelegt.

Im Vorwort beschreibt er die Probleme, die Frauen derzeit von Bahrain bis Libyen und vom Jemen bis in die palästinensischen Gebiete bereitet werden: »Islamisch-konservative Strömungen und Traditionalisten versuchen die Frauen immer wieder an die Wand zu drängen.« Doch das sei nur die halbe Wahrheit, die Porträts in seinem Buch erzählten auch von komplexeren Perspektiven: »Die Geschichten zeigen, dass die Wirklichkeit nicht schwarz oder weiß ist und westliche Stereotypen die Realität nicht abbilden.«

Diesen Stereotypen – das Kopftuch und die angebliche Unvereinbarkeit von Frauenrechten mit dem Islam, um nur zwei zu nennen – setzt El-Gawhary andere, subjektive Erzählungen entgegen. Da ist zum Beispiel Asmaa, die in Bengasi und an der Front im Krieg gegen Gaddafi als Helferin und Kurierin Aufgaben übernahm, die schließlich zum Sturz des Regimes beitrugen. Da ist Hadil, eine Syrerin im Aufstand gegen Assads Truppen, die das Land verlassen musste, noch im Exil verfolgt wird und trotzdem bekennt: »Der Kampf der Frauen um ihre Stellung in Gesellschaft und Politik wird sicherlich auch nach dem Aufstand weitergehen.«

Mit ganz anderen Nöten hat indes Umm Naama am Stadtrand von Kairo zu kämpfen. Nur wenig mehr als ein Euro am Tag stehen ihr zur Verfügung, um ihre sechsköpfige Familie zu ernähren. Das Geld reicht gerade mal für Ausschusskartoffeln, überreife Tomaten und ein wenig Brot. El-Gawhary schafft es in diesem Kapitel, große Nähe zu Umm Naama und ihrer Familie zu erzeugen und zugleich deutlich zu machen, dass ihr Leben dem Alltag Tausender Ägypterinnen entspricht.

»Vier von zehn Ägypterinnen, die mit etwas mehr als einem Euro am Tag auskommen müssen, geht es vor allem um ihre ökonomischen Rechte«, schreibt er denn auch folgerichtig im Nachwort und nimmt konsequent in den Blick, was in der Berichterstattung der westlichen Medien über die Arabellion so oft zu kurz kam: die weitverbreitete Armut.

Die Leistungen mancher »stolzer Pionierinnen«, die uns der Autor nahebringt, erscheinen auf den ersten Blick nicht der Rede wert: Was sagt es schon aus, eine Taxifahrerin in Kairo, eine Fotografin im Jemen oder eine Gewerkschafterin in Suez zu sein? Im Porträt erschließt sich dann jedoch schnell die besondere Leistung der jeweiligen Frau in einer strikt patriarchalen und autoritären Umgebung. Und: All jene Frauen leben, arbeiten, diskutieren und engagieren sich in Verhältnissen, die eben alles andere als normal sind: »Sie können jedem arabischen Mann, aber auch jeder europäischen Frau das Wasser reichen. Das gilt umso mehr, als sie oft unter viel widrigeren Umständen für ihre Rechte zu kämpfen haben: in Armut, im Krieg, in der permanenten Krise, also immer steil bergauf.«

Wir lesen von den libyschen Politikerinnen Wafa und Intisar, die einen Krieg gewonnen haben und nun in der weiter von Männern geprägten libyschen Gesellschaft für Gleichstellung, Frauenrechte und die Abschaffung männlicher Privilegien kämpfen. Wir lesen davon, wie sich der Tahrir-Platz in Kairo von Ägyptens erstem Ort der Gleichberechtigung zu einem Ort der organisierten sexuellen Übergriffe entwickelt hat und was Ägypterinnen und Ägypter unternehmen, um diese zu verhindern. Und wir lesen vom Alltag von Frauen in Saudi-Arabien, ­einem Land, an dem der Arabische Frühling scheinbar spurlos vorbeigegangen ist. Doch auch hier nehmen sich Frauen wie ­Salwa und Abier inzwischen mehr Freiheiten heraus als noch vor drei Jahren.

Die meisten Porträts hat El-Gawhary in den vergangenen zwei, drei Jahren geschrieben, bei einigen wurde mit einem ­kurzen Update sogar der weitere Werdegang der jeweiligen Frau notiert. Anders verhält es sich mit drei Berichten über palästinensische Frauen, die zum Kapitel »Die bitteren Verliererinnen« gehören. Diese Texte sind älter und wirken in dem Buch etwas deplatziert. Ein Unterkapitel heißt »Ajat: Wenn eine junge Pa­lästinenserin als Waffe stirbt« und erzählt die Geschichte einer palästinensischen Selbstmordattentäterin. Im Kontext eines ­Buches mit dem Titel »Frauenpower auf Arabisch« könnte der Beitrag nicht unpassender sein.

Claudia Roth, Politikerin von Bündnis 90/Die Grünen, schreibt im Vorwort: »Das Buch gibt keine abschließenden Antworten, es zeigt die Wege, die Frauen erkunden, um im Dickicht der Alltagswidersprüche zu bestehen.« Dieser Alltag reicht, das zeigt El-Gawharys Buch sehr deutlich, vom Kampf ums Überleben bis zur Ausübung politischer Macht. Eminent politisch ist jedoch beides. »Traditionen werden gebrochen, alte Werte hinterfragt und vermeintlich zeitlose Tabus demontiert. Im Zentrum dieses gesellschaftlichen Wandels steht die Rolle der Frau«, betont der Autor. »Was immer geschieht, die Frauen werden dabei sein.«

Karim El-Gawhary: Frauenpower auf Arabisch. Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 2013, 208 Seiten, 22 Euro.

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