Bei Anruf Mord
Kolumne von Petra Welzel
Es begann mit Drohungen am Telefon und endete mit 50 Messerstichen: Im September 2005 wurde der kolumbianische Gewerkschafter Luciano Enrique Romero Molina brutal ermordet. Im Dezember 2012 begannen im Schweizer Kanton Zug aufgrund einer Strafanzeige gegen Nestlé erneute Ermittlungen in dem Fall. Einer der größten Lebensmittelkonzerne der Welt soll zur Rechenschaft gezogen werden.
Romero hatte in einer Fabrik gearbeitet, die Milchpulver für Nestlé produzierte.
Er musste sterben, weil er für einen Tarifvertrag streikte, den Nestlé gekündigt hatte. Er erhielt Morddrohungen, die auch nicht aufhörten, als er längst entlassen war. Und auch ein Schutzprogramm, in das er fliehen wollte, nützte ihm nichts. Am Abend bevor er vor einem internationalen Tribunal, dem "Permanenten Tribunal der Völker", gegen Nestlé aussagen wollte, endete sein Leben in einer Blutlache.
Romero ist kein grausamer Einzelfall. In Kolumbien wurden von 1986 bis Ende 2012 mehr als 11.300 Fälle bekannt, in denen das Leben und die Unversehrtheit von Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern bedroht waren. In den vergangenen zehn Jahren wurden weltweit rund 1.700 Gewerkschafter ermordet – mehr als 60 Prozent davon in Kolumbien. Aber auch in anderen lateinamerikanischen Ländern stehen Gewerkschafter massiv unter Druck. So wurden jüngst in Guatemala mehrere Aktivisten der Gewerkschaft der Bananenarbeiter in einem fahrenden Auto erschossen. Noé Ramírez, der Generalsekretär der Gewerkschaft, sagt, die Situation sei schlimmer als zur Zeit des Bürgerkriegs in den achtziger Jahren.
Das Ganze hat System: Immer wieder stehen handfeste Interessen global agierender Konzerne hinter den Morden. So wurden im vergangenen Oktober in Indien 145 Arbeiter einer Suzuki-Fabrik wochenlang in Polizeigewahrsam gefoltert. Sie wurden entkleidet, geschlagen, ihre Beine wurden extrem gespreizt, einigen fuhr man mit Walzen über die Schienenbeine, andere wurden für längere Zeit in schmutzigem Wasser untergetaucht. Nicht alle haben die Folter überlebt. Die Beschäftigten hatten sich lediglich gegen miserable Arbeitsbedingungen, niedrige Löhne und Misshandlungen am Arbeitsplatz gewehrt.
Seit dem Sommer 2012 hatte die indische Regierung Tausende Polizisten in drei Werken des japanischen Großkonzerns eingesetzt, um Arbeitskämpfe im Keim zu ersticken. Und das nicht nur bei dem Automobilhersteller. Das Werk, aus dem die 145 Arbeiter stammten, liegt in der Industrieregion Gurgaon nahe der indischen Hauptstadt Neu-Delhi. Weitere riesige transnationale Unternehmen betreiben dort große Produktionsanlagen, weil sie auf Kosten der Arbeitskräfte billig produzieren und immense Gewinne abschöpfen können. In Indien wird dank einer großen und vielfältigen Gewerkschaftsbewegung jeden Tag irgendwo gestreikt. Das ist ein Hindernis für Investoren aus dem Ausland, das offenbar – wie der Fall Suzuki zeigt – nun durch Unterdrückung, Folter und Mord aus dem Weg geräumt werden soll.
Den global agierenden Konzernen ist das nur Recht. Was scheren Nestlé schon die Gewerkschaftsrechte, wenn man – wie in Kolumbien – unliebsamen Arbeitern einfach Killerkommandos schicken kann? Gleiche Rechte für alle Beschäftigten, egal in welchem Land sie für ein Unternehmen arbeiten, wären die Lösung. Vorläufig bleibt es aber bei Schauprozessen. Anfang Februar wurde der kolumbianische Unternehmer Jaime Blanco Maya wegen Auftragsmords an zwei Gewerkschaftern zu 38 Jahren Haft verurteilt. Tatsächlich schafft es die Generalstaatsanwaltschaft in Kolumbien gerade einmal, in drei Prozent der Tötungsdelikte an Gewerkschaftern zu ermitteln. Das System der Auftragsmorde lebt also weiter.
Petra Welzel ist Redakteurin bei ver.di PUBLIK