"Unser Ziel ist es, in Frieden zu leben"
In Kolumbien herrscht seit Jahrzehnten ein Konflikt zwischen linksgerichteten Guerillagruppen, rechten Paramilitärs und der staatlichen Armee. Die Friedensgemeinde San José de Apartadó will in diese Auseinandersetzungen nicht hineingezogen werden. Deswegen werden die Bewohner des Ortes
von allen Seiten bedroht.
Warum haben Sie die Friedensgemeinde gegründet?
Jesús Emilio Tuberquia: Unsere Gemeinde San José de Apartadó hat sich 1997 gegründet, mit dem Ziel, in Frieden zu leben. Wir sind Bauern. Während des Bürgerkriegs gerieten wir immer wieder zwischen die Fronten der Guerilla und der staatlichen Armee. Wir wollten mit keiner der beiden Seiten zusammenarbeiten. Mit einer Erklärung haben wir uns damals an die Regierung und an die Öffentlichkeit gewandt. Darin beriefen wir uns auf das humanitäre Völkerrecht, das den Schutz der Zivilbevölkerung vorschreibt.
Wie ist das Zusammenleben in San José de Apartadó organisiert?
Jesús Emilio Tuberquia: In unserer Gemeinde leben etwa Tausend Menschen. Der Besitz oder das Tragen von Waffen sind auf unserem Gelände verboten. Wir kooperieren mit keiner der bewaffneten Parteien und geben auch keine Informationen weiter. Jedes Mitglied muss außerdem einer gemeinnützigen Arbeit nachgehen. Es darf kein Koka angebaut oder konsumiert werden. Drogen und Alkohol werden bei uns nicht akzeptiert. Wir haben diese Regeln bei der Gründung der Gemeinde gemeinsam aufgestellt.
Von wem werden sie am meisten bedroht: von den Paramilitärs, der Guerilla oder den staatlichen Sicherheitskräften?
Jesús Emilio Tuberquia: Wir unterscheiden nicht zwischen den Paramilitärs und dem Staat. Die Paramilitärs bedrohen uns im Auftrag der kolumbianischen Armee. Innerhalb der vergangenen 15 Jahre wurden 200 Menschen getötet: 30 gehen auf das Konto der Guerilla. 170 Morde hat die Regierung zu verantworten.
Noelia Tuberquia: 2005 wurde in unserem Dorf ein Massaker verübt, bei dem acht Menschen getötet wurden, darunter drei Kinder. Zu den Verantwortlichen gehörten staatliche Sicherheitskräfte. 2010 kam endlich ein Prozess in Gang, bei dem mehrere Paramilitärs und staatliche Militärs mittleren Ranges verurteilt wurden.
Warum akzeptiert die kolumbianische Regierung Ihre Neutralität nicht?
Jesús Emilio Tuberquia: Sie betrachtet uns als Gegner, weil wir nicht mit ihr kooperieren. Wir wurden öffentlich als Guerilla-Organisation bezeichnet und es ist bekannt, dass der kolumbianische Staat seit 1972 im Krieg gegen die Guerilla-Gruppen Paramilitärs einsetzt.
Noelia Tuberquia: Auch ökonomische Interessen spielen eine wichtige Rolle. Das Land in unserer Region ist sehr fruchtbar, es werden Erdölvorkommen vermutet und die Nähe zur Küste ist für Investoren interessant. Erst kürzlich haben wir erfahren, dass Präsident Juan Manuel Santos Südkorea eine Lizenz zur Erdölförderung versprochen hat.
Was fordern Sie von der Regierung?
Jesús Emilio Tuberquia: Wir wollen, dass eine unabhängige Kommission alle begangenen Morde und Menschenrechtsverletzungen an unserer Gemeinde vor Ort untersucht und vor Gericht bringt. Der Polizeistützpunkt, den die Regierung neben unserer Gemeinde errichtet hat, soll verschwinden. Außerdem verlangen wir von der Regierung, dass sie humanitäre Zonen einrichtet und den Schutz der Zivilbevölkerung garantiert.
Fragen: Saara Wendisch
Jesús Emilio Tuberquia (rechts) lebt seit seiner Geburt in der Friedensgemeinde San José de Apartadó im Nordwesten Kolumbiens. Seit 2008 ist er ihr rechtlicher Vertreter. Mehrfach wurde er von Angehörigen der bewaffneten Gruppen bedroht. Noelia Tuberquia (links) ist seit 1999 Mitglied der Gemeinde. 2004 wurde ihre zweijährige Tochter vor ihren Augen von Angehörigen der Armee ermordet.