"Im Kino findet ein Wunder statt"
Der Regisseur Ayat Najafi ist dieses Jahr Mitglied der Jury des Amnesty-International-Filmpreises. Kinofilme hält er für das Medium der Menschenrechte.
Welchen Zugang haben Sie persönlich zum Thema Menschenrechte?
Also: Wenn Sie im Iran leben, dann sind Sie das ganze Jahr mit dem Thema beschäftigt! Egal, ob man ein Aktivist ist oder nicht. Seit ein paar Jahren sind allerdings die Filmemacher ganz besonders unter Druck – man denke an den Regisseur Jafar Panahi, der nur noch auf den Anruf wartet, wann er seine Haftstrafe antreten muss. Und er hat natürlich Berufsverbot. Die Regierung befindet sich im Kampf mit der Filmindustrie.
Hat die nichts Besseres zu tun?
Wie jede Diktatur hat auch die iranische eine Idee von Film, ein Bild, eine Vorstellung, was ein Film zu sein hat. Hinter Präsident Mahmud Ahmadinedschad stehen übrigens viele Filmemacher – die, die schlechte Filme drehen!
Dieses Jahr müssen Sie über Filme entscheiden. Wie gefällt Ihnen die Berlinale?
Ich bin seit 2005 regelmäßig bei den Berliner Filmfestspielen, sei es mit eigenen Filmen oder als Zuschauer. Vergangenes Jahr war ich Filmpate eines Werkes von Jafar Panahi. Ich sage immer: Mein Jahr fängt mit der Berlinale an.
Sie vergeben dieses Jahr den Amnesty-Filmpreis, der für ein herausragendes Werk vergeben wird, in dem die Menschenrechte thematisiert werden. Wie muss ein Film beschaffen sein, damit er Ihnen gefällt?
Das Thema Menschenrechte im Film ist ein sehr allgemeines, zum einen eine ganz einfache Geschichte, andererseits riesig: Es reicht vom Recht, sich zu verlieben, bis hin zum Kampf gegen die Todesstrafe.
Was ist diesbezüglich ein gelungener Film?
Zum Beispiel "Der große Diktator" von Charlie Chaplin. Das ist einer der ersten ganz großen Menschenrechtsfilme. Er wurde 1940 gedreht, also zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, aber er hat der ganzen Welt gezeigt, worum es geht. Chaplin hat versucht, verschiedene Aspekte der Nazi-Diktatur und der ganzen Katastrophe aufzuzeigen: Der äußere Rahmen, das ist der Hass und die Diktatur. Doch im Zentrum steht auch eine einfache Geschichte, in der es um Liebe geht. Ein geradezu klassisches Beispiel! Auch der Film "Milk" von Gus van Sant aus dem Jahr 2008 funktioniert so: Es geht um die Verwicklung der Politik und um die Rechte der Homosexuellen. Erzählt wird aber auch in privaten, nachvollziehbaren Geschichten. Menschenrechte im Kino, das bedeutet: Man muss einen guten Film machen, er muss eine gute Erzählstruktur haben. Denn je besser erzählt wird, desto besser werden die Menschenrechtsprobleme gezeigt.
Was eignet sich da besser: der Dokumentarfilm oder der Spielfilm?
Alle beide. Denn sie haben verschiedene Kräfte und verschiedene Zuschauer. Jafar Panahis "Offside" zum Beispiel ist ein Spielfilm über Frauen, die verbotenerweise ein Fußballspiel schauen wollen. Frauenrechte im Iran – das wäre doch eigentlich ein klassisches Dokumentarfilm-Sujet. Sein vorerst letztes Werk "This is not a Film" wiederum ist ein Dokumentarfilm, wo man vielleicht einen Spielfilm erwarten würde. Denn es geht darin um die Dinge, die der Regisseur liebt: Seine Leute, sein Haustier, seine Wohnung … Beides sind verschiedene Zugänge zum Kern der Sache. Welcher sollte da besser sein?
Was kann Kino, was andere Medien nicht können?
Im Kino findet ein Wunder statt: Man kann für zwei Stunden alles vergessen, in einer anderen Welt sein – mit Gefühl, mit Bewusstsein, mit allem. Und wenn man mit einem guten Film die Zuschauer abholen kann, dann facht man Diskussionen an. Wenn wir über die Probleme von Minderheiten reden wollen, ist der Film das Beste aller Mittel. Ein Beispiel ist der letztjährige Berlinale-Gewinner "Nader und Simin – Eine Trennung": Dieser Film hat gezeigt, dass es im Iran starke Klassenunterschiede gibt. Alle haben danach über die Probleme der Trennung von Arm und Reich geredet. Für mich ist dieser Film daher sehr wichtig.
Wovon wird Ihr nächster Film handeln?
Von Musik. Auch die ist politisch: Seit 1979 dürfen im Iran keine Sängerinnen mehr allein auf der Bühne auftreten. Dieses Jahr soll in Teheran ein Konzert stattfinden. Da wollen wir sehen, ob wir eine Antwort auf dieses Problem finden.
Können die Iraner eigentlich die kritischen Filme sehen, die über sie gemacht werden?
Per Internet oder Satellit sehen die alles, was sie wollen. Nur im Kino nicht.
Was kann der Amnesty-Filmpreis im besten Fall bewirken?
Wenn wir aktuell das Problem haben, dass Filmemacher, die über die Menschenrechte Filme gemacht haben und deswegen jetzt nicht mehr ihrer Arbeit nachgehen können – kurz: wenn sie verfolgt werden – dann können wir dies ins öffentliche Bewusstsein rufen. Filmemacher müssen über die Probleme ihrer Gesellschaft reden. Egal ob im Iran, in Deutschland oder anderswo. Mit meiner Arbeit in der Amnesty-Jury kann ich hoffentlich dazu beitragen.
Fragen: Jürgen Kiontke
Der Filmpreis von Amnesty International
Ayat Najafi wurde 1976 in Teheran geboren. Er studierte Bühnenbild und gründete noch während der Ausbildung seine erste Theatergruppe. 2003 gründete er das "Arta Atelier", für dessen multimediale Arbeiten er mehrere Filme über Teheran realisiert hat. 2007 kam er nach Deutschland, im Jahr darauf lief sein Film "Football Under Cover" auf der Berlinale und gewann den Publikumspreis "Teddy Award".
Gemeinsam mit Birgit Minichmayr und Markus Beeko (Leiter Kommunikation Amnesty International Deutschland) wird er über die Vergabe des Amnesty-International-Filmpreises auf der Berlinale 2012 entscheiden. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert. Nominiert sind Filme aus den Sektionen Wettbewerb, Panorama, Forum und erstmals auch Generation, dem Kinder- und Jugendprogramm.
Amnesty vergibt den Preis zum achten Mal – am 18. Februar 2012 bei der Preisverleihung der unabhängigen Jurys. Mit ihm zeichnet die dreiköpfige Jury herausragende Filmproduktionen aus, die sich der Menschenrechtsthematik annehmen. Zugleich würdigt der Preis das zuweilen sogar lebensgefährliche Engagement von Filmemacherinnen und Filmemachern. Preisträger der letzten Jahre waren: "Barzakh" von Mantas Kvedaravicius (2011), "Son of Babylon" von Mohammed Al-Daradji, "Wasteland" von Lucy Walker (beide 2010), "Sturm" von Hans-Christian Schmid (2009) und "Sleep Dealer" von Alex Rivera (2008).