Amnesty Journal Jemen 27. März 2012

"Die Mutter der Revolution"

Tawakul Karman ist die erste arabische Frau, die mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Die Journalistin und Menschenrechtlerin ist eine Ikone der Demokratie­bewegung, die den jemenitischen Präsidenten Ali Abdullah Saleh im November 2011 zum Rücktritt zwang.

Von Ralf Rebmann

Mit dem Niqab, einem Gesichtsschleier, der nur die Augen zeigt, bedeckt sich Tawakul Karman schon seit Jahren nicht mehr. Im Gegensatz zu den meisten jemenitischen Frauen trägt die charismatische 32-Jährige oft ein buntes und auffälliges Kopftuch.

Tawakul Karman muss sich nicht verstecken. Sie ist Jemens bekannteste Menschenrechtsaktivistin, Journalistin und Mitgründerin der Organisation »Journalistinnen ohne Ketten«. Schon seit Jahren setzt sie sich für die Rechte von Frauen und die Meinungsfreiheit in ihrem Land ein. Internationale Bekanntheit erlangte sie im Januar 2011, als die Umbrüche in der arabischen Welt auch den Jemen erreichten. Zehntausende gingen in der Hauptstadt Sanaa auf die Straße, um gegen die 33-jährige Herrschaft von Ali Abdullah Saleh zu demonstrieren und ein Ende der Korruption und Unterdrückung zu fordern.

»Das Fehlen der Meinungsfreiheit und anderer grundlegender Freiheiten war ausschlaggebend für die Proteste«, sagt Karman, die die Demonstrationen unterstützt und mitorganisiert hat. Sie erhielt daraufhin Todesdrohungen und wurde am 23. Januar kurzfristig festgenommen. Ihre Inhaftierung löste internationale Proteste und weitere Demonstrationen aus, bei denen Karmans Freilassung gefordert wurde. Bis zum heutigen Tag wurden bei Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften mindestens 200 Menschen getötet, darunter auch Freunde von Karman.

Für ihren langjährigen Einsatz für die Menschenrechte erhielt sie 2011 den Friedensnobelpreis. »Ich nehme den Preis in meinem und im Namen der jemenitischen und arabischen revolutionären Jugend entgegen, die in letzter Zeit den friedlichen Kampf gegen die Tyrannei und Korruption geführt hat«, sagte sie bei der Preisverleihung am 10. Dezember 2011 in Oslo. Karman, die auch »Mutter der Revolution« genannt wird, ist die jüngste Preisträgerin und erste arabische Frau, die mit der renommierten Auszeichnung geehrt wird.

»Vor allem Frauen haben bei den Protesten eine Vorreiterrolle gespielt«, sagt sie. Das ist bemerkenswert, da Frauen und Mädchen im Jemen ständiger Diskriminierung und Schikane ausgesetzt sind. Zwangs- und Frühverheiratungen sind in ländlichen Gebieten keine Seltenheit. Es gebe ein Sprichwort, das die Situation der Frauen sehr gut verdeutliche, sagt Karman: Demnach führt der Lebensweg einer Frau im Jemen vom Haus ihrer Familie über das Haus ihres Mannes in ihr Grab. Dies müsse sich ändern, betont die Preisträgerin.

Neben ihrem Einsatz für Frauenrechte und Meinungsfreiheit ist sie Mitglied der al-Islah Partei, dem jemenitischen Ableger der Muslimbruderschaft. Zur Frage, ob es Differenzen zwischen ihrem Frauenbild und dem der Islah-Partei gebe, möchte sie sich nicht äußern. Sie sei nicht »Sprecherin der Partei, sondern eine Vertreterin der Jugendrevolution«. Gleichzeitig muss sich Karman gegen ultrakonservative Politiker und Prediger wehren, die gegen sie hetzen. Rückhalt bekommt sie vor allem von ihrer Familie. »Ich bin sehr stolz auf meine Frau, sie ist sowohl für Männer als auch für Frauen eine große Inspiration«, meint ihr Ehemann Mohammed Al-Nehmi, der sie auch auf der Reise nach Oslo begleitet hat.

Karman ist Mutter von drei Kindern. »Natürlich vermissen sie mich«, sagt sie, »aber sie wissen, dass wir eine große Aufgabe vor uns haben und dass unser Einsatz auch zukünftigen Generationen gilt«. Karman wünscht sich einen Jemen, der auf Pluralismus und Demokratie aufbaut und den Menschen die Würde zurückgibt, die ihnen Saleh genommen hat. Saleh hat im November 2011 seinen Rücktritt angekündigt – unter der Bedingung, dass er Immunität genießt.

Für die Menschen im Jemen ist dies ein Grund, wieder zu demonstrieren. Karman fordert, dass Saleh für seine Verbrechen vor dem Internationalen Strafgerichtshof zur Verantwortung gezogen wird. »Für ihn darf es keine Amnestie geben«, betont sie und nimmt den Westen in die Pflicht. »Er hat sehr viel Vermögen auf ausländische Konten geschafft, das muss eingefroren werden. Auch die internationale ­Gemeinschaft trägt die Verantwortung dafür, wie sich der Jemen entwickelt.«

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