Amnesty Journal Afrika 25. September 2012

Wie werden Kinder zu Soldaten?

Vor einigen Monaten erregte ein Video weltweite Aufmerksamkeit. Über 90 Millionen Menschen sahen sich im Internet einen Film über Joseph Kony an, den Anführer der »Widerstandsarmee des Herrn (LRA)«. Schon vor dem Film der Organisation »Invisible Children« war Joseph Kony als ein mit internationalem Haftbefehl gesuchter Mann bekannt, dessen Namen mit schrecklichen Verbrechen im Norden Ugandas verbunden ist.

Die LRA bestand zeitweise aus bis zu 90 Prozent Kindersoldaten, die zwischen 13 und 16 Jahre alt waren. Während des Konfliktes in Norduganda entführte die LRA rund 25.000 Mädchen und Jungen. Nach der Entführung wurden diese Kinder zum Töten ausgebildet und viele dazu gezwungen, ihre eigenen Familienmitglieder umzubringen. Mädchen mussten älteren Soldaten außerdem als Sexsklavinnen dienen. Versuchten die Kinder zu fliehen, drohte ihnen der Tod, wobei die Hinrichtungen von anderen Kindern vollstreckt wurden.

In allen Regionen der Welt werden Kinder in Konflikten als Soldaten eingesetzt. Besonders bekannt ist diese Problematik ­jedoch aus Afrika. Während des zehnjährigen Bürgerkrieges in Sierra Leone waren 7.000 Kindersoldaten im Einsatz. In Liberia waren es rund 21.000. Der Einsatz der Kinder im Krieg hinterließ seine Spuren. Die größte Herausforderung ist jedoch der behutsame Aufbau der Gesellschaft und die Reintegration der Kinder. Auf der einen Seite stehen die ehemaligen Kindersoldaten, die häufig traumatisiert sind und dringend medizinischer sowie therapeutischer Hilfe bedürfen. Auf der anderen Seite haben die zurückgebliebenen Familien große Bedenken, die Kinder wieder in ihre Gemeinschaft aufzunehmen. Zu grausam waren die Taten, die die Kinder während des Krieges verübt haben.

Wenngleich Länder wie Liberia, Sierra Leone, Angola oder auch Mosambik befriedet werden konnten, bleibt das Thema auf der Tagesordnung. Insbesondere in der Region der Großen Seen, in Zentralafrika, werden noch immer Kinder rekrutiert und eingesetzt. So ging zwar auch in der Demokratischen Republik Kongo die Zahl an Kindersoldaten von rund 30.000 im Jahr 2004 auf heute schätzungsweise 2.600 zurück, aber gerade in den vergangenen Wochen konnten wieder verstärkte Aktivitäten von Rebellengruppen im Osten des Landes festgestellt werden. Das beinhaltet auch Versuche, Kinder erneut als Soldaten einzusetzen. Zugespitzt wird die Situation durch die LRA im Norden des Landes, die sich zwar aus Uganda weitgehend zurückgezogen hat, aber weiterhin in der Zentralafrikanischen Republik und in der DR Kongo Gräueltaten begeht.

Am 14. März wurde Thomas Lubanga, Ex-Anführer einer kongolesischen Rebellengruppe, vom Internationalen Strafgerichtshof der Rekrutierung von Kindersoldaten schuldig gesprochen. Das ehemalige Staatsoberhaupt Liberias, Charles Taylor, wurde am 30. Mai vom Sondergerichtshof für Sierra Leone zu 50 Jahren Haft verurteilt, u.a. für die Rekrutierung von Kindersoldaten. Diese Urteile können Hoffnung geben, dass sich eines Tages auch Joseph Kony für seine Taten verantworten muss.

Franziska Ulm ist Fachreferentin für Afrika der deutschen Sektion von Amnesty International.

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