Schwarz-weiße Liebe in Schwarz-Weiß
"Kafka für Afrikaner" ist eine gelungene Graphic Novel über die Schwierigkeiten eines westafrikanischen Asylbewerbers im westeuropäischen Alltag.
Von Maik Söhler
Die Vierte Welt soll die Dritte Welt retten. Das ist Kafka für Afrikaner." Mit diesen Worten kommentiert Bolle, ein ganz normaler Belgier, seinen Erstkontakt mit der Ausländerbehörde. Bolle, der als Redakteur für eine Zeitung arbeitet, hat ein ganz spezielles Problem. Es, bzw. er, heißt Abou, ist schwarz, kommt aus Togo und ist der neue Freund von Bolles Tochter Sofie. Sie hat Abou in einem Flüchtlingswohnheim kennen- und liebengelernt, und schon bald zieht er ins Dachgeschoss des Hauses von Sofies Eltern ein.
Abou stellt die Selbstverständlichkeiten eines liberalen Haushalts in Belgien erst einmal gründlich infrage: Sich weltoffen zu geben und tatsächlich tolerant zu sein, sind offenbar zwei ganz unterschiedliche Dinge, wie Bolle an seinem eigenen Verhalten gegenüber dem neuen Familienmitglied schnell erfährt. Doch während die Vorurteile und Ängste vergehen, bleibt die Angst vor einer drohenden Abschiebung Abous und der Ärger mit Ausländerbehörden und undurchsichtigen Bestimmungen.
Sofie bleibt schließlich nichts anderes übrig, als Abou zu heiraten. Zuvor fährt sie nach Westafrika, um zu prüfen, ob ihr ein Leben dort zusagt. Doch schon nach einem kurzen Aufenthalt verwirft sie die Vorstellung. Nur ein Jahr nach der Hochzeit ist die Ehe zerrüttet, zwei Jahre später wird sie geschieden, Abou darf in Belgien bleiben, Sofie findet einen anderen Mann und bekommt Kinder.
Judith Vanistendael zeichnet in ihrer Graphic Novel "Kafka für Afrikaner" eine einfache Geschichte in vielen widersprüchlichen Bildern. Ein gutsituiertes Belgien trifft auf die Armut und politische Repression in Togo. Westafrikanische entrechtete Flüchtlinge rücken ins Zentrum westeuropäischer Familien vor und so manche Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt. Vor allem aber unterliegen die Protagonisten einem undurchsichtigem Gemisch aus Ängsten, Hoffnungen, Ressentiments, dem Schrecken der Vergangenheit und dem simplen Wunsch, ein menschenwürdiges Leben zu führen.
Die Stärke dieses nicht linear erzählten Buches liegt darin, die schwarz-weiß gezeichnete Story über eine Liebe zwischen Schwarz und Weiß mit vielen Zwischentönen zu erzählen. Dazu gehört auch der Verzicht auf ein Happy End und Sofies Erkenntnis, dass "die Dämonen, die Abou verfolgten", ihr zu mächtig werden und die Beziehung deswegen endet. Trotz vieler gezeichneter Details über Folter, Flucht und die Beschränkungen, denen Asylbewerber unterliegen, bleibt die Figur Abous leider etwas unscharf. Ein luzides Nachwort über Asylverfahren in Belgien und Deutschland sowie die Menschenrechtssituation in Togo lässt diesen Makel allerdings schnell in Vergessenheit geraten.
Judith Vanistendael: Kafka für Afrikaner. Sofie und der schwarze Mann. Aus dem flämischen Niederländisch von Andrea Kluitmann. Reprodukt, Berlin 2011, 152 Seiten, 20 Euro.