Amnesty Journal 14. Mai 2012

Rassismus wird spürbar

»Csak a szél – Just the Wind« heißt der diesjährige ­Gewinner des Amnesty-Filmpreises. Ein dichter und außergewöhnlicher Spielfilm über die Situation der Roma in Ungarn.

Von Jürgen Kiontke

Das Mädchen Anna (Gyöngyi Lendvai) sitzt vor dem Computer und surft im Internet. Nichts Ungewöhnliches – oder doch? Das Wort, das sie in die Suchmaske eingibt, lässt nichts Gutes ahnen. Es lautet »Zigeunererschießungen«. Und Einträge dazu gibt es genug.

Die Menschen in Bence Fliegaufs Beitrag zum Berlinale-Wettbewerb, »Csak a szél – Just the Wind«, (HUN/D/F 2012) ahnen die Katastrophe, viel Fantasie ist dazu nicht nötig. Sie sind Roma und leben in einem kleinen Dorf in Ungarn, Diskriminierung ist für sie alltäglich. Und nun ist in der Nachbarschaft eine ganze Familie mit Schrotflinten erschossen worden. Und die Ermittlungen der Polizei haben bisher nichts erbracht. Die Mörder kamen nachts, und nachts zu schlafen, das traut sich hier niemand mehr. »Das ist nur der Wind«, reden sich die Protagonisten ein, wenn sie draußen Geräusche hören – daher der Titel des Films. Aber vielleicht ist es auch nicht der Wind.

Der Film erzählt vom Leben der Familie von Mari (Katalin Toldi), einer Hausfrau, deren Mann in Kanada arbeitet, die sich um die Kinder zu kümmern hat und um den kranken Vater. Sie lebt in einer Siedlung am Rande einer Kleinstadt, arbeitet als Putzfrau oder Müllsammlerin.

Fliegaufs Film beruht auf einer Mordserie, die in den Jahren 2008 und 2009 tatsächlich geschah. Die Vorgehensweise war immer gleich: Häuser wurden von den Angreifern mit Molotow-Cocktails in Brand gesetzt, anschließend wurden die Flüchtenden erschossen. Dabei starben sechs Menschen. Die Taten sind Ausdruck eines Rassismus, der in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen hat. Rechtsradikale ungarische Parteien schüren ethnische Spannungen, um sich Wahlerfolge zu sichern. In Zeiten wirtschaftlich schwieriger Bedingungen ein billiges, populistisches Mittel.

Die Kamera filmt die Menschen in diesem Film nicht. Sie ist mitten unter ihnen, zwischen ihnen, schaut ihnen über die Schulter. Der Zuschauer erlebt plastisch, was geschieht. Fliegaufs filmischer Ansatz schafft die Möglichkeit, ganz in der Geschichte zu sein. Wenig fragt der Film nach Ursachen und gesellschaftlichen Entwicklungen – und birgt damit Potenzial für kontroverse Diskussionen. Ist Ungarn ein Einzelfall? Worin gründet sich der Rassismus dort?

Das Verdienst von Fliegaufs Film ist, mit seiner spezifischen Perspektive das Klima ständiger Bedrohung erlebbar zu machen. Anhand der Figur der Mari und ihrer Familie hakt Bence Fliegauf wie auf einer Check-Liste die Facetten des Rassismus ab. Wird ein Computerbildschirm geklaut, fällt der Verdacht zuerst auf Maris Tochter Anna. »Sie stinken«, sagt Maris Chef, und stellt ihr beim Gespräch den Ventilator vors Gesicht. Der Bus hält 50 Meter hinter der Haltestelle, wenn Mari einsteigen will. Als ein schwarzer Wagen dem Sohn Rio (Lajos Sárkány) folgt, ist klar: Bis zu den nächsten Gewehrschüssen ist es nur noch ein Schritt. Fliegauf lässt dem Publikum wenig vom Glauben an eine Besserung der Zustände – sein Film ist ein deprimierendes Werk, das die ganze Hoffnungslosigkeit der Lage auf Spielfilmlänge komprimiert.

Ein Film, der auch die Jury-Mitglieder des diesjährigen Amnesty-Preises – Schauspielerin Birgit Minichmayr, Regisseur Ayat Nayafi und den Amnesty-International-Kommunikationschef Deutschland Markus Beeko – beeindruckte: Sie verliehen »Just the Wind« die mit 5.000 Euro dotierte Auszeichnung. Schon zum achten Mal wurde der Preis an Regisseure verliehen, die Unrecht öffentlich machen und in besonderer Weise unmenschliche Lebensverhältnisse darstellen.
In der Begründung der Jury heißt es: »›Just the Wind‹ weist kunstvoll auf die erschreckende Situation der Roma in Ungarn hin. Die außergewöhnliche Nähe, die die nervöse Kameraführung schafft, bringt uns der Angst der Protagonisten verstörend nahe.«

»Der Film fängt alltägliche Diskriminierung ein«, sagte Birgit Minichmayr dem Amnesty Journal. »Und zwar auf sehr stille und nahe Weise.« Die spürbar brodelnde Angst unter der Oberfläche habe hier adäquate Bilder gefunden. Minichmayr: »Für mich als Österreicherin ist es bedrückend zu sehen, dass im Nachbarland eine so bedenkliche Situation herrscht.«
Regisseur Fliegauf sagte, er habe sich zu Beginn des Filmprojekts gefragt, wie sich wohl Roma fühlen, deren Nachbarn gerade erschossen wurden. Er wollte Menschen, über die immer nur als Gruppe gesprochen wird, eine individuelle Zeichnung geben. Wie sie denken, was sie fühlen. Er hat mit Laiendarstellern gearbeitet, da es hier um die Nachbildung von Vorgängen einer realen Welt geht: Sein Film zeige nichts Fiktionales.

Der Regisseur möchte an die erinnern, »die sich darum kümmern, das Los der Roma zu verbessern – Streetworker, So­zialarbeiter und andere«, sagte er dem Amnesty Journal. »Der Schlüssel zu Verbesserungen, da sind sich alle einig, ist die Bildung.« Nun hofft er darauf, dass die Rechte von Minderheiten und die Gefahr des Rassismus im europäischen Kontext wahrgenommen werden.
18 Filme waren für die diesjährige Vergabe des Amnesty Filmpreises nominiert. Viele Filme, die bei der Berlinale gezeigt wurden, reflektierten die Situation von Minderheiten, Demokratiebestrebungen von Mehrheiten, die Revolten in den arabischen Ländern.

Starke Beiträge waren »The Reluctant Revolutionary« (GB/IR 2012), ein Porträt der Umwälzungen im Jemen, aber auch ein Spielfilm wie »Diaz« (F/I/RU 2012), der die G8-Proteste in Genua 2001 aufgriff und zeigte, wie sie von den Ordnungskräften niedergeschlagen und kriminalisiert wurden.

Außer »Just the Wind« waren die beiden Dokumentarfilme »Bagrut Lochamim« (ISR 2012) und »Zavtra« (GUS 2012) Anwärter auf den Amnesty-Preis. Der erste dokumentiert ein Ausbildungsprogramm der israelischen Armee, die Soldaten ohne Schulabschluss eine Weiterbildung anbietet. Eines der Fächer heißt Bürgerrechte – ein Thema, das für hitzige Diskussionen sorgt. Der Film spielt fast nur im Klassenraum und bildet die Gespräche und zum Teil bizarren Gedankengänge der jungen Leute ab.

»Zavtra« zeigt die Arbeit einer Moskauer Künstlergruppe, die von Kunst-Events lebt. Sie will ihre Aktionen verstanden wissen als Protest gegen ein Russland, das auf sinnlosem Konsum und der Unterdrückung jeglichen demokratischen Aufbruchs basiert. Die bunte Truppe schlägt öffentlichkeitswirksam zu, lädt Videos ihrer Aktionen auf YouTube hoch und findet sich auf der Polizeiwache wieder. Wen wundert’s: Als sichtbares Zeichen dafür, dass man die herrschende Ordnung auch auf den Kopf stellen kann, kippen sie Polizeiautos aufs Dach.

Die nominierten Filme hätten das Thema Menschenrechte auf die eine oder andere Weise durchaus beeindruckend behandelt, sagte Minichmayr. Aber nicht so kunstvoll wie »Just the Wind«. »Fliegaufs Film war das gute Gesamtpaket.«
Amnesty International nutzte die öffentliche Aufmerksamkeit bei der Berlinale auch dazu, um noch einmal auf das Schicksal von iranischen Filmschaffenden aufmerksam zu machen. Ihre Arbeit unterliegt einer strengen Zensur. Einigen, wie Jafar Panahi, stehen Gefängnisstrafen bevor.

Der Autor ist Filmkritiker und lebt in Berlin.

Die 17 nominierten Filme finden sich auf www.amnesty.de/berlinale. Nachnominiert wurde »Call me Kuchu«.

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