Amnesty Journal Chile 15. März 2011

"Narbenland"

Berlin, 1982. Die jugendliche Ich-Erzählerin Julika Zürn begegnet dem geheimnisvollen Herrn Adán, einem chilenischen Exilanten, der in einer Apotheke arbeitet.

Von Tanja Dückers

Ich suchte mit meinen Fingern den Lichtschalter. Endlich hatte ich ihn ertastet. Schneller als ich denken konnte, lag Herrn Adáns weiche Hand auf meiner. »Ich lasse das Licht aus«, sagte er. »Warum?« »Damit du dich nicht zu sehr erschrickst.« Wie konnte ich nur so blöd sein und diese Situation nicht vorausahnen – was sollte ich jetzt bloß machen? Ich starrte auf den Tisch, auf dem eine lange Schere und ein Stück Mullbinde lag.

Aber Herr Adán machte keine Anstalten, mich zu berühren, geschweige denn mich auszuziehen. Er entfernte sich etwas, sortierte sogar kurz mehrere Akten, murmelte etwas in sich hinein. »Guck mal, das ist meine Frau«, er deutete auf ein Foto, das zwischen einem Heilkräuterkalender und einem Erste-Hilfe-Poster ein wenig schief an der Wand hing. Offenbar wollte er mich vernaschen, aber vorher klarstellen, dass es nur für einmal sein würde.

Herr Adán stand auf und zog sich vor mir sein Hemd über den Kopf. »Komm näher, ich muss sie dir zeigen. «Wen oder was meint er mit ›sie‹? Ich sah im Dunklen die Furchen auf seinem Rücken. Da gab es Täler, Kuhlen, Striche und Linien wie die Spur von einem Tausendfüßler. Sein ganzer Rücken war mit Narben, Verkrustungen, Zigarettenbrandstellen übersät.

Ich war auf einmal sehr froh, dass es so dunkel war. »Hattest du als Kind Angst vor Monstern? Hat man dir gesagt, dass es so etwas nicht gibt? Es gibt sie … Deine Phantasie reicht nicht aus, um dir vorzustellen, was man mit mir gemacht hat … Sie haben mit Steinen auf meinen Körper geschlagen, bis meine Knochen brachen, sie haben mit Heftzwecken Schach auf meinem Rücken gespielt, einmal haben sie mich an einem heißen Tag, an dem alle Gefangenen und Wärter nur herumdösten, aus lauter Langeweile auf die Eisenpfähle eines Zauns gedrückt, ich wäre fast verblutet. Aber weil sie entdeckten, dass ich am gleichen Tag wie der Herr und Meister Geburtstag habe, bin ich amnestiert worden. Man hat mich dann besser behandelt und zu einem Arzt gebracht, nur deshalb habe ich überlebt. Seitdem interessiere ich mich übrigens für Medizin.«

Ich starrte Herrn Adán an. Er trat noch näher an mich heran. Sein Hemd hatte er lässig über die Schulter gelegt. Er war ganz ruhig. Auch auf seiner Brust waren Narben. »Bitte«, flüsterte er. Er sah mich wieder so lange an. Langsam konnte ich in der Dunkelheit besser sehen. Als könnte er meine Gedanken er­raten, sagte er: »Ja, die Augen müssen sich erst einmal auf die ­veränderten Lichtverhältnisse einstellen.«
Dann legte Herr Adán meine Hand auf seine Brust und begann, mit ihr langsam über seine Haut zu fahren. Dabei achtete er darauf, dass sie jede Narbe wirklich berührte. Ich stellte fest, dass es ganz unterschiedliche Narben gab.

Manche mussten auf tiefe Verletzungen zurückzuführen sein, meine Finger glitten dann über harte Knoten – sie fühlten sich an wie das Rückgrat meines Bruders, wenn er sich bückte. Andere Narben waren ­eigentümlich weich, die Haut war an ihrer Stelle dünn wie ­Pergamentpapier. Und es gab Narben, die taten mir unter den Fingerkuppen weh – lang und dünn wie Nägel waren sie. Manche waren schnurgerade wie Pfeile, andere gewunden wie die Spur des Sanddornsafts, wenn meine Mutter ihn in einer Quarkschale verrührte. Braunrote, krustige Narben waren das.

Herr Adán ließ meine Hand los, und ich hörte ein Geräusch von raschelndem Stoff, etwas fiel auf den Boden. Dann ergriff er meine Hand wieder und führte sie über eine tiefe Narbe, die bis zum Rand seiner Unterhose reichte. Er ließ eine lange sichelförmig geschwungene Narbe in seinen Leisten nicht aus, machte aber keinerlei Anstalten, meine Hand in seine Unterhose zu führen.

Meine Zahnärztin, Frau Dr. Minkeritz, hatte einmal gesagt, die Zungenspitze und die Fingerkuppen würden von ihrer Wahrnehmungsweise her genau wie Lupen funktionieren – sie gäben einem immer das Gefühl, dass alles viel größer sei als in Wirklichkeit. Deshalb habe man bei einem Loch im Zahn immer gleich das Gefühl, der halbe Kiefer würde einem fehlen.

Während meine Hand über eine scheinbar endlos lange Narbe an Herrn Adáns Oberschenkel strich, fiel helles Licht von den Scheinwerfern eines vorbeifahrenden Autos in den Raum. Das fahle Licht erhellte die Apotheke immer wieder für Momente. ­Jedes Mal erschrak ich, wenn in der Dunkelheit eine rote breite Narbe vor mir aufleuchtete – oder eine dieser weißen Hautstellen irgendwo, deren Farbe nicht zu der von Herrn Adán zu passen schien.

Manchmal wurden die Tiegel und Bottiche auf den hohen Regalen sichtbar. Bei drei dicht hintereinander folgenden Autos las ich »Si« – »li« – »cea«. Einmal leuchtete ein Feuerlöschgerät hellrot auf, danach, flammenfarben, eine Narbe unterhalb von Herrn Adáns Nacken. Dann fiel das Licht auf den Gummischlauch eines Blutdruckmessgeräts, der wie eine tote Schlange auf der Anrichte lag, und auf einen lilaroten Narbenwurm auf Herrn Adáns Unterarm. Alles, was einen Moment lang im Licht stand, wurde im nächsten in eine Dunkelheit getaucht, die tiefer zu sein schien, als die, die ihr vorausging.

In diesem unablässigen Flackern wirkten Herrn Adáns Körperteile wie voneinander losgelöst; es war, als wäre der Hinterraum der Apotheke von unendlich vielen verstümmelten Körpern angefüllt. Für Sekunden wurden sie auf einem leuchtenden Thron emporgehoben, der Dunkelheit und dem Vergessen entrissen, um dem nächtlichen Berlin gezeigt zu werden. Herr Adáns geschundener Körper war einem Blitzlichtgewitter ausgesetzt. Was hier stattfand, war eine stumme Parade von Wunden – und ich streckte meine Hände nach ihnen aus …

Es dauerte lange, bis Herr Adán mich über all seine Narben geführt hatte. Schließlich ließ Herr Adán meine schweißnasse Hand los. Dann streichelte er mir flüchtig über die Wange. Flink zog er sich an und geleitete mich hinaus. Auf dem Weg zur Tür riss er noch zwei Packungen Hustenbonbons und Frucht­gummis von einem Drehständer und drückte sie mir in die Hand. »Für dich.« Wieder sah ich zu all den Töpfen und Tiegeln hinauf. Herr Adán hätte sich bestimmt umbringen können mit einem dieser Mittelchen, aber er hatte es nicht getan.

Auszug aus dem Kapitel »Narbenland – Hände« aus dem Roman »Hau­sers Zimmer« von Tanja Dückers, Schöffling Verlag, der im Februar 2011 erschien.

Tanja Dückers, 42, arbeitete mehrere Jahre als Nachrichten- und Wetterberichttexterin bei der Deutschen Welle. Sie wurde 2006 vom Deutschen ­Historischen Museum zu den zehn wichtigsten Schriftstellern unter 40 und den hundert kreativsten Köpfen Deutschlands ­gewählt. Zuletzt erschien »Der längste Tag des Jahres« beim Aufbau-Verlag.

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