Amnesty Journal 16. Januar 2012

Posthume Party

Buraka Som Sistema, ein Elektro-Quartett aus ­Lissabon mit angolanischen Wurzeln, revolutioniert derzeit die Techno-Szene mit seinem traditionellen Kuduro-Rhythmus.

Von Daniel Bax

Was, wenn die beste Party deines Lebens erst steigt, nachdem du gestorben bist? Dieser Gedanke stand Pate beim neuen Album von Buraka Som Sistema. Der Titel "Komba" spielt auf ein religiöses Ritual aus Angola an – sieben Tage nach dem Tod eines Menschen kommen traditionell Freunde und Familie zusammen, um das Lieblingsessen des Verstorbenen zu kochen und seiner Lieblingsmusik zu lauschen. "In Wirklichkeit ist das natürlich keine Party", räumt João Barbosa alias J-Wow ein. "Jeder weint und trauert um den Toten. Aber wir verstehen Komba als Aufforderung, das Leben zu umarmen und jeden Moment intensiv zu ­genießen".

Dafür baut das Elektro-Quartett aus Lissabon auf den angolanischen Kuduro-Rhythmus, der ihm als Grundgerüst für technoide Dance-Tracks dient. Kuduro ist ein Symbol für trotzige Selbstbehauptung und rohen Überlebenswillen. Seit Angola 2002 nach 27 Jahren Bürgerkrieg zu einem halbwegs stabilen Frieden fand, stieg dieser billig scheppernde Techno-Beat dort zum Sound der Stunde auf. Dank seines Erdöls erlebte das Land im Süden Afrikas einen rasanten Wirtschaftsboom, von dem der größte Teil der Bevölkerung aber noch immer ausgeschlossen bleibt.

Buraka Som Sistema haben entscheidend dazu beigetragen, dass der Kuduro-Funke auf die DJ- und Clubszene in Europa überspringen konnte. Sie haben das Genre so weit von allem Pop-Kitsch entschlackt, dass nur noch das nackte Rhythmusgerippe übrig blieb. Diese rudimentären, gebrochenen und verschachtelten Beats motzten sie mit düsteren Dancefloor-Effekten, Sirenen, portugiesischem Rap und allen Mitteln der DJ-Kunst zu einer neuen Stilrichtung auf, die auch Kollegen wie M.I.A. oder Diplo begeisterte. "Progressive Kuduro" nennen es Buraka Som Sistema, weil es mit den ursprünglichen, eher fröhlichen Kuduro-Songs aus Angola nur noch wenig gemein hat.

Benannt hat sich das Elektro-Quartett nach dem Viertel Buraka in Lissabons Vorstadtbezirk Amadora, der viele Einwanderer aus Angola und den Kapverden beherbergt und für seine hohe Kriminalitätsrate berüchtigt ist. Von dort haben Buraka Som Sistema den afrikanischen Trend ins Zentrum der Hauptstadt katapultiert, als sie dort als Resident-DJs in einem namhaften Club auflegten. Im Kuduro-Hype, den sie damit losgetreten haben, lösen sich die Grenzen zwischen Arm und Reich sowie zwischen Schwarz und Weiß auf. "Für meine Großeltern und Eltern gab es noch ein weißes und ein schwarzes Portugal", meint João alias J-Wow. "Aber für meine Generation und in Amadora, wo ich aufgewachsen bin, macht diese Unterscheidung keinen Sinn mehr." Und sein Kollege Kalef ergänzt: "Die Kids auf den Schulen eignen sich alle diesen kapverdischen oder angolanischen Slang an, manche singen oder rappen sogar darin. Sie ­machen das, weil ihre Eltern es nicht verstehen."

Die Hälfte von Buraka Som Sistema ist in Angola geboren, die andere Hälfte in Portugal. Auch die Liste der Gäste, die – wie der nigerianische Grime-MC Afrikan Boy aus London oder der kongolesische Rapper Kaysha aus Paris – zu "Komba" einen Beitrag geleistet haben, spiegelt die transkulturelle Realität heutiger Metropolen. Und der Siegeszug des Low-Fi-Techno aus den Ghettos von Luanda zeigt, wie die globale Clubkultur von der Kreativität der Peripherie profitiert.

Buraka Som Sistema: "Komba" (Enchufada / Rough Trade)

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