Amnesty Journal Kolumbien 21. Mai 2010

Die Wahrheit ausgraben

Carlos Montoya trägt die Gebeine seines Sohnes zum Auto der Staatsanwaltschaft.

Carlos Montoya trägt die Gebeine seines Sohnes zum Auto der Staatsanwaltschaft.

In Kolumbien suchen Spezialisten der Staatsanwaltschaft in anonymen Gräbern nach den Verschwundenen im Bürgerkrieg zwischen Militär, Guerilla und Paramilitärs. Alexander Bühler (Text) und Luca Zanetti (Fotos) haben eines der Exhumierungsteams sechs Tage lang begleitet.

Als der forensische Anthropologe Eduardo Ospina um zwölf Uhr Mittag das letzte der drei Gräber öffnet, schwindet bei Ana Dela Ramírez die Hoffnung, den Körper ihres Sohns wiederzufinden. Zusammen mit ihrem Mann und ihrer Enkelin steht sie auf dem Friedhof von San Luis, ihre Augenringe wirken noch ein wenig dunkler, ihre Lippen, die sie fest aufeinander presst, noch schmaler.

Den vierten Tag in Folge untersucht Ospina jetzt schon Gräber. Zusammen mit dem Topografen Joller López, dem Gerichtsfotografen Nelson Arboleda und dem Ermittler Jorge Díaz gehört er zum Team des Staatsanwalts Gustavo Duque. Sie gehen Hinweisen von Angehörigen von Ermordeten nach, graben ­Knochen aus, versuchen die anonymen Toten zu identifizieren. Der Staatsanwalt hat das Programm für die Reise vorbereitet, hat Zeugen an die Orte der Exhumierungen bestellt, Friedhofsverwaltungen benachrichtigt und Polizeireviere angerufen.

Die Kleinstadt San Luis ist von jenen Hügeln umgeben, die die Region Antioquia in Kolumbien so malerisch machen. Vom Ort führt eine gepflasterte Straße zum Friedhof, am Eingang stößt eine Engelsstatue in die Posaune. Die Gräber, um die es an diesem Tag geht, liegen in der hinteren Ecke des Friedhofs. Gegenüber liegt ein zugewucherter Garten, in dem sich Farne ausgebreitet haben, daneben eine Pferdekoppel. Drei weiße Holzkreuze standen dort, bis Ospina sie für die Öffnung der ­Gräber beiseite legte. Vom Hügel gegenüber, wo das Städtchen selbst liegt, hört man die Rufe der Schulkinder und das Hupen der Busse, die in die Provinzhauptstadt Medellín fahren.

Vierzig Minuten später, als Ospina alle Überreste aus dem Grab geborgen hat, umschlingt die Gewissheit Ana Dela Ramírez wie ein dunkles Tuch. Vor acht Jahren erfuhr sie, dass ihr Sohn, ein Tagelöhner, getötet worden war, vor vier Jahren nannte man ihr den Ort, an dem er angeblich begraben sei, und vor wenigen Monaten kam erstmals eine Ermittlung in Gange. Jetzt erfährt sie, dass die Suche vorerst fehlgeschlagen ist, dass ihre zehnjährige Enkelin möglicherweise nicht einmal die Überreste ihres Vaters sehen wird.

2002 lebte Ramírez im gleichen Ort wie heute, sie und ihr Mann bestellten das gleiche Stück Land wie heute. Mit dem Unterschied, dass damals die ELN-Guerilla die Region dominierte. Mit dem Regierungsantritt von Präsident Álvaro Uribe im gleichen Jahr fing der Staat an, massiv gegen die Guerilla vorzugehen – ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. Ana Dela Ramírez, ihr Mann und die Kinder, die bei ihnen lebten, flohen vor den näherrückenden Gefechten nach Medellín und kehrten erst vor zwei Jahren wieder zurück. Die Armee eroberte den Landstrich, mit ihnen tauchten die paramilitärischen Gruppen auf, die jeden töteten, der ihnen verdächtig erschien.

»Das ist Jhonny«, sagt Luz Montoya. Es klingt erleichtert. Die zierliche 30-Jährige blickt auf die weiße Plastikplane, auf der der Forensiker Ospina den Inhalt des dritten Grabs ausgebreitet hat. Auch Ana Dela Ramírez kann die Gegenstände genau sehen, sie steht wortlos neben Montoya am Absperrband. Eine Unterhose liegt da, ein kleines Armband mit einem blauen Würfel, auf dem ein L steht, L für seine Frau Luz. An diesen Gegenständen erkennt sie ihn.

Jhonny Montoya wurde 28 Jahre alt. An dem Tag, als er starb, besuchten seine beiden Schwager ihn und ihre Schwester Luz auf ihrem kleinen, abgelegenen Bauernhof. Eine Bande Paramilitärs überfiel die Bauern und erschoss die Männer. Einfach so. Gründe wurden für solche Ermordungen nie genannt. Die »Paras« nahmen einfach an, die Bauern hätten sich mit der Guerilla arrangiert – was in ihren Augen einem Todesurteil gleichkam. Luz Montoya konnte sich retten, musste aber die Leichen zurücklassen. Nachbarn fanden die Toten, als sie bereits von Faulgasen aufgebläht waren, und brachten sie zum Friedhof. Montoya konnte sie dort noch einmal sehen, aber niemanden identifizieren, weil der Zersetzungsprozess die Toten bereits ­unkenntlich gemacht hatte. Und so wurden sie einfach als drei weitere unbekannte Opfer des Bürgerkriegs verscharrt. »NN, Feb 7, 2002« stand auf den Kreuzen an ihren Gräbern.

Wäre Kolumbien ein Bürgerkriegsland mit klaren Fronten, dann könnte man vielleicht darauf hoffen, dass die Toten an die Gegenseite übergeben und die Angehörigen verständigt werden. In Kolumbien gibt es keine klaren Fronten und die Regeln des humanitären Völkerrechts zählen wenig. Seit mittlerweile 60 Jahren tobt hier ein Konflikt, in dem Millionen Menschen vertrieben, Hunderttausende ermordet und Zehntausende entführt wurden. »Desapareciones forzadas« nennt man das: ein erzwungenes Verschwinden, das meistens mit dem gewaltsamen Tod der Entführten und dem Verscharren der Leiche endet. Zwischen 5.000 und 50.000 Menschen haben dieses Schicksal in Kolumbien erlitten – die Schätzungen variieren je nach Interessenlage. Fest steht, dass alle bewaffneten Gruppen solche Verbrechen begangen haben: Die Armee, die Geheimdienste, die Guerilla-Gruppen, die Paramilitärs und die Drogenhändler.

Keine Gerechtigkeit, kein Frieden

2005 erließ das kolumbianische Parlament ein Gesetz mit der Ordnungszahl 975. Es trägt den hochtrabenden Titel »Ley de ­Justicia y Paz«, Gesetz für Gerechtigkeit und Frieden. Zwar gilt das Gesetz für alle am Bürgerkrieg Beteiligten, die ihre Waffen niederlegen. Ziel des Gesetzes war es aber vor allem, den Paramilitärs den Einstieg ins zivile Leben zu ermöglichen. Ganz gleich, wie viele Menschen sie ermordet haben, sie bekommen maximal acht Jahre Haft, wenn sie mit den Strafverfolgungs­behörden zusammenarbeiten. Zum Beispiel, wenn sie den Ort nennen, an dem sie ihre Opfer begraben haben.

Für die Angehörigen der Opfer sieht das Gesetz eine Entschädigung vor. Sie müssen zunächst das »Verschwinden« eines Angehörigen bei der Staatsanwaltschaft anzeigen, die dann der Spur nachgeht. Wenn der Tote dann geborgen und als Verwandter identifiziert ist, wird eine Entschädigung an dessen Familie ausgezahlt. Doch dafür muss die Leiche des Ermordeten erst ­einmal gefunden werden. Angesichts der vielen Landstriche ­Kolumbiens, in denen immer noch gekämpft wird, eine gefährliche Aufgabe, die der Staatsanwaltschaft übertragen wurde.

Nach der Verabschiedung des Gesetzes stellte die Generalstaatsanwaltschaft 2006 landesweit 20 Teams wie das von Gustavo Duque zusammen. Schon kurze Zeit später wurden zwei Staatsanwälte ermordet, als sie anfingen, Fälle von mutmaßlichen Massakern durch die Armee zu bearbeiten. Ihre Stellen wurden nicht neu besetzt. Die 18 verbleibenden Kollegen von Duque werden nicht vom kolumbianischen Staat finanziert, sondern von den USA und den Niederlanden. Oft müssen die ­Teams ihre Ausrüstung selbst kaufen, um überhaupt weiter­arbeiten zu können. »Das ist ein bewusstes politisches Signal unseres Staats«, sagt ein Mitglied aus Duques Team.

Auch bei der Angehörigenorganisation ASFADDES glaubt man nicht daran, dass die Regierung die Verbrechen wirklich umfassend aufklären will. »Das Gesetz für Frieden und Versöhnung ist ein Hohn«, sagt Esperanza Merchan, Generalsekretärin der Organisation. »Es hilft nur den Tätern, nicht den Opfern.« Tatsächlich wirkt die Entschädigung, die der Staat den Familien der Opfer zahlt, lächerlich gering: 18 Millionen kolumbianische Pesos, knappe 6.700 Euro, bekommen sie für jeden Toten. Im Gegenzug müssen sie sich bereit erklären, auf weitere Entschädigungsforderungen zu verzichten und nicht gerichtlich gegen die Mörder vorzugehen.

Mit ihren wenigen Mitarbeitern versucht ASFADDES den Tausenden Familien der Opfer zu helfen und die Gewalttaten aufzuklären. Die Organisation beklagt, dass viel zu wenig Untersuchungsteams existieren, um zügig die Fälle zu untersuchen. Außerdem sei die Generalstaatsanwaltschaft mehr daran interessiert, die Akten zu schließen, als die Fälle aufzuklären oder gar die Öffentlichkeit zu informieren. Tatsächlich können Duque und sein Team zwar ermitteln, müssen die Ergebnisse aber an eine andere Abteilung der Generalstaatsanwaltschaft abgeben, die dann entscheidet, ob ein Verfahren gegen die Täter eingeleitet wird.

Der fünfte Tag seiner Reise führt das Team von Staatsanwalt Duque ganz in die Nähe der Hazienda Napolés, dem ehemaligen Luxus-Landsitz des 1993 erschossenen Drogenkönigs Pablo Escobar, in den Bezirk »La Cristalina«. Eindringlich warnt der Staatsanwalt seine Leute, die auch hier einen Ermordeten ausgraben sollen: »Wenn ihr einen Schuss hört, werft euch auf den Boden!« Nur der Ermittler Díaz trägt eine Waffe. Die Rauschgiftschmuggler, die »Narcos«, sind hier nach wie vor aktiv und haben sich mit paramilitärischen Gruppen verbündet. Immerhin ist die Armee verständigt, um im Falle eines Aufeinandertreffens schnell eingreifen zu können: Zwei Soldaten, die eine halbe Stunde Autofahrt entfernt Posten bezogen haben.

Octavio Germán und Melba Lleras begleiten die Gruppe. ­Lleras ist die Mutter des Ermordeten, den Duque heute exhumieren möchte. Germán, ein alter Mann aus La Cristalina, hat ihr den Ort genannt, an dem sich das Grab befinden könnte. Wie in den meisten Fällen verlässt sich der Staatsanwalt lieber auf die Informationen von Familienangehörigen als auf die Aussagen der Paramilitärs, die sich meistens nur noch sehr schlecht daran erinnern können, wo sie ihre Opfer vergraben haben.

Die Suche im Dschungel

Die zwei Autos von Duques Team verlassen die Hauptstraße. Mit dem weißen Pick-Up und dem umgebauten Ambulanzwagen, auf dem groß »Fiscalía« – Staatsanwaltschaft – steht, geht es eine halbe Stunde über eine Piste mit tiefen, schlammigen Pfützen durch den Dschungel. Dann haben die Wagen eine Anhöhe erklommen, von der aus man auf das Tieflandgebiet des Magdalena Medio blicken kann.

In den Achtzigern beherrschte die Guerilla FARC dieses Gebiet – bis sie den Plänen Pablo Escobars in die Quere kam. Sein Medellín-Kartell heuerte paramilitärische Gruppen an, um die FARC zu vertreiben. Die Paramilitärs vertrieben nicht nur die FARC, sondern ermordeten und verschleppten viele Zivilisten. Bedroht waren alle, die im Verdacht standen, die Guerilla unterstützt zu haben. Auch Lleras‘ Sohn geriet wohl auf diese Weise ins Visier der Paramilitärs.

Um zur Grabstätte zu kommen, muss das Team aus den Autos aussteigen und zu Fuß ein kleines Tal durchqueren. Ein Bach plätschert, Kinder spielen. Germán zeigt auf den Hügel gegenüber. Dort liegt das Grab, markiert von zwei Bäumen. Von hier oben hat man einen weiten Blick über das Land. Germán stutzt. »Merkwürdig«, sagt er, »seit ich das letzte Mal hier war, hat jemand die Erde umgegraben.« Duques Team macht sich an die Arbeit. Während der Ausgrabungsort mit Plastikband abgesperrt wird, unterhält sich Jorge Díaz mit Melba Lleras und schreibt ein Protokoll über den vermutlichen Ablauf Tat.

Spatenstich für Spatenstich wühlt sich der Forensiker Ospina durch die Erde, er trägt einen Schutzanzug, damit er die Spuren am Tatort nicht verfälscht. Auch er stellt fest, dass die Erde vor kurzem umgewühlt wurde. In etwa 70 Zentimeter Tiefe hält er inne. Er hat etwas gesehen, den Zipfel einer Plastikdecke. Nun holt er seine Kollegen hinzu, die die Wurzeln eines nebenstehenden Baums abschlagen und mehr Erde ausheben. Lleras hat sich mittlerweile in das Wäldchen gestellt, raucht ab und zu eine Zigarette. Sie hat in der vorangegangenen Nacht nicht schlafen können. Sie will wissen, was mit ihrem Sohn geschehen ist.

Dann stößt Ospina endlich auf die Leiche, die in eine schwarze Plastikplane eingewickelt ist. Er nimmt einen Spatel zur Hand, um ganz vorsichtig die übrige Erde zu beseitigen und nur ja keine Spuren zu verlieren. Währenddessen unterhalten sich die anderen über Nebensächlichkeiten, tratschen über Kollegen und reißen Witze. 430 Tote haben sie seit 2006 schon exhumiert. Sie haben erlebt, wie Familien die aufgefundenen Knochen ihrer Angehörigen nicht mehr für die Laboruntersuchung loslassen wollten. Sie haben erlebt, wie Menschen weinend zusammenklappten, wie sich das Leid vieler Jahre Bahn brach. »Ohne meine Frau und die Normalität, die ich mit ihr habe, könnte ich dieses Leid und diese Gewalt gar nicht aushalten«, sagt der Staatsanwalt.

Ospina hat die Plane endlich völlig freigelegt, ganz vorsichtig deckt er sie auf, nachdem das Grab vom Topografen vermessen und fotografiert wurde. Eine weitere Decke kommt zum Vorschein, darunter die Gebeine eines Menschen. Dann stutzt Ospina: »Der Schädel fehlt! Nicht mal Fragmente oder Zähne sind da.« Er durchsucht das Grab säuberlich, prüft die Erdschichten, schaut sich die übrigen Knochen und Textilreste an. Díaz, der ­Ermittler, weist auf die Stricke hin, die in Schlaufen um den ­Körper laufen. »Das war eine übliche Foltermethode der Paras«, stellt er nüchtern fest. Um Hals und Arme wurde ein Strick gelegt, verbunden durch einen Metallring. Senkte der Gefangene seine Arme, zog sich die Schlaufe zusammen und schnürte ihm die Kehle zu, bis er erstickte oder die Arme wieder anhob.

»Eine Unterhose, Marke Punto Blanco, schwarz; eine kurze Hose Marke Nike, schwarz mit weißen Streifen und links einer Tasche; Knochen völlig fragmentiert.« Ospina macht eine Bestandsaufnahme und diktiert dem Topographen den Untersuchungsbericht. Duque läuft zu Lleras, die abseits steht und sagt ihr, dass der Schädel der Leiche fehlt. Sie war darauf gefasst, denn ihr war über Bekannte zugetragen worden, dass die Paramilitärs Jahre später das Grab öffneten, um mit dem Schädel Fußball zu spielen. Eine übliche Methode, um die Bevölkerung zu terrorisieren. Abfällig knurrt Duque: »Diese verdammten Paras! In der Gruppe fühlen sie sich immer stark, aber alleine sind sie Weicheier.«

Später, auf dem Rückweg, wird Lleras Blut abgenommen. Auf einer Raststätte unter einer flatternden kolumbianischen Flagge, an der früher heftig umkämpften Straße zwischen Bogotá und Medellín. Im Labor der Staatsanwaltschaft wird sich in einem DNA-Vergleichstest mit den Knochenresten herausstellen, ob der Mann im Grab wirklich ihr Sohn war. »Ich hoffe, dass ­dieser Mensch mein Sohn war«, sagt sie. »Auch wenn ich dann weiß, dass er vor seinem Tod noch gefoltert wurde.« Über die ­finanzielle Entschädigung durch den Staat denkt sie noch gar nicht nach. Es wird noch Jahre dauern, bis die ausgezahlt wird. Viel wichtiger ist es ihr, dass ihr Sohn bald eine letzte, würdige Ruhestätte bekommt. Dann wird sie auch etwas Ruhe finden. Warum sie glaubt, dass Germán ihr die richtige Stelle gezeigt hat? »Wahrscheinlich«, sagt sie ganz ruhig, »weil seine Söhne bei den Paras dabei waren, die meinen Sohn ermordet haben.«

Die Reste der Knochen, vermutlich seiner Knochen, liegen in einem eng verschnürten roten Plastiksack, gründlich mit dem Klebeband der Staatsanwaltschaft verklebt, im Laderaum des umgebauten Krankenwagens. Das Paket liegt neben den ebenso verpackten Überresten anderer Toter, die das Team bei den Exhumierungen der vorigen Tage geborgen hat. Tausende Vermisste müssen noch ausgegraben werden. Allein um die Entführten der vergangenen 20 Jahre auszugraben, wären Duques Leute und die anderen 17 Teams der Staatsanwaltschaft 40 Jahre beschäftigt. Das haben sie selbst ausgerechnet.

Aufklärung nach 22 Jahren

Meistens sind Duque und sein Team fünf bis zehn Tage unterwegs, je nachdem, wie lange sie die traurigen Umstände aushalten. Als sie am 18. April im Städtchen San Rafael eintreffen, wissen sie, dass dieser Fall besonders hart werden wird. Es geht um ein Massaker, das 1988 stattfand.

Während auf dem nahen Hauptplatz Kaffee getrunken wird und Kinder in einer aufblasbaren Spielburg herumturnen, erklären Duque und Díaz den Angehörigen die Vorgehensweise. Zunächst werden die Leichen exhumiert und anhand körperlicher Merkmale vorläufig identifiziert. Im Labor wird dann über den DNA-Vergleich mit den Angehörigen ihre Identität überprüft. Das Ganze dauert etwa zehn Monate. Denn im Labor der Staatsanwaltschaft in Medellín liegen noch etwa 800 weitere Leichenreste, die auf eine Analyse warten. Am Ende dieses Prozesses sollen die sterblichen Überreste den Angehörigen in einer feierlichen Zeremonie übergeben werden.

Doch die Angehörigen können warten, sie haben jahrelang darauf gehofft, dass der Fall aufgerollt wird, und sie wissen nun, dass etwas geschehen wird. Aus allen Landesteilen Kolumbiens sind sie hierher gekommen, um herauszufinden, was damals ­genau geschah.

Nach ihrer Gründung 1985 warb die Partei »Unión Patriótica« unter den Goldschürfern am nahen Fluss um Anhänger, versuchte eine Gewerkschaft aufzubauen. Diese Partei, entstanden im Rahmen der Friedensbemühungen des damaligen Präsidenten, galt als politischer Arm der Guerilla-Bewegung FARC. Ende der Achtziger und bis in die Neunzigerjahre hinein wurden fast alle ihre Mitglieder ermordet: Von der Armee, den Paramilitärs und den Drogenhändlern.

Martha Osorno ist die Mutter eines der Ermordeten. Sie hatte schon vor 22 Jahren die erste Anzeige erstattet. Immer wieder drängte sie die Justiz, den Fall zu untersuchen – vergeblich. Erst als sie sich an Duque wendete, kamen Ermittlungen in Gang. Ihr Sohn war damals 15 Jahre alt, er wollte unbedingt seinen Onkel bei den Goldschürfern besuchen, sich ein kleines Taschengeld dazuverdienen. Das war sein Todesurteil.

Auch Elena Silva ist nach San Rafael gekommen, sie kochte damals für die Goldschürfer. »An jenem Tag kamen Soldaten in Zivil zu unserem ­Lager,« erzählt Silva. »Sie bedrohten die zwei Männer, für die ich kochte, mit Messern.« Dann führten sie die beiden Goldschürfer weg und Silva konnte sehen, dass etwas weiter entfernt noch weitere Gefangene standen. Einen Tag später wurden die zerstückelten Körper der Goldschürfer am Ufer des Flusses angespült. Niemand versuchte damals, die Leichen zu identifizieren.

Erst jetzt, am 19. April 2010, 22 Jahre nach dem Massaker, soll das nachgeholt werden. Frühmorgens versammeln sich Duques Team und die Angehörigen auf dem Friedhof. Während der Friedhofswächter und der forensische Anthropologe die Inschriftentafel vom Grab lösen herrscht atemlose Stille. Schließlich ist es soweit: Ospina wuchtet die drei Metallkisten, in denen die Gebeine der Goldschürfer liegen, heraus. Immer wieder zählt und ordnet er die Rippen, Schenkel- und Wirbelknochen, die sich darin befinden.

An der Größe und Beschaffenheit der Knochen kann er Körpergröße, Geschlecht und Alter ablesen. Als er die Inhalte der zweiten Kiste untersucht, nimmt er zierliche Unterschenkelknochen und einen Kautschukring heraus. Er fragt: »Wessen Angehöriger trug so einen Kautschukring als Schmuck und war ungefähr 15 Jahre alt?« Erleichtert atmet Martha auf, sie ist froh, zumindest die sterblichen Überreste ihres Sohnes wiedergefunden zu haben. Die Tränen laufen ihr übers Gesicht, sie hatte nicht mehr damit gerechnet.

Die Überreste weiterer 14 Menschen werden an diesem Vormittag geborgen, immerhin zehn können identifiziert werden. Danach entschließen sich Duque und sein Team die Reise abzubrechen und nach Medellín zurückzukehren. Im umgebauten Ambulanzwagen schaukeln die Leichenteile von insgesamt 21 Menschen hin und her. Das Team ist von den vielen Leidensgeschichten ausgelaugt, kann nicht mehr. Sie wissen, dass noch viele Gräber auf sie warten, dass noch immer viele Familien, wie die von Ana Dela Ramírez, verzweifelt nach den sterblichen Überresten ihrer verschwundenen Angehörigen suchen.

Der Autor ist freier Journalist und lebt in Hamburg.
Der Fotograf lebt in Zürich und Bogotá.

Die Namen der Angehörigen wurden auf deren Wunsch
von der ­Redaktion geändert.

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