Amnesty Journal Demokratische Republik Kongo 19. Juli 2010

Der Menschliche

Murhabazi Namegabe setzt sich in der Demokratischen Republik Kongo für die Wiedereingliederung von Kindersoldaten in die Gesellschaft ein. Dank seines "Freiwilligenbüros für Kinder und Gesundheit" erhielten schon Hunderte die Chance auf ein neues Leben.

Von Daniel Kreuz.

Im vergangenen Jahr konnte selbst Murhabazi Namegabe nicht mehr. Seit fast 20 Jahren setzt sich der Menschenrechtsverteidiger in der Demokratischen Republik Kongo für traumatisierte Kindersoldaten ein. »Aber ab einem bestimmten Moment erträgt man die Dinge nicht mehr, die man zu hören bekommt, die man sieht und die man mit diesen Kindern erlebt. Ich litt derart unter Stress, dass ich meine Arbeit für einige Zeit niederlegen musste, um mich in medizinische Behandlung zu begeben.«

Doch Namegabe weiß, dass seine Arbeit dringend notwendig ist in einem Land, in dem sich Milizen, bewaffnete Banden und die Armee bekämpfen und die Bevölkerung terrorisieren. Daher nahm er seine Tätigkeit als Direktor des »Freiwilligenbüros für Kinder und Gesundheit« (BVES) in Bukavu im Osten Kongos bald wieder auf. Mit mehr Energie als zuvor, wie er sagt: »Ich bin Optimist, trotz der grausamen Dinge, die mir begegnen.«

Etwa die Berichte von Mädchen, die nach ihrer Entführung in ein Milizlager die Männer eine Woche lang nackt bedienen mussten, bevor sie als Soldatinnen und Sexsklavinnen missbraucht wurden. Oder die Berichte von Jungen, die sich aus Versehen selbst anschossen, weil sie in ihrer kurzen Ausbildung nicht gelernt hatten, ihr Gewehr richtig zu bedienen.

Um diesen Kindern ein neues Leben zu ermöglichen, unterhält das BVES sieben Hilfszentren, in denen ehemaligen Kindersoldaten Therapien, Schulunterricht und Handwerkskurse angeboten werden. Amnesty International kooperiert eng mit der Organisation und unterstützte Namegabe auch, als er im vergangenen Jahr erkrankte. Diejenigen Kinder, die nicht mehr zu ihrer Familie zurückkehren können, werden in Wohnheimen betreut. »Bei uns lernen sie, die Rechte anderer Menschen zu respektieren – und dass auch sie selbst Rechte haben«, so Namegabe.

Dass Kinder Rechte haben, das versucht der Kongolese sogar den Warlords nahe zu bringen. Zusammen mit seinen Kollegen fährt er in ihre Lager und versucht sie davon zu überzeugen, die Kindersoldaten freizulassen und weiteren Kindern dieses Schicksal zu ersparen. »Ich frage sie dann: Wenn ihr aus allen Kindern Soldaten macht, selbst aus euren eigenen, und diese dann im Krieg sterben, was soll dann aus euren Gemeinden werden?« Namegabe hat bereits mehrmals erlebt, dass die Anführer die Tragweite ihrer Verbrechen erkannten und unter Tränen die Kinder ziehen ließen.

Die Menschenrechtsverteidiger von BVES geraten aber auch immer wieder in lebensbedrohliche Situationen. Einmal richteten Milizionäre ihre Waffen auf sie und forderten: »Ihr wollt 15 Kinder von uns? Ihr seid 15 Mann, dann werdet ihr eben an ihrer Stelle für uns kämpfen.« Oder sie wurden als Geiseln genommen und in blutverschmierte Zellen gesperrt: »Die Entführer haben uns geschildert, wie sie am Vortag jene Menschen töteten, die sie am gleichen Ort festgehalten hatten.« Auch zu Hause ­erhält Namegabe Drohungen. Von anonymen Anrufern wird er gefragt: »Hast du schon deinen Sarg bestellt?«

Namegabe lässt sich davon nicht einschüchtern. Die Kraft für seine Arbeit, sagt er, geben ihm, neben seiner Frau und seiner 13-jährigen Tochter, der katholische Glaube und die Moralvorstellungen, die ihm seine Eltern vorgelebt haben. Schon in seiner Jugend konnte er nicht hinnehmen, dass seine Nachbarin von ihrem Ehemann geschlagen wurde.

Genauso wenig kann er heute tatenlos zusehen, wenn Angehörige der Milizen Kinder in Lager verschleppen. »Einige der Kinder sind wie wilde Tiere, wenn sie zu uns kommen, weil man ihnen beigebracht hat, alle bösen Dinge dieser Welt zu tun: morden, plündern, Drogen nehmen.« Genau diesen Prozess der Entmenschlichung will er mit seiner Organisation rückgängig machen.

Murhabazi Namegabe ist sicher, dass sein Engagement nicht nur durch die Erziehung seiner Eltern vorherbestimmt war, sondern auch durch ihre Namenswahl. Murhabazi ist Swahili und bedeutet übersetzt: Der Menschliche.

Der Autor ist Volontär beim Amnesty Journal.

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