Amnesty Journal Indonesien 11. Februar 2010

Fast 700 Meter unter der Erde

Johanes Djonga sollte sterben. Zu oft hatte der katholische Priester unbequeme Fragen gestellt und die Menschenrechtsverletzungen des Militärs in der indonesischen Provinz Papua ans Licht gebracht. Deswegen sollte er verschwinden, für immer. Lebendig begraben in einer Schlucht, 700 Meter tief. Dass er heute noch lebt, verdankt er unter anderem dem Einsatz seiner Freunde und Kollegen und Hunderten Menschen weltweit, die sich an einer Eilaktion von Amnesty International beteiligten.

Djonga arbeitet seit 2002 in Waris, einem Bezirk von Papua. Die an Papua-Neuguinea grenzende Region wurde 1963 ein Teil Indonesiens. Seitdem flammt der Konflikt um die Unabhängigkeit der Provinz immer wieder auf. Gegen Separatisten gehen die indonesischen Sicherheitskräfte mit exzessiver Gewalt vor, die auch immer wieder Opfer unter der indigenen Zivilbevölkerung fordert. Amnesty dokumentiert regelmäßig Fälle von willkürlichen Verhaftungen, Folter und außergerichtlichen Hinrichtungen. Wer sich wie Djonga für die Rechte der Indigenen einsetzt, gerät schnell in Verdacht, selbst ein Separatist zu sein.

Doch in Papua geht es nicht nur um die Einheit des Staates. Es geht auch um sehr viel Geld. Denn die Region gilt wegen ihres Rohstoffreichtums als eine der Schatzkammern Indonesiens. Und das Militär mischt bei den lukrativen Geschäften kräftig mit, egal ob bei der Bewachung privater Plantagen, der Rodung der Wälder, dem illegalen Alkoholhandel oder der Prostitution.

Johanes Djonga ist ein freundlicher und ruhiger Mann. Aber auch ein sehr mutiger und entschlossener, wenn es um Ungerechtigkeit geht. Als der spätere Gouverneur auf einer Wahlkampftour im Sommer 2007 Dörfer in Waris besuchte, sprach Djonga ihn öffentlich auf die Probleme an: »Warum gibt es mitten in den Dörfern Militärposten, die eigentlich verboten sind? Und warum patrouillieren Soldaten in Zivil durch die Ortschaften und schüchtern die Bevölkerung ein?«

Die Antwort des Militärs ließ nicht lange auf sich warten. Zwei Tage später kamen zwei wütende Soldaten der berüchtigten Sondereinheit Kopassus zu Djongas Haus und schrieen ihn an: »Warum hast du ihm von uns erzählt? Was soll das?« Der Pastor blieb ruhig und erklärte, er habe lediglich im Namen der Bevölkerung gesprochen. Fortan überwachten die Armee und der Geheimdienst seine Aktivitäten noch stärker als zuvor.

Am 22. August 2007 beschimpften Soldaten ihn als »Provokateur« und »Landesverräter« und drohten, ihn zu töten. Der Kopassus-Kommandeur, Lettu Usman, wiederholte die Drohung in einem Interview, mit denselben Worten, die auch seine Soldaten benutzt hatten: »Wir werden ihn 700 Meter unter der Erde begraben.« Djonga erhielt Drohungen per SMS. »Bist du schon tot?«, stand in einer Nachricht.

Er suchte daraufhin in der Provinzhauptstadt Jayapura Schutz beim Polizeichef von Papua. Doch dieser sagte ihm, dass er ihm nicht helfen könne, da es sich bei den Tätern um Soldaten handele. Er müsse sich direkt beim Militär beschweren. Als Amnesty von dem Fall erfuhr, rief die Organisation am 24. September 2007 mit einer Urgent Action ihre Mitglieder und Unterstützer auf, sich mit Briefen an die Behörden für Johanes Djongas Sicherheit einzusetzen. Mit Erfolg: Kommandeur Usman wurde versetzt und Pastor Djonga und die Dorfbewohner wurden seitdem nicht mehr eingeschüchtert. In anderen Gebieten der Region herrscht jedoch nach wie vor ein Klima der Angst.

Für sein mutiges Engagement wurde der 51-Jährige am 10. Dezember 2009 mit dem Yap Thiam Hien Award ausgezeichnet, dem bekanntesten Menschenrechtspreis Indonesiens. »Wenn die Regierung die Militarisierung in Papua nicht in den Griff bekommt, wird der Hass und die Abneigung der indigenen Bevölkerung gegen die Zentralregierung weiter wachsen«, warnt Djonga. Es ginge den Behörden nur darum zu nehmen, nicht aber zu geben: »Die Zentralregierung hat einfach kein Herz für Papua.«

Von Daniel Kreuz.
Der Autor ist Volontär beim Amnesty Journal.

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