Amnesty Journal Ungarn 06. April 2010

"In der Mitte des Hassvulkans"

In Ungarn häufen sich neben gewalttätigen Übergriffen gegen Minderheiten auch verbale Attacken gegen linksliberale und jüdische Künstler. Ein Gespräch mit dem jüdisch-ungarischen Historiker und Schriftsteller György Dalos über antisemitische Hetze, Gewalt gegen Roma, Aufrufe zur Bücherverbrennung und das Schweigen der ungarischen Künstlerverbände.

Zur Person: György Dalos
Der Schriftsteller wurde 1943 in Budapest geboren. Er studierte Geschichte in Moskau und arbeitete als Museologe. 1964 veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband. Bis 1968 war er Mitglied der KP, danach erhielt er Publikationsverbot und war ab 1977 ein wichtiger Vertreter der Oppositionsbewegung in Ungarn. Seit Mitte der achtziger Jahre lebt er überwiegend in Berlin. Für sein Buch "Der Vorhang geht auf. Das Ende der Diktaturen in Osteuropa" wurde er mit dem diesjährigen Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung ausgezeichnet.

Herr Dalos, das schöne Ungarland macht Schlagzeilen mit paramilitärischen Aufmärschen von Rechtsradikalen, mit Gewalt gegen Roma und Antisemitismus. Was empfinden Sie beim Blick auf Ihre frühere Heimat?
Ich bin eigentlich ein ruhiger, kühl denkender Mensch. Aber wenn ich die ungarischen Rechtsradikalen heute reden höre, dann finde ich es einfach widerlich! Ein Land, das die demokratische Revolution von 1848 hervorgebracht hat, den antikommunistischen Volksaufstand von 1956, eine der besten Literaturen der Welt – und plötzlich solche Typen, das ist unfassbar.

Sie leben seit langer Zeit überwiegend außerhalb Ungarns. Wenn Sie dorthin reisen, fühlen Sie sich auf den Straßen noch sicher?
Ich fühle mich sicher, auch wenn ich von Pöbeleien gegen Juden und vor allem gegen Roma höre und lese. Ich glaube nicht, dass sie in Ungarn schon alltäglich sind, aber allein die Tatsache, dass es sie gibt, zeigt natürlich, dass dort etwas schief läuft. In milderer Form kenne ich das Gefühl der Ausgrenzung seit meiner Jugend. 1984 bekam ich zum ersten Mal ein Auslandsstipendium. Als ich einer alten Freundin davon erzählte, sagte sie: "Ihr habt es leicht, weil ihr zusammenhaltet." Ich war verwirrt, ich dachte zuerst, sie meinte damit uns Leute aus der demokratischen Opposition, aber sie sagte: "Nein, ich meine euch Juden! Wir Ungarn halten leider nicht zusammen." Diese Art der gedämpften Vorurteile gab es immer. Aggressiv wurde die Sache in den späten neunziger Jahren. Seitdem hat die Demokratie in Ungarn sehr an Qualität verloren.

Manche Beobachter im Land sprechen davon, dass die Stimmung in der Gesellschaft gekippt sei. Der Hass gegen Juden, vor allem aber gegen Roma, nehme nicht nur rasant zu, sondern sei auch salonfähig geworden.
In einer Millionenstadt wie Budapest geht vieles unter. Ganz massiv spürt man den Stimmungswandel im Internet. Der virtuelle Bereich ist ein Zuhause der Rechtsradikalen geworden. Dort spürt man ihre Vehemenz und ihre Lautstärke. Dort merkt man, dass sie, anders als noch vor zehn Jahren, inzwischen eine politische Kraft sind, die dazu gehört.

Bei den Wahlen im April könnte die rechtsradikale Partei Jobbik laut Umfragen 15 Prozent bekommen und zweitstärkste Kraft im Parlament werden.
15 Prozent erhielten diese Neonazis schon im vorigen Jahr bei den Wahlen zum Europäischen Parlament. Doch lag die Wahlbeteiligung da nur bei 35 Prozent. Davon abgesehen, sehe ich das große Problem vor allem darin, dass das Gedankengut, aus dem eine Partei wie Jobbik schöpft, viel weiter verbreitet ist als so ein Wahlergebnis zeigt. In der Gesellschaft blühen die Vorurteile und die Ignoranz gegenüber historischen Tatsachen. Umfragen zufolge stehen 80 Prozent der Studenten unter dem Einfluss rechtsradikaler Ideen.

Bei den Wahlen 2002 kam die Lebens- und Gerechtigkeitspartei des antisemitischen Schriftstellers István Csurka nicht mehr ins Parlament und verfehlte auch 2006 die Fünf-Prozent-Hürde. Wieso sind die neuen Rechtsradikalen aus der Jobbik-Partei so erfolgreich?
Es gibt seit langem eine Hasskultur in Ungarn. Die Gesellschaft ist in zwei politische Richtungen gespalten: in links und rechts – nach den beiden großen Parlamentsparteien. Auf der einen Seite gibt es die wendekommunistischen Sozialisten, auf der anderen Seite den christlich-nationalen Bund Junger Demokraten, Fidesz. Es geht bei dieser Spaltung nicht um echte Inhalte, sondern um eine Abgrenzung vom jeweils anderen. Geschürt wurde die Hasskultur vor allem von den Jungdemokraten mit ihrer nationalen Rhetorik. Aus dieser Partei kommen auch viele der neuen Rechtsradikalen. Sie nehmen die "christlich-nationale" Rhetorik des Fidesz schon längst nicht mehr ernst, Fidesz ist ihnen zu kompromissbereit. Diese neue Generation der Rechtsradikalen springt sozusagen direkt in die Mitte des Hassvulkans. Das sind Leute der Internet-Generation, modern, wahnsinnig primitiv, aber nicht dumm. Sie haben keine Bildung und keinen Begriff vom Gegenstand ihrer Anfeindung, kein Programm, sondern nur ihren Hass. Ein Nazi-Mob, geführt von ein paar relativ intelligenten, aber zum Glück nicht eben genialen Leuten.

Ungarn war einst das Musterland in Osteuropa und hat von 1988 bis 1990 den scheinbar erfolgreichsten Wandel der Region vollbracht. Woher auf einmal soviel Hass?
In der Wendezeit war Ungarn sehr gemütlich, niemand stellte die wirklich peinlichen Fragen. Jetzt ernten wir die Früchte dieser nicht gestellten Fragen. Etwa: Was bedeutet Kapitalismus? Nirgendwo in Osteuropa wurde darüber gesprochen. Obwohl alle wussten, dass der Kapitalismus kommen würde. Nach einigen Jahren der Talfahrt gab es zwar eine günstige ökonomische Entwicklung in Ungarn, aber es entwickelte sich kein Sozialstaat. Die Armen sind arm geblieben, viele weitere sind von Armut bedroht. Eine andere Ursache der heutigen Probleme ist die Privatisierung. Die Neuverteilung des staatlichen Vermögens, das die Kommunisten ja vor 40 Jahren geraubt hatten, ist nun wieder ein Raub. Der Raub des Geraubten. Dieser Prozess löst bis heute leidenschaftliche politische Kämpfe aus. Die neuen Rechtsradikalen kennen auf solche Fragen natürlich nur eine Antwort: Schuld sind die Ausländer, die EU, die Minderheiten, vor allem die Roma und Juden. Ungarn soll wieder den Ungarn gehören.

Vor einigen Monaten wurde die Ungarische Garde verboten, die paramilitärische Ordnungs- und Hilfstruppe der Jobbik-Partei. War das richtig?
In diesem Verbot zeigt sich eines der größten Probleme der un­garischen Politik. Die Garde ist verboten, aber sie ist weiter aktiv. Das ist nicht der einzige Fall. Es gibt rechtsradikale Internetseiten, die verboten sind und weiter funktionieren. Das ist die Schande der ungarischen Demokratie. Sie ist nicht stark genug, solche Verbote durchzusetzen. Davon abgesehen ist es wirklich die Frage, ob ein Verbot der rechtsradikalen Gruppen und Medien allein das Problem löst. Verbote ohne reale Sanktionen – zum Beispiel hohe Geldstrafen – sind nichts anderes als kostenlose Werbung für Täter. Und die linken Medien spielen mit.

Wären Sie für einen Boykott in der Berichterstattung?
Ja. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Vor der Europawahl hat Krisztina Morvai …
… früher Menschenrechtlerin und Feministin, heute hochaggressive Antisemitin und Jobbik-Abgeordnete im Europaparlament …
… auf einer Internetseite geschrieben: "Die sogenannten jüdischen Patrioten sollten lieber an ihren beschnittenen Pimmeln herumspielen als mich zu kritisieren." Das löste große Empörung aus. Am nächsten Tag fand eine öffentliche Wahlkampfdebatte statt. Und es geschah das traurige ungarische Wunder: ­Weder lud das öffentliche Fernsehen Krisztina Morvai aus, noch sagten die liberalen und sozialistischen EU-Kandidaten das Gespräch mit dieser Frau ab. Warum haben sie sich und uns das angetan?

Wieviel der 15 Prozent, die Jobbik bei den Europawahlen erhielt, verdankt die Partei den Medien?
Ich würde sagen, die Hälfte dieser 15 Prozent ist mediengemacht. Die Medien haben die Jobbik-Partei, ebenso wie deren Operetten-SA, die Ungarische Garde, ernst genommen. Die Jagd nach Quote und Auflage hat Tatsachen geschaffen. Nun stolzieren die Jobbik-Leute in Brüssel umher, und man muss zugeben, dass sie geschickt handeln. Wenn Krisztina Morvai, diese schlechte Parodie von Jeanne d’Arc, zwei Minuten redet, hört das dort niemand. Aber Jobbik stellt den "sensationellen Auftritt" auf die Website der Partei. Die Rechtsradikalen sind YouTube-Helden geworden. Sie können gut multiplizieren. Das ist eine Technik, die die früheren Rechten nicht kannten.

Zu den Jobbik-Parolen zählt der Kampf gegen die sogenannte "Zigeunerkriminalität". In den vergangenen zwei Jahren wurden bei rechtsterroristischen Anschlägen mehrere Roma ermordet, darunter auch Kinder. Verbal distanziert sich Jobbik von diesen Taten. Ist die Partei dennoch einer der geistigen ­Anstifter?
Die Konflikte, die von der rechten und rechtsradikalen Politik mitgeneriert werden, sind irgendwann nicht mehr zu stoppen, selbst diese Morde nicht. Der Moment, in dem aus verbaler Gewalt ein wirklicher Gewaltakt wird, lag seit Jahren in der Luft. Ja, in gewissem Sinne ist die billige Hetze gegen Roma auch eine Tat.

Warum gibt es in der Öffentlichkeit so wenig Mitleid mit den Mordopfern? Warum findet in Ungarn kein Aufstand der Anständigen statt?
Es gibt Anständige. Man könnte sie auch auf die Straße bringen. Aber die Sozialisten hätten in den vergangenen acht Jahren besser regieren müssen. Erfolg ist wichtig. Er ist etwas, das die Gesellschaft braucht. Wenn eine Regierung unter dem Etikett links firmiert und nur Korruption und fehlende Kompetenz produziert, dann hinterlässt das ein Gefühl der Niederlage und der Ohnmacht. In so einer Situation kann man nicht glaubwürdig gegen die Rechtsradikalen protestieren.

Wie wirken sich das zugespitzte politische Klima und das ­Erstarken der Rechtsradikalen auf das kulturelle Leben in ­Ungarn aus, auf Literatur und Kunst? Wandern Ihre Schrift­stellerkollegen jetzt aus?
Nein, sie wandern nicht aus, sie schreiben weiter, wie Schriftsteller das eben tun. Ich gebe Ihnen ein Beispiel für die Lage: Im November 2009 erschien in dem rechtsradikalen Blatt "Magyar Demokrata", mit einer Auflage von 20.000 Exemplaren immerhin eine der größeren Wochenzeitungen Ungarns, ein ­Artikel, in dem Schriftsteller wie Péter Eszterházy und Péter ­Nádas als "Landesverräter" verunglimpft wurden. In dem Artikel wurde auch dazu aufgerufen, ihre Bücher aus Bibliotheken zu entfernen und zu verbrennen. Kein Künstlerverband hat es für nötig gehalten, dagegen zu protestieren. Das ist bedrückend.

Ist der ausgebliebene Protest symptomatisch für einen Rechtsruck auch unter Kulturschaffenden?
Er ist symptomatisch für die Müdigkeit der Gesellschaft. Sie hat keine Kraft mehr, gegen den Rechtsradikalismus zu protestieren.

Obwohl manche Juden in Ungarn heute offen über Auswanderung sprechen, wünschen sich die meisten doch nichts sehnlicher als dazuzugehören. Patrioten, die auf Ablehnung stoßen – empfinden Sie dies nicht als große Tragik?
Wissen Sie, wir ungarischen Juden und Nichtjuden haben einen gemeinsamen Heiligen, den Dichter Miklós Rádnóti. Er wollte kein Jude sein, er hat die schönsten patriotischen Gedichte geschrieben. Die Judenverfolger haben ihn dann zum Juden gemacht und ein ungarischer Soldat hat ihn im November 1944 ­erschossen. Heute schreiben sich selbst die Antisemiten Rádnóti auf ihre Fahnen. Das ist ein bitterer Trost. Anderseits haben die Rechtsradikalen aber auch Pech. Einer der größten ungarischen Dichter war Jude, und der größte überhaupt, Attila József, war Kommunist. Das ist Pech für alle, die auf jede Frage nur eine ­einzige Antwort kennen.

Fragen: Keno Verseck

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