Amnesty Journal Tuvalu 05. Juni 2009

Warten auf die Welle

Ein Land, das niemand kennt, ist zum Symbol des Klimawandels geworden.
Tuvalu droht in der Südsee zu versinken. Doch die 11.000 Menschen haben
auf ihren Atollen momentan mit ganz anderen Problemen zu kämpfen:
Überbevölkerung, Müll, Gesundheitsproblemen und häuslicher Gewalt.

Mit steifen, kleinen Schritten geht Toaripi Lauti einen Pfad entlang, der zu seiner Pulaka-Grube führt. Die Luft zwischen den Blättern der mannshohen Pflanzen ist schwül. Es riecht nach Schweinen. Pulaka ist ein stärkehaltiges Gemüse, einst ein Grundnahrungsmittel Tuvalus. Jetzt muss es als Beweismittel herhalten. »Hier«, sagt der alte Mann im traditionellen Wickeltuch und zeigt auf ein Blatt, »das ist gelb«. Dann bückt er sich und stochert in der Erde. Der 82-Jährige befühlt den Stielansatz, Sorge im Blick. »Wir pflanzen nicht mehr in die Tiefe, sondern nach oben, weil zu viel Salzwasser von unten durchsickert. Der Ertrag ist nichts mehr, worauf ich stolz bin.«

Der weißhaarige Pulaka-Gärtner stand in letzter Zeit vor vielen Fernsehkameras. Toaripi Lauti war der erste Premierminister Tuvalus nach der Unabhängigkeit. In Japan hielt der polynesische Staatsmann eine flammende Rede, als die Amerikaner und Australier sich weigerten, das Kyoto-Protokoll zu unterzeichnen. Vor ausländischen Besuchern beklagt er immer wieder die schleichende Zersetzung, die er wahrnimmt – »weniger Regen, heißere Nächte« – und prophezeit: »Wenn die Kokospalmen austrocknen, ist das für uns das Ende.«

Spätestens seit Al Gores aufrüttelndem, aber nicht durchweg akkuratem Film »Eine unbequeme Wahrheit« ist Lautis Heimat zum Symbol für die verheerenden Folgen des Klimawandels geworden. Auch Dokumentarfilme wie »Trouble in Paradise« appellieren an das internationale Gewissen – nicht zuletzt, weil der französische Film mit der Behauptung vermarktet wurde, Tuvalu sei vor zehn Jahren zum Land mit der besten Menschenrechtsstatistik erklärt worden.

Im Jahresbericht des US State Departments von 1999 wird der Mikro-Staat als »egalitär, demokratisch und die Menschenrechte respektierend« beschrieben. Nach Meinung von Michael Goldsmith, Anthropologe an der neuseeländischen Waikato-Universität, sind diese Untersuchungen mit Vorsicht zu genießen – es gäbe Unterschiede, »wie Daten gesammelt und welche Kriterien angewendet werden«.
Sicher ist, dass es in Tuvalu keine politischen Morde, keine »Verschwundenen«, keine politischen Gefangenen und keine Folter gibt. Das kleine Staatsgefängnis beherbergt selten Gefangene, und es werden keine ethnischen Minderheiten diskriminiert. »Aber die Religionsfreiheit ist eingeschränkter, als es die Verfassung vermuten lässt«, weiß Goldsmith. Umgekehrt verhält es sich mit Homosexualität: Die steht zwar unter Strafe, aber »die Leute sind in der Praxis wesentlich toleranter«.
Der US-Report hält fest, dass Frauen in der traditionellen Kultur der Inseln eine untergeordnete Rolle einnehmen. Michael Goldsmith vermutet, dass das Ausmaß an häuslicher Gewalt unterschätzt wird. Aber wenn man Tuvalu mit Fidschi, Tonga, Vanuatu, den Salomonen und Papua Neuguinea vergleicht, so der Experte, »dann haben die Aussagen ihre Berechtigung«.

In der gleichen vom Meer bedrohten Lage wie Tuvalu sind all die anderen flachen Atollstaaten, deren höchste Erhebungen keine fünf Meter betragen. Doch nach Tokelau, Kiribati oder auf die Marshall-Inseln reisen keine Kamerateams. Niemand schlägt weltweit die gleichen PR-Wellen. Weil Tuvalu das erste Südsee-Land mit Internet-Zugang war (und mit dem Verkauf seiner Domain ».tv« unter anderem den Beitritt in die UNO bezahlen konnte), weiß es sich effektvoll auf der politischen Bühne als Opfer zu behaupten. Dass die Umweltzerstörung auch hausgemachte Gründe hat und die angeblich knapp vor dem Ertrinken Stehenden mit viel komplexeren Problemen zu kämpfen haben, wird dabei lieber verschwiegen – oder entgegen der offiziellen Pressefreiheit bewusst unterdrückt. Kritische Berichterstatter sind in Tuvalu nicht erwünscht: »Die kommen auf eine schwarze Liste«, sagt Avafoa Irata, Staatssekretär im Außenministerium, und gibt unumwunden zu: »Wir sensationalisieren das Thema.« Was sich seine Regierung davon verspricht? »Geld und Pässe.«

Seit der Klimakatastrophe übt Tuvalu vermehrt Druck auf Australien als potenzielles Auffangbecken aus. Ausgewandert in Industriestaaten wird schon seit Generationen: 3.000 Tuvaluaner leben in Neuseeland und Australien, wo es Arbeit und bessere Schulen gibt. Neuseeland nimmt jedes Jahr 75 Tuvaluaner auf – nicht als Reaktion auf den Klimawandel, sondern als regionale Unterstützung.

Professor John Connell von der Universität Sydney hat sich mit dem Phänomen Tuvalu beschäftigt und belegt, dass die vorhergesagte Massenflucht noch keineswegs eingetroffen ist – »außer in der Vorstellungskraft äußerer Beobachter«. Menschenrechte, so sagt er, seien in Tuvalu »weder besser noch schlechter als woanders im Pazifik«. Der österreichische Ethnologe und Filmemacher Martin Zinggl, dessen Dokumentation »Am Ende der Welt« gerade entsteht, verbrachte sieben Monate in Tuvalu, um Migration aufgrund des Klimawandels zu dokumentieren. Er traf auf keinen einzigen Insulaner, der wegen des steigenden Meeresspiegels seine Sachen packt: »Ich bin dem Mythos aufgesessen.«

Zweimal pro Woche, wenn das Flugzeug aus Fidschi landet, trudeln Reporter, Wissenschaftler, internationale Helfer und Volunteers auf dem Hauptatoll Funafuti ein. Die Klimawandel-Beamtin von Tuvalu kümmert sich jede Woche um neue Besucher – bis zu acht pro Monat. Denn wer in diesen Tagen nach Tuvalu reist, hat immer das gleiche Anliegen: Eine Studie, ein Interview, ein Projekt. Selbst Öko-Katastrophen-Touristen aus Japan scheuen den Weg in das kleine Inselreich südlich vom Äquator nicht. Die Hauptattraktion: Einmal aus nächster Nähe ein »Volk im Paradies« zu erleben, das es nach Schätzungen der Klimaforscher in fünfzig bis hundert Jahren so nicht mehr geben wird. »Die Tuvaluaner«, so stellt Anthropologe Goldsmith fest, »machen sich den Fakt zunutze, dass der Westen ein polynesisches ›Paradies‹ verklärt. Aber sie sind dafür nicht verantwortlich.« Ihre politischen Fähigkeiten seien durchaus beeindruckend: »Sie bedienen die Medien und streiten sich in internationalen Foren.«

Vom Paradies ist auf der Hauptinsel Fongafale nicht mehr viel zu sehen. 5.000 Menschen leben dort dicht an dicht auf weniger als drei Quadratkilometern. Fast ein Drittel der Fläche davon füllt die geteerte Landebahn aus. Kokospalmen wurden gefällt, um Platz für schlichte Betonhäuschen zu machen. Dazwischen drängen sich Wassertanks, Satellitenschüsseln und Schweinegehege. Die Luft schmeckt leicht salzig. Nirgendwo ist man mehr als 150 Meter vom Ufer entfernt. Hinter dem Hotel, dessen Fassade abblättert, führt eine Rampe in die Lagune. Links und rechts davon gammelt Müll zwischen den Steinen. Im lauwarmen Wasser liegen zerbrochene Flaschen und Blechdosen.

In der Lagune sitzen zwei Frauen in langen Shorts und T-Shirts im warmen Wasser. Bikinis trägt in diesem streng christlichen Land niemand. Sie plaudern. Eine tunkt einen rohen Fisch ins Wasser und beißt davon ab. Verlegen und amüsiert zucken sie die Schultern: ihre wortlose Antwort auf die ständig von Fremden gestellte Frage nach der Bedrohung durch den Anstieg des Meeresspiegels. Eine Frage, die niemand mehr hören will und die die tiefe Religiosität der Tuvaluaner ignoriert. Da Gott Noah im Alten Testament versprach, keine weitere Flut auf die Erde zu schicken, glauben vor allem die Älteren nicht an die Prophezeiungen der Klimaforscher. In den meisten Häusern ist die Bibel das einzige Buch.

»Niemand hier fühlt sich akut bedroht – das ist Unsinn«, bestätigt Pasemeta Talaapa in ihrem kleinen Büro auf Funafuti, wo sie die Entwicklungshilfe der Australier, Neuseeländer und der EU koordiniert. »Wir wollen alle einfach nur ein normales Leben führen.« Die zierliche, resolute Dame, leicht ergraut und mit sanften Gesichtszügen, ist eine der wenigen Tuvaluaner, die sich unverblümt äußern. »Wir haben ganz andere Probleme: Alkohol, Diabetes, Übergewicht, Umweltverschmutzung, Korruption. Dass es so wenig qualifizierte Leute gibt und alle nur auf Almosen warten. Wer geht denn noch fischen?« Sie klingt resigniert. »Eine Dose zu öffnen ist leichter.«

Die Situation von Tuvalu in Zeiten des Klimawandels, so beschrieb es vor kurzem ein Wissenschaftler, sei die eines Krebspatienten im Endstadium, der sich um Aids sorge. Zyniker behaupten, Tuvalu könne nicht im Meer versinken, solange es auf so viel Müll gebettet sei. Und Gesundheitsexperten schlagen ebenfalls Alarm: Gicht und Diabetes würden die Polynesier schneller als die Klimakatastrophe dahinraffen.

Nicht nur paradiesisch sind auch die häuslichen und familiären Umstände, in denen sich viele Insulaner gefangen sehen. Besonders Frauen, Kinder und Jugendliche sind oft Opfer von Gewalt, sexuellem Missbrauch und Alkoholexzessen. Manche traditionelle Strafmaßnahmen stehen im krassen Gegensatz zu Demokratie und Menschenrechten. Sowohl dem Ethnologen Martin Zinggl als auch dem Anthropologen Goldsmith sind Fälle aus der Literatur und aus Erzählungen bekannt, wonach Männer auf Geheiß von Inselältesten zur Strafe an Palmen gebunden und geschlagen wurden. Auch die alte Praxis, einen Übeltäter auf einem Sprungtuch in die Luft zu schleudern, bis er auf den Boden fällt, hat jenseits der »Hauptstadt« überlebt.

Viele der 6.000 Tuvaluaner, die auf den abgeschiedenen Außeninseln leben, zieht es nach Funafuti. Das Atoll platzt aus allen Nähten. Seit den siebziger Jahren hat sich die Bevölkerung dort mehr als verdoppelt. Das schafft humanitäre Probleme, die auch von Amnesty International in einem Bericht festgehalten wurden: Überbevölkerung erhöhe die »Verletzlichkeit und Marginalisierung« der Zugezogenen, die oft ohne Recht auf Land und kommunale, sanitäre oder gesundheitliche Versorgung ein Leben in ärmlichsten Quartieren führen.

Ein Bau-Boom hat die Insel ergriffen, für den Kies und Sand vom Strand abgetragen werden. Traditionelle »fale«, die polynesischen Palmhütten, sucht man vergeblich. 1972 fegte ein Hurrikan über Funafuti und mähte die meisten Häuser nieder. Alle Palmen, Gärten und Brotfruchtbäume wurden zerstört.

Einen Eindruck von der Verwüstung bekommt, wer einmal quer über die Lagune nach Tepuka Savilivili fährt. Das winzige Inselchen ist der Ground Zero der Südsee: Eine gräuliche Erhebung im Wasser, nur wenige Meter breit und kahl wie eine Mondlandschaft. Hier wuchsen einst Palmen.

Die offensichtlichen Wunden von Funafuti sind die »borrow pits«: Löcher am Straßenrand von der Größe eines Tennisplatzes. Als die US-Armee im Zweiten Weltkrieg Stützpunkte im Pazifik brauchten, ließen sie die Erde für die Landebahn einfach aus dem fragilen Atollboden ausheben. 65 Jahre später klaffen die Baggergruben noch immer wie Bombenkrater im Boden, bis zur Hälfte gefüllt mit Brackwasser, Babywindeln, alten Fernsehern. Amerika versprach vor über 30 Jahren, das Problem zu beheben. Nichts ist bisher passiert. Längst sind Häuser auf Betonstelzen über den Mülltümpeln errichtet worden. Unter dem Haus plantschen halbnackte Kinder im Schmutzwasser.

Auch ohne den Einfluss des Klimawandels haben die Pflanzen von Toaripi Lauti daher kaum eine Chance. Dass der traditionelle Anbau längst eine aussterbende Kunst ist, räumt auch der Ex-Premier in seinem Garten ein: »Meine Kinder mögen kein Pulaka essen. Die jungen Leute klettern auch keine Kokospalmen mehr hoch. Das ist ihnen zu anstrengend.« Er macht wieder eine nachdenkliche Pause. »Alles verändert sich. Die Kleidung. Die Musik. Dass sich jetzt alles um Geld dreht.«

Zum Abschied zieht die graue Eminenz eine Kette hervor, die seine Frau aus Baumsamen aufgefädelt hat. Jeder Besucher bekommt solch ein Souvenir von ihm. Am liebsten würde er Fische verschenken, so wie früher, als jeder Fang mit den Nachbarn geteilt wurde. Der alte Mann verbeugt sich, würdevoll und biegsam wie eine Palme: »Erzählt der Welt von uns!« sagt er zum Abschied.

Von Anke Richter.
Die Autorin ist Journalistin und lebt in Neuseeland.

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