Amnesty Journal Äthiopien 04. Juni 2009

Porträt: Eskinder Negga und Serkalem Fasil

In Äthiopien gehen die Uhren anders: Überall erinnern Banner mit der Aufschrift »Millennium« daran, dass in dem nordostafrikanischen Land, das einen eigenen Kalender hat, erst kürzlich das neue Jahrtausend gefeiert wurde und man sich nun herausgeputzt präsentieren will. Die Regierung möchte ein positives Bild vermitteln, besonders in den krisengeschüttelten Regionen, die unter den Konflikten in Somalia und im Sudan leiden.

Dazu passt, dass sie eine Charmeoffensive gestartet hat im »Daily Monitor«, einer Zeitung für Diplomaten in Addis Abeba, dem Sitz der Afrikanischen Union. Die Regierung kündigte an, künftig eine wöchentliche Medienkonferenz abzuhalten, die privaten Medien offen stehe.

Der Journalist Eskinder Negga lächelt über diese Ankündigung: »Es gibt zwar private Medien in unserem Land, aber keine unabhängigen. Meine Frau und ich schrieben für die letzten unabhängigen Zeitungen, bevor sie im November 2005 verboten und wir ins Gefängnis gesteckt wurden.«

Eine sehr schwierige Zeit: Eskinder Negga und seine Frau Serkalem Fasil saßen eineinhalb Jahre im Gefängnis, zusammen mit einem Dutzend anderer Journalisten von unabhängigen Zeitungen. Auf die Vergehen, die man ihnen vorwarf – »Verrat«, »Verstoß gegen die Verfassung« und »Anstiftung zu bewaffnetem Aufstand« – steht die Todesstrafe.

Serkalem Fasil, die bei ihrer Verhaftung schwanger war, brachte ihr Kind im Gefängnis zur Welt. Weil es zu früh geboren wurde und kein Brutkasten vorhanden war, wärmte sie das Neugeborene an der Heizung. »Ein Wärter brachte mir die Nachricht von der Geburt meines Sohnes«, erinnert sich Eskinder Negga. »In acht Monaten habe ich ihn nur ein einziges Mal gesehen.«

Heute sind Eskinder Negga und Serkalem Fasil dank großen ­internationalen Drucks frei, aber sie können ihren Beruf nicht ausüben. Die junge Frau ist dazu übergegangen, die öffentliche Meinung im Ausland für die Situation in Äthiopien zu sensibilisieren, so zum Beispiel auf einer Vortragsreise in der Schweiz im vergangenen Dezember. »Ich will offenlegen, wie meine Regierung nationale, religiöse und kulturelle Unterschiede missbraucht, um gegen internationale Menschenrechtsorganisationen Stimmung zu machen«, sagt Fasil.

Beide leiden immer noch unter Einschüchterungen: »Ab und zu erhalten wir Drohanrufe von der Polizei, die uns ihre Existenz in Erinnerung rufen will«, berichtet Negga schon fast amüsiert und in perfektem Englisch, das er seiner Kindheit in den USA verdankt. »Wir nehmen sie nicht ernst. Wir sind bekannt, was unser bester Schutz ist. Vor unserer Verhaftung hatte jede unserer drei Zeitungen eine Auflage von über 100.000 Exemplaren. Insgesamt hatten wir fast zwei Millionen Leser und Leserinnen.« Das ist rekordverdächtig in einem Land mit mehr als 70 Millionen Menschen, von denen sich nur wenige die zwei Birr (etwa 13 Cent) leisten können, die eine Zeitung kostet.

Eskinder Negga und Serkalem Fasil wollen das Land nicht verlassen und ins Exil gehen, so wie es viele andere Medienschaffende getan haben. »Wir haben vor einem Monat einen neuen Antrag auf Publikationserlaubnis gestellt. Dieses Mal ist immerhin nicht sofort eine negative Antwort gekommen, vielleicht ein gutes Zeichen. Wir sind bereit: Innerhalb eines Monats könnten wir die Zeitungsproduktion wieder aufnehmen.«

Eine Hoffnung, die enttäuscht werden könnte: Um die Pressefreiheit steht es in Äthiopien aufgrund eines neuen, restriktiven Gesetzes schlecht. Das Parlament hat außerdem kürzlich ein Gesetz über gemeinnützige Organisationen erlassen. Es ermöglicht, die zivile Gesellschaft zu kontrollieren und die NGOs daran zu hindern, die Regierung zu kritisieren. Zudem verhindert es, dass die Wahlen von 2010 überwacht werden. Alle diese Maßnahmen zielen darauf ab, die Opposition mundtot zu machen. Doch das Schreiben werden sich Eskinder Negga und Serkalem Fasil nicht so einfach verbieten lassen.

Von Manon Schick.

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