Film und Musik
Verrückter Frieden
Ahmed und seine Freunde spielen Krieg. Ein israelischer Soldat verwechselt Spaß und Ernst und schießt dem zwölfjährigen Ahmed in den Kopf. Sein Vater gibt die Organe zur Spende frei. Überraschenderweise erteilen sowohl der Imam als auch die Hamas ihre Zustimmung. Das Herz erhält so die kleine Tochter eines orthodoxen Juden.
Die Meldung geht um die Welt. Die Regisseure Marcus Vetter und Leon Geller besuchen Ahmeds Vater Ismael Khatib, begleiten ihn auf dem Weg zu den Kindern, die nun mit den Organen seines Sohnes leben. Das Ergebnis ist der Dokumentarfilm "Das Herz von Jenin", der die Friedensbotschaft verkünden soll: Verständigung ist über alle Schmerzen hinweg möglich. Erreichen tut er freilich das Gegenteil: Wo der Film läuft, gibt’s arge Diskussionen. Hauptkritik: Die Israelis seien im Film als Verrückte dargestellt. Am Rande kommt heraus: Junge israelische Soldaten spenden seit Jahr und Tag ihre Organe an Palästinenser. Solche Informationen unterschlage der Film. Und auch, dass israelische Ärzte versucht hätten, das Leben des Jungen zu retten. Und Khatib? Der mutmaßt, am liebsten sei den Juden gewesen, er hätte sich in die Luft gesprengt. Stattdessen hätte er sie jetzt mit einer "unerwartet menschlichen Tat" provoziert. So kann es gehen: Plötzlich wird aus dem vermeintlich herzerweichenden Film selbst ein Kriegsschauplatz.
"Das Herz von Jenin", D 2008, Regie: Marcus Vetter, Leon Geller. Derzeit im Kino.
Che im Doppel
Revolution! Gerechtigkeit! Zigarren! Che Guevara, argentinischer Freiheitskämpfer und Ikone des Sozialismus, hat gleich zwei Filme bekommen: In Steven Soderberghs großer Erzählung über den asthmakranken Arzt, der erst bei der kubanischen Revolution half, um dann in Bolivien erfolglos weiterzumachen, erhält der Mega-T-Shirt-Seller durch den Schauspieler Benicio del Toro Körper und Stimme.
Die Geschichte beginnt 1956, Fidel Castro (Demián Bechir) zusammen mit 80 Rebellen nach Kuba aufbricht. Ernesto "Che" Guevara erweist sich als geradliniger Kämpfer, der die Kunst des Guerillakrieges beherrscht, sich daneben als Theoretiker einen Namen macht und bald vom Volk verehrt wird. Zumindest in Soderberghs Film geht einige Zeit mit Autogramme schreiben drauf. "Ich sperr dich in einen Käfig, zieh dich durch Kuba und verlange Eintritt. Bald sind wir reich!" spottet Mitkämpfer Camillo Cienfuegos (Santiago Cabrera).
Die humorvollen Szenen dienen durchaus der Mythendekonstruktion – und obwohl an Guevaras Tagebüchern orientiert, wird mehr Wert auf Atmosphäre und Stimmigkeit der Bilder und Dialoge gelegt, als auf Vermittlung von Informationen. Gerade deswegen aber gibt es Anknüpfungspunkte zur Wirklichkeit: "Die Menschheit hat gesagt: Es reicht", weiß der Arzt im Widerstand. Angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise kann man da nur sagen: Das Thema soziale Gerechtigkeit ist topaktuell.
"Che – Revolucion", "Che – Guerilla", F/SP/USA 2008, Regie: Steven Soderbergh, Darsteller: Benicio del Toro, Demián Bichir, Santiago Cabrera u.a. Kinostart: 11. Juni / 23. Juli 2009.
Elektrisierende Fusion
Zwei der acht Oscars, mit denen der Film "Slumdog Millionaire" bedacht wurde, gingen an die Musik: "bester Soundtrack" und "bester Filmsong" lauteten die Kategorien. Zu Recht, denn wie bei "Trainspotting" oder "The Beach", legte der britische Regisseur Danny Boyle auch diesmal wieder großes Gewicht auf die Begleitmusik. Für die musikalische Ausgestaltung einer pulsierenden und vielstimmigen Kakophonie des modernen Bombays konnte Boyle ein ungewöhnliches Traumpaar gewinnen: auf der einen Seite den indischen Erfolgskomponisten A. R. Rahman, der schon Hunderte von Bollywood-Scores geschrieben hat; auf der anderen Seite die Elektro-Musikerin M.I.A., tamilischstämmiger Underground-Star der Londoner Clubszene. Gemeinsam schufen sie den Opener "O saya", der die Eingangsszenen des Films umrahmt, in denen man Kinder sieht, die durch enge Gassen rennen, vorbei an Straßenhändlern, verfolgt von der Polizei. Auch M.I.A.s Hit "Paper Planes" wird kongenial in den Film eingepasst. "Manchmal fühle ich mich, als würde ich auf
Zügen sitzen", heißt es im Text. Im Film sieht man dazu die beiden Hauptfiguren Jamal und Salim, wie sie auf dem Dach einer Eisenbahn durch Indien reisen, auf der Flucht vor skrupellosen Kleinmafiosi. Straßenlärm und Sitar-Fetzen prägen auch die übrigen Stücke von Rahman, die eine elektrisierende Fusion aus HipHop-Beats und Bollywood-Hysterie, aus Hindi-Pop und atemlosen Rap-Stakkato bilden.
Soundtrack: Slumdog Millionaire (Interscope)
Aus den Wurzeln der Rumba
"Staff Benda Bilili" bedeutet so viel wie, dass es mehr gibt als das, was für das bloße Auge sichtbar ist – und zwar auf Lingala, der Sprache, die in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, gesprochen wird. Dort, im Umfeld des örtlichen Zoos, trifft sich regelmäßig eine Runde von obdachlosen und polioversehrten Straßenmusikern, die in ihren selbstgebauten Rollstühlen auf den ersten Blick wie eine Truppe von skurrilen Bikern wirken. Doch wenn sie nicht vor den Clubs der Stadt billige Zigaretten und Fusel verkaufen, tun sie sich mit Straßenkindern zusammen, um unter freiem Himmel zu jammen. Ihre Instrumente sind zum Teil selbst gebaut: so etwa die einsaitige, aus einer Konservenbüchse
gebastelte Satongé-Gitarre, mit der der erst 17-jährige Roger Landu seine weitaus älteren Kollegen begleitet. Ihre Musik ist tief in der kongolesischen Rumba verwurzelt, gelegentlich weht aber auch ein Echo des frühen James Brown herüber, der in den 70ern bekanntlich beim "Rumble in the Jungle", dem Boxkampf zwischen Foreman und Mohammed Ali, seine Spuren im Kongo hinterließ. Der CD sind vier Videoclips beigefügt, die zum Teil auch auf Youtube kursieren und die bezeugen, welch einfacher Herkunft diese seelenvolle Musik hat, deren Handschrift sich in ihrer schnörkellosen Einfachheit mit dem Buena Vista Social Club messen lassen kann. "Très très fort" heißt das Album – und das ist keine Übertreibung: diese Aufnahmen sind sehr, sehr stark.
Staff Benda Bilili: Très très fort (Crammed Discs)
Texte: Jürgen Kiontke (Film) / Zonja Dengi (Musik)