Editorial: Das Paradies...
... droht bald in einer großen Welle zu versinken. Das zumindest verkünden viele Berichte über die Inseln im Südpazifik: Aufgrund des steigenden Meeresspiegels infolge des Klimawandels könnten schon bald Tausende zur Flucht gezwungen sein. Bislang kämpfen die Einwohner von Tuvalu jedoch mit ganz anderen Problemen. Dass die Zustände im südlichen Pazifik oft alles andere als paradiesisch sind, zeigen die Beiträge über die australische Flüchtlingspolitik: Vieles erinnert an die Szenen, die sich täglich vor den europäischen Küsten abspielen.
Keine Illusionen hatte sich hingegen Birgit Svenson gemacht, als sie sich vor knapp sechs Jahren als einer der wenigen deutschsprachigen Korrespondenten nach Bagdad begab – und dort auch nach der vermeintlichen "mission accomplished" geblieben ist. Der Irak ist für Journalisten nach wie vor eines der gefährlichsten Länder der Welt. In den vergangenen Jahren sind dort nach Angaben von "Reporter ohne Grenzen" 171 Journalisten und Medienschaffende umgekommen.
Wie schwer es ist, in dem zerstörten Land wieder zur Normalität zurückzukehren, beschreibt Svenson in ihrer Reportage über Abu Ghraib. Unter der Diktatur von Saddam Hussein galt das Gefängnis als Inbegriff seiner Schreckensherrschaft. Weltweit bekannt wurde es durch die Folterbilder, die unter US-Verwaltung entstanden. Nun wurde es renoviert und unter dem Namen "Zentralgefängnis" wieder eröffnet. Die neue Fassade allein wird allerdings kaum reichen, um den fatalen Ruf zu übertünchen, den Abu Ghraib erworben hat.
Dazu gehört auch der Import von Foltermethoden, die im "Krieg gegen den Terror" entwickelt wurden. Damit hat sich Amnesty International in den vergangenen zehn Jahren besonders intensiv beschäftigen müssen. Für Barbara Lochbihler, die in dieser Zeit als Generalsekretärin der deutschen Sektion vorstand, gehörte das "menschenrechtliche Roll Back" im Anti-Terrorkampf zu den dominanten Themen ihrer Arbeit. In ihre Amtszeit fiel auch die wichtige Entscheidung, dass Amnesty künftig intensiver für die Einhaltung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte eintreten wird. In den kommenden Ausgaben des Amnesty Journals wird dieses Thema daher eine größere Rolle einnehmen.
In den vergangenen Jahren haben sich aber nicht nur die Inhalte, sondern auch die Erscheinungsform des "Magazins für die Menschenrechte" sehr gewandelt – unter anderem durch Unterstützung von Barbara Lochbihler. Im Juni endet ihre Arbeit für Amnesty. Wir danken für ihren ausdauernden Einsatz für die Menschenrechte und wünschen ihr alles Gute.
Anton Landgraf ist verantwortlicher Redakteur des Amnesty Journals.