Amnesty Journal Kuba 10. Februar 2009

Freiraum im Koma

50 Jahre nach der Revolution hat in Kuba der Wandel längst begonnen. Dafür steht ­weniger Staatsoberhaupt Raúl Castro, der den großen ­Ankündigungen bisher kaum Taten folgen ließ, sondern eine neue Generation, die für Veränderung sorgt. Die Frauenorganisation Flamur ­gehört ebenso dazu wie die Blog­gerin Yoani Sánchez, die Rapper Los Aldeanos oder die ­Performer von Omni Zona Franca. Sie alle ­treten für mehr Freiräume ein und stehen für ein anderes, ein mehr­stimmiges Kuba.

»Disidencia es traición« steht in dicken Lettern an einer Hauswand in Havannas Stadtteil Cerro. Die markige Parole »Dissidenz ist Verrat« prangt nicht zufällig an der lachsfarbenen Fassade, denn schräg gegenüber wohnt Oswaldo Payá Sardiñas. Payá zählt zu den bekanntesten Dissidenten Kubas und als solcher ist er der Regierung ein Dorn im Auge.

Der 56-Jährige lässt keine Chance aus, um für die Menschen- und Bürgerrechte in Kuba einzutreten. Unter Beobachtung steht er genauso wie viele andere international bekannte Dissidenten, sei es der Menschenrechtsverteidiger Elizardo Sánchez Santa Cruz oder Vladimiro Roca, Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Kubas. »Da drüben in der gegenüberliegenden Wohnung sitzen die Beamten der politischen Polizei und beobachten alles, was sich hier regt«, erklärt Payá und schiebt den Vorhang etwas zur Seite.

Für den Ingenieur für Medizintechnik, der jeden Tag zur Arbeit radelt, beinahe Normalität. Längst hat sich das Gründungsmitglied der christlichen Befreiungsbewegung (MCL) an seine Schatten gewöhnt, die ihn selbst zur Messe am Sonntag begleiten. Unbeirrt tritt Payá für seine Rechte ein, hat versucht, für das nationale Parlament zu kandidieren und das Proyecto Varela ­mitinitiiert. Dessen Ziel ist es, die Bevölkerung per Referendum über die politische Zukunft der Insel abstimmen zu lassen.

»Laut Artikel 88g der Verfassung kann jeder Kubaner einen Referendumsantrag stellen, wenn er zuvor mindestens zehntausend Unterschriften von Leuten gesammelt hat, die den Antrag unterstützen«, erklärt der Vater dreier Kinder. Nach der Verfassung muss das Parlament dann über den Antrag debattieren. Proyecto Varela hat die doppelte Zahl an Unterschriften gesammelt und gemeinsam mit dem Referendumsantrag beim Parlament deponiert. »Eine Antwort haben wir nie erhalten«, erklärt Payá, der 2002 den Sacharow-Preis für Zivilcourage vom Europäischen Parlament erhielt. Totgeschwiegen wird die Initiative in Kuba, so Payá. Fünf Jahre sind seit der letzten Unterschriftenaktion vergangen. Doch das Proyecto Varela sammelt wieder. Am 10. Dezember 2008, dem internationalen Tag der Menschenrechte, wurden bei einer Hausdurchsuchung in Havanna mehrere Tausend Unterschriften von der Polizei beschlagnahmt.

Das Beispiel des Proyecto Varela hat Schule gemacht. Das beweisen die prall gefüllten beigefarbenen Umschläge, mit denen mehrere Frauen am 20. November 2008 am Sitz des kubanischen Parlaments in Havanna erschienen. 10.024 Unterschriften und den formellen Antrag für ein Referendum hatten Belinda Salas Tapanes, Magali Norvis Otero Suárez und Aimé Garce Leyva dabei, um sie den Verantwortlichen zu übergeben.

»Die verweigerten jedoch die Annahme und verwiesen darauf, dass sie noch mit der Bearbeitung des Antrags vom letzten Jahr beschäftigt wären«, erklärt Belinda Salas. Sie ist die Präsidentin des Bundes Lateinamerikanischer Landfrauen (Flamur) und war auch am 21. November 2007 mit dabei, als der erste Antrag abgegeben wurde. 10.738 Unterschriften hinterlegten die Flamur-Delegierten damals, doch eine Antwort haben sie nie erhalten. »Wir wollen nicht mehr als ein Recht, das in der Verfassung fixiert ist, wahrnehmen und – vollkommen legal – unseren Beitrag für den Wandel in Kuba leisten«, so die 37-Jährige. »Unser Ziel ist, dass die Kubaner in allen Geschäften der Insel mit der Währung, in der sie entlohnt werden, auch bezahlen können. Wir wollen der ökonomischen Apartheid, die es in Kuba seit der Legalisierung des US-Dollar im Juli 1993 faktisch gibt, ein Ende setzen.«

»Mit der gleichen Münze« heißt die landesweite Kampagne. Dazu gehören auch Aktionen des zivilen Ungehorsams. So weigerten sich Flamur-Aktivistinnen in mehreren Restaurants und Apotheken mit dem CUC, dem mit Devisen konvertiblen Peso, zu bezahlen und legten stattdessen den Peso nacional, die offizielle Landeswährung, auf den Tisch. Protestaktionen, die sich in Kuba wie ein Lauffeuer herumsprechen, denn Kritik, so hat es der im Februar 2008 vereidigte Staatschef Raúl Castro betont, ist erwünscht, aber Proteste und hartnäckiges Insistieren offenbar nicht. Die Telefone der Frauen aus der Flamur-Führungsriege werden abgehört, Hausdurchsuchungen hat es gegeben, und einige Wohnungen werden auch überwacht. Gleichwohl haben Salas und ihre Freundinnen die Kampagne fortgeführt und weiter Unterschriften gesammelt. Das hat dazu beigetragen, dass die doppelte Währung ein präsentes Thema bleibt.

Nicht nur im Friseursalon, wo die staatlichen Preise längst außer Kraft gesetzt sind und die Kunden zahlen, was sie für angemessen halten, sondern auch in den Liedern der kubanischen Raperos. Die beiden Sänger von »Los Aldeanos« geißeln etwa mit bissigen Reimen die zweigeteilte kubanische Währungswelt, lästern über die zunehmende Korruption und die Omnipräsenz der Chavitos. So nennen die Jüngeren den kubanischen Devisenpeso, um den sich nahezu alles in Kuba dreht.

Bands wie »Los Aldeanos« gehen in Kuba ihre eigenen Wege. Aldo und El Bian, so die Künstlernamen der beiden HipHopper, die sich vor knapp zehn Jahren zu »Los Aldeanos« zusammenschlossen, haben sich das reiflich überlegt. Schließlich hätten sie auch im offiziellen Kuba Karriere machen können. Erste Studiotermine bei »Radio Progreso« hatten die beiden Sänger mit den von üppigen Tätowierungen verzierten Oberkörpern bereits hinter sich. Doch dann traten sie auf die Bremse.

»Kompromisse wollten wir nicht eingehen«, sagt Aldo am Rande einer Peña in einer unscheinbaren Bar in Havannas Stadtteil Nuevo Vedado. Peña wird der Wettstreit der reimenden Sprachakrobaten genannt, und einmal die Woche rappen Aldo und El Bian im Bardarán, einer Bar. Die beiden kritischen Geister haben sich in den vergangenen Jahren zur Schwungfeder des Rap cubano gemausert und organisieren den allwöchentlichen Event unter dem Motto »Comisión de Puradora«, Reinigungskommission. Deren Aufgabe ist es, den Rap-Fans der kubanischen Hauptstadt mit harten Beats und ätzenden Texten auch die letzten Sequenzen der eintönigen Revolutionslitanei aus den Gehörgängen zu pusten.

Sie rappen über den Alltag, die Widersprüche einer Gesellschaft im Wandel, über Diskriminierung von Schwarzen durch die Polizei und am Arbeitsplatz und immer wieder über die Verlogenheit des Systems. Ein »Ende der falschen Versprechungen« fordern die Rapper, und von Gesetzen, »die nur einschränken, aber nie schützen«, haben sie die Nase voll. Das Publikum singt ganze Textpassagen inbrünstig mit, weil die Aldeanos und ihre rappenden Kumpel, die aus allen Teilen der Insel kommen, aussprechen, was viele denken.

Die Absage an die da oben, die »Autorität«, ist in den Texten der HipHop-Gemeinde immer wieder zu finden, und die »Libertad de expresión«, die Meinungsfreiheit, wird auf den Peñas nicht nur eingefordert, sondern praktiziert. Dabei kommt Kubas ergraute Führungsspitze alles andere als gut weg, und längst haben sich Kubas Raperos vom staatlichen Kulturbetrieb abgenabelt. Die Songs werden in kleinen privaten Studios produziert und anschließend auf selbst organisierten Konzerten in Kinos wie dem Acapulco oder dem Riviera verkauft.

Das läuft bei den Rappern, die manchmal von ihrer Musik leben können, genauso wie bei Kubas Punkern. Der bekannteste von ihnen heißt Gorki Águila. Er steht in den Ministerien rund um den Platz der Revolution auf dem Index, weil er als Sänger und Texter von »Porno para Ricardo« den obersten Compañero Fidel Castro als »fortwährendes Koma« veräppelt und obendrein seine Opposition zum System öffentlich bekräftigt hat. Damit ist der 39-jährige Lockenkopf, der als Siebdrucker beim kubanischen Filminstitut, einer Oase der Intellektuellen, arbeitet, aus offizieller Sicht zu weit gegangen. Allerdings will der Mann mit dem silbernen Nasenring nicht mehr kuschen und widersetzt sich Einschüchterungen. Als die Polizei den unbequemen Punker Ende August von den Aufnahmen zum neuen Album in die nächste Wache zerrte, verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer in Kubas alternativer Szene und wenig später auf der ganzen Welt.

Kubas Blogger, allen voran die mit Preisen ausgezeichnete Yoani Sánchez, berichteten über die Verhaftung innerhalb und vor allem außerhalb der Insel. In Barcelona, Madrid, Paris oder Miami machten sich Künstler und Intellektuelle wie Zoé Valdés, Raúl Rivero oder Ernesto Busto, allesamt Exilkubaner, für den widerspenstigen Punker stark, und die internationale Presse griff den Fall auf. »Diese Welle der Solidarität hat für meine Freilassung gesorgt, und es gibt Leute, die betrachten sie als Meilenstein, weil die Regierung nachgegeben hat«, sagt Gorki.
Der Fall gilt als erster Erfolg der wachsenden Blog-Community, die ein mit jedem Tag größer werdendes Netz von Kuba-Seiten im Internet spinnt. Das derzeit populärste Online-Tagebuch ist »Generación Y« von Yoani Sánchez.

Aus Frust hat sie die Seite gestartet, gleich ihren vollen Namen preisgegeben, ihren Personalausweis eingescannt und auf die Seite gestellt. Die Botschaft lautet: Das ist mein gutes Recht. Für die 33-jährige Sprachwissenschaftlerin ist der Blog ein Ventil, um unzählige kleine Geschichten aus dem kubanischen Alltag loszuwerden. Die Resonanz ist überwältigend. Bis zu 7.000 Zuschriften auf einzelne Blogs hat sie erhalten, und so taucht sie in eine ganz andere – virtuelle – Welt ein. Die steht zwar längst nicht allen offen, denn in Kuba haben nur wenige Einwohner tagtäglich Zugang zum Internet. Obwohl zudem kritische Seiten von den Revolutionswächtern geblockt werden, sei der Einfluss spürbar, meint Amaury Pacheco del Monte.

»Im Internet erfolgt die Sozialisierung der Information. Das staatliche Informationsmonopol weist bereits tiefe Risse auf«, sagt der Poet und Performer von Omni Zona Franca. »Immer mehr Kubaner empfangen ausländische Sender über selbst gebaute Satellitenantennen und wenden sich ab von der Monotonie des staatlichen Informationsflusses«, meint der Mitbegründer des eigenwilligen Künstlerkollektivs. Spanischsprachige Privatsender wie Univision mit seichter Unterhaltung und viel Werbung werden stattdessen konsumiert.

»Nicht unbedingt besser, aber nachvollziehbar«, ergänzt Luis Eligio und verzieht angewidert das Gesicht. Die beiden Künstler gehören zu den Gründern des Künstlerkollektivs, das für Autonomie und die Bereitschaft zum Dialog steht. »Wir agieren im öffentlichen Raum, überschreiten systematisch Grenzen, um diesen Raum für Auseinandersetzung zu öffnen«, erklärt Luis und fährt sich über den dünnen Bart am Kinn.

Aus einem guten Dutzend Künstlern, darunter Bildhauer, Dichter, Performer, Maler und HipHopper, besteht Omni Zona Franca. Die Gruppe trifft sich in »ihrer« Werkstatt im Kulturzentrum von Alamar, eine Vorstadt im Osten Havannas. Die Graffiti am Seiteneingang des Kulturzentrums, ein flacher Bau aus vorgefertigten Betonplatten, weisen den Weg. »Die Räume haben wir faktisch besetzt und uns so einen Freiraum erkämpft«, sagt Amaury lächelnd, der heute selbst von der Polizei respektiert wird. Vor zehn Jahren, als die Gruppe die erste Performance auf den Straßen von Alamar organisierte, wurden sie noch ausnahmslos auf die Polizeiwache geschleppt. Heute kommen Dichter und Künstler aus ganz Kuba zu den Lesungen und Performances, und einmal im Jahr im Dezember organisiert die Gruppe ihr eigenes Festival. »Poesía sin fin«, Poesie ohne Ende, heißt es und gehört zur pulsierenden Subkultur des Widerstandes in Kuba. Zumindest dort hat der Wandel längst eingesetzt.

Von Knut Henkel.
Der Autor ist Journalist und lebt in Hamburg.

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