Amnesty Journal Komoren 05. August 2009

Vermisstes Leben

In Serbien und im Kosovo gibt es in allen ethnischen Gruppen zahlreiche Familien, die in den letzten ­Jahren aus Deutschland zurückkehren mussten. Mit Fotos schildern Kinder, wie sie diesen Übergang erlebt haben. Die Fotoausstellung »Blick zurück nach vorn« ist das rührende Zeugnis ihrer Zerrissenheit, des Kulturschocks und zerstörter Illusionen.

Je südlicher, desto trauriger, lautet ein serbisches Sprichwort. Die Stadt Bujanovac liegt im äußersten Süden Serbiens an der Grenze zum Kosovo. Die Straßen sind eng und schlecht, die Häuser heruntergekommen, die Geschäfte dürftig ausgestattet. Es ist ein Bild der Armut. Das Kulturzentrum liegt mitten im Ort, es ist ein Relikt des sozialistischen Jugoslawien, das in Kriegen untergegangen ist – zu groß für die kleine Stadt, pompös, gebaut, damit die »Brüderlichkeit und Einigkeit« aller jugoslawischen Völker, der Geburtstag von Marschall Tito und andere kommunistische Feste anständig gefeiert werden konnten. Und um den sozialistischen Realismus den breiten Volksmassen näher zu bringen.

Das war einmal. Heute erweckt das Kulturzentrum einen ebenso schäbigen Eindruck wie die ganze Stadt. Am Eingang weiß niemand von einer Fotoausstellung. Im ersten Stock haben Beamte, die offensichtlich nichts zu tun haben, ebenfalls keine Ahnung »von irgendwelchen Fotos, die herumhängen sollen«, die junge Roma und Albaner gemacht, und Deutsche finanziert haben sollen. Endlich findet sich in dem Gebäude eine Frau, die weiß, dass »da irgendetwas war«, das »mit Deutschen zu tun hat«, sie wisse aber nicht, »ob die Deutschen ihre Fotos schon weggenommen haben, oder nicht.«

In einem Saal steht sie dann doch, die Fotoausstellung »Blick zurück nach vorn«. In Bujanovac wurde sie feierlich eröffnet, ­danach hat die Ausstellung kaum jemand besucht. Doch es war wichtig für die Kinder, dass ihr Werk vor Familie und Freunden ausgestellt wird, sagt man im Belgrader Goethe-Institut, das das ganze Projekt angeregt hat. Finanziert hat es der von Deutschland geförderte Stabilitätspakt für Südosteuropa. Aus Bujanovac soll die Ausstellung nach Zentralserbien und nach Prishtina, die Hauptstadt des Kosovo, weiterziehen. 14 Fotos von 14 albanischen und Roma-Kindern sind ausgestellt. Einst lebten sie alle in Deutschland, schlossen Freundschaften, gingen in die Schule, bis sie mit ihren Familien in ihre Heimat abgeschoben wurden. »Für die Kinder war es meist keine Rückkehr in die Heimat, sondern ein unfreiwilliger Neuanfang in einem für sie fremden Land«, steht im Katalog zur Ausstellung.

Die Amateuraufnahmen sind ein rührendes Zeugnis der Zerrissenheit, des Kulturschocks und zerstörter Illusionen von Kindern, die aus einer geregelten Wohlstandgesellschaft von den deutschen Behörden in die Welt der ­Armut in der Heimat ihrer Eltern deportiert worden sind. Auf dem einen Foto sieht man ein vereinsamtes, barfüßiges Kind auf einer Straße, die von einem Provinzkaff in unbekannte Richtung führt, auf dem anderen ein Autowrack vor brennenden Heuhaufen, auf einem dritten ein zerschossenes Schild, auf dem in serbischer und albanischer Sprache kaum lesbar Informationen über ein Projekt des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen stehen, anscheinend über den Aufbau von Sportzentren in Preshevo, einem Ort unweit von Bujanovac.

Auf einem Foto trinkt ein Kind aus einem dreckigen Plastikbecher vor einem Haufen abgetragener Schuhe. Auf einem anderen Foto sieht man drei menschliche Schatten und über den Umrissen der Köpfen einen rotbraunen Fleck auf dem Straßenbelag – es könnte das Blut eines überfahrenen Tieres sein. Sinnbild eins ruinierten Lebens? »Die Lehrer in Deutschland haben immer gesagt: Egal woher ihr kommt, ihr habt zwar eure Muttersprache, aber ihr seid alle Deutsche, weil ihr hier lebt. Und als ich gefragt wurde, woher ich komme, hab ich immer gesagt Lippstadt«, steht neben diesem Foto. Es sind die Worte der Fotografin Dorentina Zeneli (14), die 2006 mit ihrer Familie von Lippstadt nach Drenas im Kosovo abgeschoben wurde.

Egzon Shabanaj (17), im Jahr 2004 von Laer in ein Dorf in der Nähe von Prizren im Kosovo abgeschoben, sagt: »Deutschland – ich vermisse fast alles. Aber wenn mich hier jemand fragt, willst du wieder nach Deutschland, da sag ich Nein. Weil, wenn ich Ja sage, dann muss ich mich wieder daran erinnern. Und das ist nicht so gut für mich.« Und neben dem Foto von Valentina Ramadani (15) steht: »Ich kann mich hier nicht zu Hause fühlen, weil ich ja in Deutschland geboren wurde. Ich fühl mich immer noch mehr als Deutsche, weil ich dort die Kultur kenne. Von den Albanern kenn ich nicht die Kultur. Man sieht das, in der Schule merkt man das, da rede ich anders und denke auch anders. Ich denke immer, ich bin falsch.« Valentina wurde mit ihrer Familien im Jahr 2005 von Velbert nach Bujanovac abgeschoben.

Das gleiche Schicksal wie die junge Albanerin hatte auch das 15-jährige Roma-Mädchen Natalie Elezovic aus Bujanovac. Als man sie mit ihrer Familie in ein Flugzeug in Frankfurt steckte, konnte sie zunächst nicht glauben, dass ihr Leben in Deutschland gerade beendet worden war. Es geschah über Nacht, ohne Vorwarnung, nur zwei Wochen vor dem Ende der dritten Klasse der Grundschule. Weder sprach Natalie serbisch – mit den Eltern und Geschwistern spricht sie Romanes – noch kannte sie die ­kyrillische Schrift. Sie hatte keine Zeit sich vorzubereiten, alles geschah unerwartet und schnell.

»Ich habe jede Nacht geweint«, erzählt die Schülerin heute. Der Übergang war schmerzhaft. Nicht wegen der Sprache, Serbisch lernte sie in wenigen Monaten. »Doch die Menschen hier sind ganz anders, nicht so offen wie in Deutschland, und viele sind so unhöflich«, sagt Natalie. Auch das Schulsystem sei viel schlechter. Das Schulgebäude in Bujanovac sei so ruiniert, im Gegensatz zur Schule in Frankfurt, die auch ein Schwimmbecken hatte. »Ich vermisse das Schwimmen«, sagt sie. In Bujanovac gibt es nur ein Schwimmbad, doch es gehöre Albanern und ihre Eltern verbieten ihr, dort hinzugehen. Sie haben Angst. Es ist schon vorgekommen, dass dort Albaner »Zigeuner« anmachen und verprügeln. Eine multiethnische Gesellschaft, in der sich Natalie willkommen fühlen könnte, gibt es nicht. Es zählt nur, ob man Albaner, Serbe oder Roma ist.

Auch Natalies Mutter Bedrija und Vater Dragan erzählen, wie untröstlich ihre älteste Tochter war, als sie ohne Vorwarnung nach Bujanovac abgeschoben wurden. Hier sind sie beide arbeitslos. »Wir vermissen das Leben an sich, denn hier haben wir kein Leben«, beklagt sich Bedrija.

»Ich vermisse am meisten das Gefühl der Freiheit, das ich in Deutschland hatte, dass alles noch vor mir liegt, dass alles offen ist, dass ich überall hingehen kann«, sagt Natalie. In Bujanovac sehe alles hoffnungslos aus. Dieses Empfinden der Eingeschlossenheit versuchte sie auch mit ihrem Foto zu vermitteln: Ein Fahrrad vor einer groben Landkarte. Eingezeichnet sind die Ortschaften um Bujanovac, die man mit dem Fahrrad erreichen kann – die beschränkte Welt, in der sie lebt. Aber auch Rom, 835 Kilometer entfernt, oder New York 7.452 Kilometer weit, die ­große, weite Welt, von der Natalie nur noch träumen kann.

Es ist ein Fluch für Natalie und die anderen Kinder, zuerst ­etwas Gutes gehabt zu haben, um es ihnen dann wegzunehmen. »Mein größter Wunsch ist es, wieder in Deutschland zu leben«, sagt sie, von ihrem jetzigen trostlosen Leben wegzukommen, und wieder Zukunftspläne schmieden zu können.

Bei einer Arbeitslosigkeit von rund 40 Prozent in Bujanovac haben junge Menschen mit oder ohne Schulbildung wenig Chancen auf ein Berufsleben. Das gilt vor allem für Roma. »Die meisten Roma-Kinder gehen gar nicht in die Schule. Im Gymnasium gibt es nur 35 Roma«, sagt Natalie. Laut der jüngsten Volkszählung aus dem Jahr 2002 leben in Bujanovac knapp über 4.000 Roma, inzwischen dürften es aber doppelt so viele sein, nachdem Roma massenhaft mit Serben aus dem albanisch-dominierten Kosovo flüchteten. Einige der Roma-Siedlungen bei Bujanovac bezeichnet man als »unhygienisch«: Bruchbuden aus Karton oder Aluminium, ohne Strom und Wasser.

Natalie will nicht nur sich selbst, sondern allen anderen Roma beweisen, dass sie etwas aus eigener Kraft machen kann. Sie lernt fleißig, will die Ausbildung zur Krankenschwester abschließen, mit dem einen Ziel vor den Augen: Nach Deutschland, in ihre Heimat, »wo ich mein Leben entdeckt habe«, zurückkommen zu kommen. Ein Vorhaben, so mutig und ungewiss wie von Bujanovac nach Berlin zu radeln, und zwar mit dem klapprigen Fahrrad, das Natalie fotografiert hat.

Von Andrej Ivanji.
Der Autor ist Belgrad-Korrespondent u.a. für den »Standard« und die »taz«.

»blick zurück nach vorn«
Jugendliche aus Rückkehrerfamilien sind im Sommer 2008 mit Einwegkameras in Südserbien und im Kosovo auf Erkundungstour gegangen. Ziel war es, Gefühle und Wahrnehmungen mit Fotos zum Ausdruck zu bringen und darüber zu reflektieren. Die Jugendlichen in Serbien wurden von der Künstlerin Ana Adamovic angeleitet, die Jugendlichen aus dem Kosovo von dem Fotografen Jetmir Idrizi. Die Bilder machen, zusammen mit den Texten, ihre Erfahrungen nachvollziehbar. Daraus ist eine Internet-Ausstellung entstanden, zu sehen unter www.blickzurueck.de. Die Fotos werden aber auch ab September in Ausstellungsräumen in verschiedenen Städten Deutschlands zu sehen sein. Die jeweiligen Termine finden sich auf der Internetseite.

Schlagworte

Komoren Amnesty Journal

Mehr dazu