Amnesty Journal Israel und besetzte Gebiete 06. August 2009

Höflich in den Tod

Matt Beynon Rees hat seinen zweiten Gaza-Krimi geschrieben. Der gibt Einblicke in die katastrophale Lebenssituation im Gazastreifen.

Zwanzig Jahre lang war er nicht in Gaza-Stadt und auch von der Politik hielt sich der Geschichtslehrer aus Bethlehem jahrelang sorgsam fern. Omar Jussuf wird von der UNO bezahlt und führt mit seiner Familie ein ruhiges Leben in der Westbank. Doch nun hat ihn sein Arbeitgeber nach Gaza zitiert, um dort in einer Delegation von der UNO finanzierte Schulen zu inspizieren. Bei der Ankunft am Checkpoint stinkt es erbärmlich nach Fäkalien. "Der Duft von Gaza", bemerkt er.

Es dauert keine zwölf Stunden und der brave und gesundheitlich etwas mitgenommene Omar Jussuf ist heillos verstrickt ins vertrackte Machtspiel der unzähligen im Gazastreifen aktiven Geheim- und Sicherheitsdienste. Die Israelis sind hier nur ein Feind unter mehreren. Und bei dem Fall, den Jussuf zu lösen hat, spielen sie keine Rolle. Das Problem ist vielmehr, dass in Gaza jeder jeden umbringen kann. Eine Rechtsstruktur, die das verhindern oder wenigstens einschränken würde, existiert nicht. Blutige Anarchie, von ihr erzählt Matt Beynon Rees’ Krimi "Ein Grab in Gaza. Omar Jussufs zweiter Fall".

Spannend ist der Krimi zunächst, weil er einfach als Krimi funktioniert. Man möchte wissen, ob es wirklich gelingt, eine Rakete neuen Typs durch das Tunnelsystem zwischen Ägypten und Gaza einzuschleusen. Und: Welche Rolle spielt die CIA dabei? Ein weiterer Reiz des Krimis liegt im Sarkasmus des Erzählers: Für seine Figuren, allen voran für die Palästinenser, ist Gaza wirklich das Allerletzte. Man sollte die Gegend, so etwa die Überzeugung des Polizeichefs von Bethlehem, "lieber ins Mittelmeer verfrachten und versenken, zusammen mit allen bewaffneten Gangstern und korrupten Ministern, die Gaza beherrschen". Der allgegenwärtige Kult um Märtyrer wird geradezu beiläufig als mittelalterlicher Humbug qualifiziert; der Roman verhöhnt jede Form von Widerstandspolitik, die Menschenleben verachtet.

Damit wären wir beim dritten Punkt: Rees’ Krimi eröffnet aus einer distanzierten Binnenperspektive Einblicke in die katastrophale Lebenssituation der Bewohner von Gaza. Er erzählt von ihrem Alltag, von ihrer Angst und von der großen Bedeutung, die Höflichkeitsrituale in einem Leben haben, in dem niemand mehr an Frieden glaubt. Rituale, für die sich die Ausländer keine Zeit nehmen wollen – und damit eine wichtige Chance verpassen, mit den Menschen in Gaza in Kontakt zu kommen. Nie nimmt der Autor eine westliche Sicht ein, sondern beschreibt den abgeriegelten Landstreifen am Mittelmeer stets aus einer palästinensischen Perspektive, die weder mit der Hamas noch der Fatah etwas am Hut hat, noch die Arroganz der UNO und die Intrigen der CIA gutheißt. Ein Perspektive, die im Machtspiel der Großen keinen Platz hat.

Rees, der lange Zeit Bürochef der Jerusalemer Times war, lebt heute als freier Autor in Jerusalem. Wie bereits in Jussufs erstem Fall "Verräter von Bethlehem", verzichtet er auf Moral und Schuldzuweisungen. Er mutet den Lesern die Brutalität der in Gaza herrschenden Warlords zu. Dass dem Autor seine Figuren allzu holzschnittartig geraten, ist schade. Aber sein Humor entschädigt. Und von der ersten bis zur letzten Seite möchte man wissen, wie sich die Geschichte auflösen wird, und ob doch wenigstens einer der internationalen Inspektoren diese miese Gegend lebend verlässt.

Von Ines Kappert.

Matt Beynon Rees: Ein Grab in Gaza. Aus dem Englischen von Klaus Modick. C.H. Beck, München 2009, 356 S., 18,90 Euro.

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