Amnesty Journal 06. August 2009

Bücher

Rezensionen

Mit dem Kinderwagen durch Rangun

Guy Delisles Geschäftsmodell ist denkbar einfach und genial: Seine Frau arbeitet für "Ärzte ohne Grenzen" und er, der 1966 in Quebec geborene Comiczeichner, begleitet sie auf ihren Einsätzen. Auf diese Weise ist er zu Gast in Ländern, die keine Touristen dulden. 2005 durchstreift er so mit seinem kleinen Sohn im Kinderwagen die burmesiche Hauptstadt Rangun. Ganz nebenbei erfahren wir, wie die Zensur der Printmedien funktioniert und wie die Internetkontrolle zu umgehen ist. Die politischen Diskussionen innerhalb der NGO-Gemeinde drehen sich zumeist um die Frage: Wann bekommen wir die Zugangsberechtigung für die "unzugänglichen Zonen"? In diesen kämpft das Militär gegen Widerstandsgruppen. Die Ausländer sind die einzigen, die hier eine gewisse Gesundheitsversorgung sicherstellen. Doch da das Militär sich auf die Hilfsleistungen verlässt, gilt es immer wieder neu abzuwägen: Wann wandelt sich humanitäre Hilfe zur Unterstützung für die Diktatur?
Mit minimalistischen Zeichnungen berichtet Delisle vom Leben der NGO-Mitarbeiter zwischen Elend, Engagement und luxuriösen Pools. Und dann das: Quasi über Nacht beweisen die Militärs ihre Macht, indem sie beginnen, die Hauptstadt ins Landesinnere zu verlegen. Niemand hatte damit gerechnet, dass ausgerechnet dieses Gerücht Realität würde. Aber in einem Land ohne Presse sind Gerüchte eben Nachrichten, bemerkt Delisle amüsiert. Am Ende seiner Straße übrigens liegt das Haus der seit 19 Jahren fast durchgängig unter Hausarrest stehenden Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Von ihr sprechen die Burmesen nur als "die Dame", ­ihren Namen zu nennen, ist zu gefärhlich. An ­ihrem Geburtstag lassen sie Luftballons steigen.

Guy Delisle: Aufzeichnungen aus Birma. Aus dem Französischen von Kai Wilksen, schwarzweiß. Reprodukt, Berlin 2009, 272 Seiten, 20 Euro

Die Realität in den Grauzonen

Das älteste Gewerbe der Welt, die Prostitution, wird in der ­Regel als moralisches Problem diskutiert – als schmutziges Geschäft. Die Studie von Rebecca Pates und Daniel Schmidt fragt dagegen nüchtern: Mit welchem Verständnis von Ordnung und Kontrolle gehen die Verwaltungsangestellten mit der Prostitution um? Wie setzen sie die Auflagen des Staates um und wie agieren sie in den vielen Grauzonen? Und siehe da, die Interviews mit Mitarbeitern von Polizei, Ordnungs- und Gesundheitsämtern in Deutschland, Polen und Tschechien zeigen, dass die moralische und skandalisierende Diskussion in den Medien mit der tatsächlichen Regulierung von Prostitution wenig zu tun hat. Die Studie zeigt detailliert, auf welches Wissen die Angestellten zurückgreifen. Die Sexarbeiterin erscheint nicht, wie etwa in Skandinavien üblich, prinzipiell als Opfer. In den untersuchten Ländern wird die Prostitution als ein unlösbares, daher mit den Mitteln der Verwaltung einzudämmendes Problem betrachtet.

Rebecca Pates, Daniel Schmidt: Die Verwaltung der Prostitution. Eine vergleichenden Studie am Beispiel, deutscher, polnischer und tschechischer Kommunen. transcript,
Bielefeld 2009, 231 Seiten, 24,80 Euro

Unvorhergesehene Gefühlsausbrüche

Warum erzählt das Kapital eigentlich immer von Liebe? Warum fordert es ständig Leidenschaft von uns, wo doch "kalt aus der Hüfte zu schießen" viel aufregender wäre? Also zu sagen, dass man nicht aufgeregt, aber wütend ist, weil man sich in Sachen Emotionen nämlich ständig in der Warteschleife wieder findet. Dieser Frage geht René Pollesch nach, der zentrale Regisseur und Autor des aktuellen deutschen Sprechtheaters. Die Antwort: Eine der effektivsten Strategien, die Privilegien der Besitzenden zu schützen, besteht darin, die Kontrolle darüber zu behalten, wie Gefühlen privat und öffentlich Ausdruck verliehen wird. Es geht also um die Frage: Wer darf wo sein Leiden öffentlich machen – und mit welchen Worten und mit welchen Gesten? Nicht umsonst warnen in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise die Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik beständig vor Panikausbrüchen – seitens der Arbeitenden. Das nämlich wären unvorhergesehene Gefühlsausbrüche.
Die Stücke René Polleschs und Interviews mit ihm zeigen, wie die hiesige Mittelschicht den internationalen Zeitgeist vom kontrollierten Gefühlsausbruchs akzeptiert und auch verwirft. Sie zeigen den emotionalen Zustand der Schicht, die für den Kitt sorgt zwischen den Eliten und den radikal ­Abhängigen. Genau aus diesem Grund sind seine Stücke in­teressant für ein Publikum, das für Menschenrechte eintritt. Denn Pollesch konzentriert sich verlässlich auf die Wunden, die in westlichen Industrienationen klaffen.

René Pollesch: Liebe ist kälter als das Kapital. Stücke, Texte, Interviews. Rowohlt, Hamburg 2009, 375 Seiten, 13 Euro

Mutig werden

Sind Menschen von Natur aus feige oder mutig? Der Journalist Christian Nürnberger ist dieser Frage in seinem Buch "Mutige Menschen" nachgegangen. Zwölf Personen hat er porträtiert, darunter Tote, Lebende, Frauen und Männer, Bekannte und weniger Bekannte. "Keiner von ihnen war schon von Geburt an mutig, sondern ist es geworden", stellt der Autor fest.
Nicht Heldenverehrung will er betreiben, vielmehr lässt er den Leser in die Köpfe der Porträtierten schauen. So wird der Bewusstseinsprozess, der zu mutiger Tat führt, nachvollziehbar. Nürnberger versteht es, komplexe gesellschaftliche und historische Bedingungen leicht verständlich darzustellen. Das macht sein Buch für Jugendliche besonders empfehlenswert. Deutlich werden sowohl die Vorreiterrolle der jeweiligen Person, als auch die Kritik, die an ihr geübt wurde. Neben Peter Benenson, dem Gründer von Amnesty International, hat Nürnberger Ayaan Hirsi Ali, Bärbel Bohley, Bartolomé de Las Casas, Mahatma Gandhi, Martin Luther, Wangari Muta Maathai, Nelson Mandela, Rosa Parks, Anna Politkows­kaja, Alice Schwarzer und Bertha von Suttner porträtiert. Menschen, deren engagiertes Handeln die Welt verändert hat.

Christian Nürnberger: Mutige Menschen für Frieden,
Freiheit, Menschenrechte. Gabriel Verlag, Stuttgart/Wien 2008, 256 Seiten, 14,90 Euro. Ab 13 Jahre

Texte: Ines Kappert und Sarah Wildeisen

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