Amnesty Journal 02. April 2009

Kolumne: Corinna Arndt

Kassandra am Kap

Ich habe es satt, Jacob Zuma zu verteidigen. Ich halte ihn für einen politischen Dünnbrettbohrer, der sich moralisch diskreditiert hat und dessen haarsträubende Aussagen zum Thema Aids gemeingefährlich sind in einem Land, in dem jeder zehnte Einwohner HIV-positiv ist. Nun trägt es sich so zu, dass dieser Mann nach den Wahlen im April Präsident von Südafrika werden wird. So will es der mächtige ANC, so wollen es die Gewerkschaften und die einflussreichen Kommunisten. Ungeachtet der Tatsache, dass Zuma sich höchstwahrscheinlich schon in seinen ersten Monaten im Amt wegen Korruptionsverdachts vor Gericht verantworten muss. Zuma, der unzivilisierte Traditionalist aus dem Busch, ein Populist, ein Mugabe-in-the-making.

Man muss kein Fan des Mannes sein, um hier Klischees, Vorurteile und Faktenferne zu vermuten. An Kassandrarufern hat es dem neuen Südafrika ja noch nie gefehlt. Im Fall Zuma jedoch drängt sich der Eindruck auf, dass seine Kritiker nur deshalb so anhaltend "Feuer" schreien, weil sie nach dem großen Zusammenbruch in naher oder ferner Zukunft mit geschwellter Brust und tiefen Stirnfalten ausrufen wollen: Seht her, wir haben es ja schon immer gewusst!

Dabei war die südafrikanische Politik lange nicht mehr so kurzweilig, pardon: so vielversprechend wie in diesem Wahlkampf. Erstmals in seiner Geschichte bekommt der ANC Konkurrenz von einer neuen Partei, dem "Congress of the People" (COPE), die auch für enttäuschte ANC-Anhänger wählbar ist, die der bisher größten und fast ausschließlich weißen Oppositionspartei "Democratic Alliance" konsequent ihre Stimme verweigert haben. Schade nur, dass COPE sich fast vollständig aus der politischen Elite um den früheren Präsidenten Thabo Mbeki rekrutiert und vor allem damit zu punkten versucht, der neuen ANC-Führung die Fehler der alten anzulasten – sprich: ihre eigenen.

Ironischwerweise verdankt Jacob Zuma seinen Celebrity-Status vor allem Thabo Mbeki. Er ist auf der Anti-Mbeki-Welle an die ANC-Spitze geritten und hat es geschafft, sich als linke Alternative zu verkaufen, obwohl nichts in seiner politischen Karriere je darauf hindeutete. Zuma ist ein begnadeter Populist. Was nicht heißt, dass er ein schlechter Präsident sein muss. Immerhin hat Südafrika ihm einiges zu verdanken – so das Ende der Kämpfe zwischen Anhängern von ANC und der Zulupartei IFP, die zwischen 1985 und 1995 mehr als zehntausend Tote forderte.

Ausländische Beobachter täten gut daran, Zuma ernst zu nehmen, ohne ihn zu dämonisieren. Südafrikas Zukunft entscheidet sich nicht unbedingt daran, ob er Schmiergelder angenommen hat oder nicht. Auch nicht daran, ob er eine oder fünf Frauen hat. Sondern daran, ob er den Erwartungen von Millionen Südafrikanern gerecht werden kann, die in ihm die vielleicht letzte Hoffnung sehen, der ­Armut zu entfliehen. Nicht vor einer Idealisierung Zumas müssen wir Angst haben, sondern davor, dass er seine Versprechen nicht ­einlösen kann und die Wähler das Vertrauen verlieren – in ihn, und gleichzeitig in eine Demokratie, die ihnen nichts gebracht hat außer politischen Rechten, die sie nicht essen können.

Corinna Arndt ist Journalistin und lebt in Johannesburg.

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