Amnesty Journal 30. November 2009

Kunst ist Politik

Szene aus dem Film "Buddha Collapsed out of Shame"

Szene aus dem Film "Buddha Collapsed out of Shame"

Ästhetik und Aktualität: Über 10.000 Menschen ­haben das diesjährige Filmfestival der Menschen­rechte in Nürnberg besucht und engagierte Filme auf hohem Niveau gesehen.

Drei Mädchen in schwarzen Schleiern, die Gesichter weiß, der Mund zugeklebt – den macht man im Iran besser nicht auf, darum geht’s. "Wenn wir nicht im Film sterben, dann in echt", sagt Erzählerin Afa. Aber schon im nächsten Moment denkt sie nicht an den Tod – sondern geht durch die Straßen von Teheran, um die Menschen ­danach zu fragen, wen sie wählen werden.

Denn es ist der Vorabend der Präsidentenwahl im Juni dieses Jahres. Und viele Menschen verbinden große Hoffnungen mit dem Gegenkandidaten des aktuellen Präsidenten Mahmoud ­Ahmadinedschad, Mir Hossein Mussawi.

Mit dem einen verbinden sie Polizeikontrolle, Diktatur und Atombombenwahn und vor allem ökonomischen und gesellschaftlichen Stillstand. Seine Anhänger indes propagieren den starken Mann. Moussawi dagegen steht dafür, dass sich etwas ändert, für den Aufbruch im eigenen Land und den Frieden mit anderen Ländern: "Ich habe keine Lust mehr, mich im Ausland schämen zu müssen", sagt ein junger Ingenieur.

Es sind vor allem die jungen Iraner, die auf einen Wechsel in der Regierung hoffen. Sie haben eine gute Ausbildung und finden dennoch oft keine Arbeit. Afa schrubbt die Treppe ihres Wohnhauses, aber das reicht ihr nicht. Afa und die jungen Frauen, sie stehen für diese iranische Jugend. Und die ist die unbestrittene Hauptdarstellerin in dem Film "Green Days", dem neuesten Werk der iranischen Regisseurin Hana Makhmalbaf.

Der Film des 21-jährigen Regiewunderkinds – sie hat mit acht Jahren ihren ersten Kurzfilm gedreht – erlebte im Nürnberger Kulturzentrum seine deutsche Uraufführung. Der Festsaal war ausverkauft. Zwar war die Optik des Films leicht verschwommen, denn der Verleih hatte nur eine DVD geschickt. Aber wen kümmert’s, die Hoffnung im Iran ist grün, die Farbe sieht man auch so. Und den grünen Schal, das Zeichen der iranischen Opposition, trugen an diesem Abend auch viele im Publikum.

Kaum etwas Passenderes hätte es als Abschluss der "Perspektive", des Nürnberger Filmfestivals der Menschenrechte, das vom 30. September bis zum 11. Oktober 2009 stattfand, geben können. Alle zwei Jahre findet das größte deutsche Filmfest dieser Art statt. Und wenn dieses Jahr auch andere Filme die Preise mitgenommen haben – bei "Green Days" und mit und um Hana Makmalbaf war am meisten los.

Was für eine Familie: Vater Mohsen ist – neben Abbas Kiarostami – der innovativste Regisseur des Iran. Er saß unter dem Schah im Gefängnis, machte sich 1979 für die islamische Revolution stark und wandte sich ab, als er sah, dass sich Demokratie im Iran mit den Mullahs nicht verwirklichen lassen würde. Nach vielen Zensurmaßnahmen emigrierte er im Jahre 2004. Heute lebt er in Paris und Kabul. In Nürnberg hat er dieses Jahr die Schirmherrschaft über das Filmfestival übernommen.

Ehefrau und Sohn drehen ebenfalls Filme, und auch Hanas Schwester Samira ist Regisseurin. Ihr Film "Two-Legged Horse" gibt ein ungewöhnliches Beispiel von den Lebensbedingungen in Afghanistan: Ein reicher Junge, dessen Beine von einer Landmine zerrissen wurden, heuert einen armen Teufel an, der ihm als Reitgelegenheit zu dienen hat. Als Team treten sie nun zu den obligatorischen Schulhofschlägereien an.

Auch Hanas Afghanistan-Reflexion "Buddha Collapsed out of Shame" aus dem Jahr 2007 lief auf dem Festival. Darin geht es um zwei Kinder, die in den Höhlen jener afghanischen Felswand leben, die 1.500 Jahre lang zwei riesige Buddha-Statuen ­beherbergten. Und die im Jahr 2001 von den Taliban in die Luft gesprengt wurden. "Ich habe heute keine Lust, mit euch Steinigung zu spielen", sagt in dem Film die kleine Bakhtay, die lieber in die Schule gehen würde, als sich mit der Jungenbande ausein-anderzusetzen. "Kinder sind die Erwachsenen der Zukunft", sagt Hana Makhmalbaf. Wie kann man eindrücklicher erzählen?

Nein, der Buddha-Film bekam keine Auszeichnung. "Der hat doch schon 21 Preise bekommen", sagt Hana Makhmalbaf im Gespräch mit dem Amnesty Journal.
Dieses Festival ging verschwenderisch mit seinen Perlen um. Schon der Eröffnungsfilm "Altiplano" ist ein Muster an Farbe, Weite und Ausdruck. Hier finden sich Reflexionen über die Folgen der Globalisierung neben Bildern der neuen bewaffneten Konflikte: Eine Kriegsfotografin landet nach dem Job in Bagdad direkt in den Auseinandersetzungen um eine Quecksilbermine im peruanischen Andenhochland.

Es gibt strenge Dokumentarfilme – etwa über den Koltanabbau ("Wherever There are People, Problems are Lacking", Belgien 2008). Und Lehrstücke, wie Frauen einen Bürgerkrieg beenden können: etwa mit Sex-Streiks und Strip-Androhungen, wie es die Frauen Liberias gemacht haben ("Pray the Devil Back to Hell", USA 2008). Bedenkenswert: Sie haben auf diese Weise nicht nur den Diktator Charles Taylor erfolgreich zum Teufel ­gejagt, sondern auch noch zugleich eine Präsidentin an die Macht gebracht.

Der Berlinale-Gewinner "La Teta Asustada" (siehe Seite 74) zierte das Festivalplakat, und die Kamera folgt den ersten Spuren der Demokratie in China auf unglaubliche Art: Die Protagonisten des Films "Wählt mich" (CH/DK 2007) sind gerade mal acht Jahre alt. Durch die Bank, und das ist kein Wunder: Denn in diesem Film wird das erste Mal der Klassensprecher gewählt und nicht vom Lehrer bestimmt.

84 Filme hat das Festival gezeigt, und sie haben gemein, dass sie das Anliegen der Menschenrechte auf ihre Weise mit hohem künstlerischen Anspruch verbinden: "Filme, die nur fürs Filmemachen oder fürs Business gedreht wurden, interessieren mich nicht", sagt Schirmherr Mohsen Makhmalbaf. Kunst, die kein politisches Anliegen habe, sei keine. Dieser Blickwinkel kam beim Publikum wohl an: Das Festival hat dieses Jahr den Zuschauerrekord gebrochen, über 10.000 Menschen wollten die Menschenrechtsfilme sehen.

Wer konnte hier, in diesem Angebot, überhaupt etwas gewinnen? Die internationale Jury um den Leiter des niederländischen "Movies that Matter"-Festivals und ehemaligen Heraus­geber des dänischen Magazins von Amnesty International, Taco Ruighaver, gab ihren Preis einem Film, der das krude Leben in einer chinesischen Polizeistation an der Grenze zu Nordkorea zeigt: Videokünstler Zhao Liang porträtiert schlagende Polizeikräfte ("Das filmen Sie jetzt aber bitte nicht"), die am Ende heulen, weil sie nicht in den unbefristeten Dienst übernommen werden. "Crime and Punishment" heißt der lakonische Titel.

Der Film "Burma VJ – Reporting from a Closed Country" nimmt sowohl Publikumspreis wie auch den Preis der Open-Eyes-Jugendjury mit. Der dänische Regisseur Anders Østergaard hat Handy-Filme aus Myanmar zu einer abendfüllenden Dokumentation montiert, die ihm Underground-Videoaktivisten aus dem Land per Mail haben zukommen lassen. Es sind Bilder, die während der Proteste der Mönche gegen das Militärregime im Jahr 2008 unter Lebensgefahr entstanden. Wenn der Mund zugeklebt ist, weisen die Mittel, mit denen Demokratie derzeit wahrgenommen wird, Wackeloptik auf und werden ins Internet gestellt – nicht nur in Myanmar, sondern eben auch im Iran. "Meine Hochachtung gilt den Menschen, die während der Proteste mit ihren Handys Filme gedreht haben", sagt Hana Makh­malbaf. "Die haben mehr erreicht, als 100 Jahre iranische Filmgeschichte."

Aktualität regiert Ästhetik: Nur zwei Tage nach dem Ende des Festivals wurde dies realer, als es sich der Zuschauer vorstellen mochte – in der Person der iranischen Regisseurin Narges Kalhor, deren regimekritischer Kurzfilm "Die Egge" in Nürnberg im Programm lief. Sie hat in Deutschland Asyl beantragt, weil sie politische Schwierigkeiten bei ihrer Rückkehr in den Iran befürchtet.

Und dies ist mehr als eine Fußnote zum Schwerpunkt Iran des Nürnberger Menschenrechts-Filmfestivals: Die 25-Jährige ist die Tochter von Mahdi Kalhor, selbst Regisseur – und Ahmadinedschads Medienberater. Ihr Film "Die Egge" übrigens ist die iranische Kinoversion der Franz-Kafka-Kurzgeschichte "In der Strafkolonie".

Von Jürgen Kiontke.
Der Autor arbeitet als freier Filmkritiker in Berlin.

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