Amnesty Journal Türkei 30. Juni 2021

"Ich würde es wieder tun"

Eine Frau mit Dreadlocks und einem Augenbrauenpiercing trägt während einer Demonstration einen Mundnasenschutz.

Die Türkei tritt aus der sogenannten Istanbul-Konvention zur Prävention von Gewalt gegen Frauen aus. Nach offiziellen Zahlen wurden im vergangenen Jahr 266 Frauen ermordet. Häufig geben Täter den Opfern die Schuld.

Aus Istanbul Sabine Küper-Büsch

Die Proteste gegen den Austritt der Türkei aus der Istanbul-Konvention finden nicht nur auf den Straßen statt. Auch die Kunst-Ausstellung "Birinin acısı öbürüne geçmiyor" (Der Schmerz der einen geht nicht auf die anderen über) im Istanbuler Kunstraum Kiraathane beschäftigt sich mit der Gewalt gegen Frauen und der grausamen Realität von Femiziden.

"Ich habe sie doch täglich verprügelt, warum ist sie dieses Mal gestorben?" Dies ist einer von vielen abgründigen Sätzen, den Meltem Şahin auf großformatigen Postern festhält. Die junge türkische Künstlerin dokumentiert in ihren Werken Rechtfertigungen von Männern, die ihre Ehefrau, Schwester oder Freundin getötet haben. Die Täter haben eines gemeinsam: Sie bedauern vor allem sich selbst und schieben die Schuld den Opfern zu: "Sie hat mich betrogen", "Sie hat es verdient" und "Ich würde es wieder tun". Die Zitate stammen aus einem Gedicht von Birhan Keskin und Asli Serin mit dem Titel "anıt sayaç" (Monument), das die Künstlerin Zeren Göktan 2015 im Internet veröffentlichte. Ihre Webseite dient als zentrales digitales Archiv zu Frauenmorden in der Türkei. Benutzer_innen können die Namen der Frauen anklicken und erhalten Informationen über die Umstände ihrer Ermordung.

Jeden Tag ein Femizid

"Mir geht es darum, Mahnmale für die Frauen zu schaffen", sagt die Künstlerin Meltem Şahin. Gemeinsam mit anderen Aktivist_innen aus der Kulturszene versucht sie, auf die sich verschlechternde Lage von Frauen in der Türkei hinzuweisen. Während der Produktion ihrer Zeichnungen hörte sie sich immer wieder eine Rezitation des Gedichtes mit den Täterzitaten an. Ihre Werke reflektieren die Grausamkeit der Gewalt in stillen, verstörenden Bildern. Ein androgynes Wesen hält ein Herz in den Händen, auf dem ein trauriges, verstummtes Gesicht zu sehen ist. Auf dünnen Stoffbahnen mit Körpersilhouetten bestickte Şahin Porträtfotos getöteter Frauen mit Blumen. Die Stoffbahnen bewegen sich sanft, wenn Besucher_innen den Raum betreten. Im Hintergrund erklingt eine beklemmende Musik.

Eine Frau mit Mundnasenschutz steht in einem AUsstellungsraum vor aufgehängten Stofftüchern, die bemalt sind.

"Mahnmale schaffen": Die Künstlerin Meltem Şahin.

Allein im ersten Halbjahr 2021 dokumentierte die Webseite anitsayaç.com 185 Fälle von Frauen, die gewaltsam zu Tode gekommen sind. Anfang Januar wurde Hatice Soysal in Istanbul von ihrem Mann erstochen, der sich anschließend die Pulsadern aufschnitt. Der 16-jährige Sohn hatte vergeblich versucht, die Polizei zu rufen. Die Beamten kamen zu spät. Am 24. Februar wurde die 33-jährige Semiha Peker im westanatolischen Manisa von ihrem Ex-Freund an der Bushaltestelle erschossen. Der Täter ist flüchtig.

"Die Morde zeichnen sich fast alle durch ein hohes Maß an Brutalität aus", erklärt die Kuratorin der Ausstellung, Elvin Eroğlu. Frauenmorde seien mittlerweile in der gesamten Türkei an der Tagesordnung. Seit einem Jahr verfolgt die Künstlerin Meltem Şahin den Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder der Studentin Pinar Gültekin, die im vergangenen Jahr in der Provinz Muğla ermordet wurde. "Er gibt zu, sie erwürgt, verbrannt und vergraben zu haben und rechtfertigt das damit, dass sie ihn damit erpresst habe, seine Familie zu zerstören", sagt sie. Dies sei ein typisches Verhalten vieler Täter, stellt die Anwältin Evrim Inan vom Verein "Frauensolidarität Bodrum" fest und mahnt: "Der Austritt aus der Istanbul-Konvention unterstützt diese Haltungen."

Der Austritt der Türkei aus der Istanbul-Konvention wird katastrophale Auswirkungen auf die Rechte von Millionen Frauen und Mädchen in der Türkei haben.

Dominique
Renault
Expertin für Menschenrechtsverletzungen an Frauen bei Amnesty in Deutschland

Amnesty International weist im Jahresbericht 2020/21 darauf hin, dass häusliche Gewalt in der Türkei infolge der Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie zugenommen hat. Nach offiziellen Angaben wurden 2020 insgesamt 266 Frauen durch geschlechtsspezifische Gewalt getötet. Frauenorganisationen dokumentierten jedoch wesentlich mehr Fälle. 

"Die Istanbul-Konvention war ein Meilenstein im Bemühen, Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu verhüten. Angesichts des deutlichen Anstiegs häuslicher Gewalt im Zuge der Corona-Einschränkungen ist sie heute wichtiger denn je", sagt Dominique Renault, Expertin für Menschenrechtsverletzungen an Frauen bei Amnesty International in Deutschland. "Der Austritt der Türkei aus der Istanbul-Konvention wird katastrophale Auswirkungen auf die Rechte von Millionen Frauen und Mädchen in der Türkei haben."

Sabine Küper-Büsch ist freie Journalistin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

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