Amnesty Journal Syrien 11. März 2021

Kein Wiederaufbau auf Massengräbern

Darstellung im Comic-Stil einer Szene, in der Gefangene dicht an dicht auf dem Boden einer Gefängniszelle sitzen.

Militärgefängnis Saidnaya: Szene aus dem Film "Syria: The human slaughterhouse".

Seit 2011 sind Hunderttausende Syrer_innen in den Gefängnissen des Assad-Regimes verschwunden. Zehn Jahre nach Beginn der Revolution fordern fünf syrische Exilorganisationen Gerechtigkeit für die Gefangenen und einen Friedensprozess, der die Opfer und ihre Familien einbezieht.

Von Hannah El-Hitami

Den ganzen Tag lang hatten Ahmed Helmi und andere politische Gefangene auf ihre Freilassung gewartet. Es war der Muttertag im Jahr 2013, und die Inhaftierten in einer der vielen unterirdischen Zellen des Landes hofften auf eine Amnestie. Doch die gab es nicht. Als es immer dunkler wurde und schließlich auch die Wärter schliefen, weinten Helmi und seine 60 Mitgefangenen so leise wie möglich um sich selbst, um ihre Familien und ihre Mütter, die sie an diesem Tag nicht gesehen oder gesprochen hatten.

Fadwa Mahmoud war und ist eine solche Mutter. Ihr Sohn ist seit neun Jahren spurlos verschwunden, ebenso ihr Ehemann. Mahmoud ist schon lange politisch aktiv und war selbst zwei Jahre lang inhaftiert, als ihr Sohn noch ein Kind war. Sie dachte damals, dass ihr Einsatz sich lohnen würde. Doch nun fürchtet sie, dass auch ihre Enkel_innen noch in einem der Foltergefängnisse des Assad-Regimes einsitzen werden.

Maryam Al-Hallaq weiß bereits, dass ihr Sohn tot ist. Zu Beginn der syrischen Revolution 2011 wurde er festgenommen, danach fehlte von ihm jede Spur. Jahre später fand seine Mutter das Bild seiner Leiche unter den Cäsar-Fotos wieder – jenen Aufnahmen Tausender von den Geheimdiensten geschundener und ermordeter Gefangener, die ein Militärfotograf 2014 aus dem Land schmuggelte und veröffentlichte. Al-Hallaqs Kampf endete damit nicht, denn sie hat nie die Leiche ausgehändigt bekommen. "Ich will ein Grab für meinen Sohn", fordert sie zehn Jahre nach seinem Verschwinden.

Die Schicksale von Helmi, Mahmoud und Al-Hallaq sind beispielhaft für das Leid Hunderttausender Syrer_innen, die seit 2011 selbst Haft und Folter erlebt haben oder um Gerechtigkeit für ihre toten oder verschwundenen Angehörigen kämpfen. Zehn Jahre nach Beginn der syrischen Revolution haben sich fünf Organisationen von Syrer_innen im Exil zusammengeschlossen, um ihre Vision von Gerechtigkeit zu formulieren.

Helmi, der im Jahr 2016 frei kam, ist Mitbegründer von Ta’afi, einer Vereinigung für Überlebende von Haft und Folter in Syrien. Mahmoud und Al-Hallaq repräsentieren die Organisationen Families for Freedom und Caesar Families Association. Gemeinsam mit zwei weiteren Organisationen, MASSAR und ADMSP, haben sie in der Truth and Justice Charter eine Zukunftsvision für Syrien formuliert. Sie sind davon überzeugt, dass es ohne Gerechtigkeit für die Opfer und ihre Familien keinen Wiederaufbau geben darf.

Hunderttausend Verschwundene

Vor zehn Jahren begannen die friedlichen Massenproteste auf Syriens Straßen. Inspiriert von den politischen Umbrüchen in Tunesien und Ägypten hofften auch Syrerinnen und Syrer auf ein Ende der jahrzehntelangen Assad-Diktatur. Doch das Regime reagierte mit Gewalt gegen die Demonstrierenden und ließ etliche von ihnen in den Gefängnissen des Landes verschwinden, foltern und töten.

Etwa Hunderttausend Menschen sind bis heute nicht wieder aufgetaucht. Die Freilassung der Gefangenen und die Aufklärung des Verbleibs aller Verschwundenen ist daher die oberste Priorität der Truth and Justice Charter. Außerdem fordern die beteiligten Organisationen ein sofortiges Ende von Folter und sexualisierter Gewalt in Hafteinrichtungen, faire unabhängige Gerichte und Entschädigungen für Überlebende und Familien von Opfern. "Die Wahrheit (…) muss anerkannt werden", heißt es in der Charta in Bezug auf einen möglichen Friedensprozess – und dass an ihm die Opfer und ihre Familien beteiligt sein müssen.

"Wir stellen die Art von Gerechtigkeit vor, die wir wollen", sagte Helmi bei der Veröffentlichung der Charta im Februar. Er und seine Mitstreiter_innen wollten nicht länger nur Opfer sein, sondern als Akteur_innen mit Rechten aktiv werden. Institutionen wie die UNO handeln ihrer Ansicht nach zu langsam. "Sie haben uns versprochen, die politischen Gefangenen vorrangig zu behandeln", sagt Al-Hallaq. Passiert sei jedoch bis heute nichts.

Sie und die anderen Unterzeichner_innen der Charta fürchten, dass Staaten die diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zum Assad-Regime schon bald normalisieren könnten, ohne dass es vorher irgendeine Aufklärung oder Wiedergutmachung gegeben hat. "Auf welchen Massengräbern sollen die neuen Gebäude errichtet werden?", heißt es in einem Video zur Charta. "Auf welches Gefängnis werden wir Zement schütten, während Tausende unter der Erde festgehalten werden?"

Hannah El-Hitami ist freie Journalistin und lebt in Berlin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.

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