Amnesty Journal 01. November 2019

"Ständig werden neue Generationen erfunden"

Ein Mann mit Brille vor einem rot-weißen Hintergrund

Bodo Mrozek, Jahrgang 1968.

Ein Gespräch mit dem Historiker Bodo Mrozek über den sich wandelnden Generationenbegriff – und die vermeintlich rebellische Jugend als gesellschaftliches Konstrukt.

Interview: Lea De Gregorio

Was ist für Sie das Besondere an der Phase der Jugend – warum setzen Sie sich in Ihrer Forschung damit auseinander?

Für viele ist Jugend gar nicht besonders, sondern gilt als natürliche Lebensphase. Aber für Historiker ist das wenigste natürlich. Jugend ist ein gesellschaftliches Konstrukt, das mit dem Prozess der Moderne beginnt und sich im 19. Jahrhundert weiter ausdifferenziert. Was mich an dem Zeitraum zwischen 1956 und 1966 interessiert, den ich in meinem Buch »Jugend – Pop – Kultur« untersucht habe, ist, dass da etliche ältere negative Sozial­typen aktualisiert werden. In der Zeit vor dem sogenannten ­Pillenknick waren die Gesellschaften demografisch sehr jung. Daraus resultierte ein gewisses Bedrohungspotenzial: Man hatte Angst vor Veränderung und hat daher skandalisiert und kriminalisiert.

Wie wird Jugend überhaupt definiert?

Vor allem durch Verbote und Gebote. Das bezieht sich etwa auf Mitgliedschaften, Schulpflicht, Alkoholkonsum oder das aktive und passive Wahlrecht. Die Jugend kann aber sogar bis in die 30er oder 40er Lebensjahre eines Menschen dauern: Für manche Posten – etwa bestimmte Richterämter – ist man selbst in diesem Alter noch zu jung. Es ist daher keine einheitliche ­Lebensspanne. Die Definitionen variieren von Staat zu Staat – in manchen Ländern sogar von Bundesstaat zu Bundesstaat. Deutlich wird das etwa bei Fragen der Sexualreife, der Ehe- oder Strafmündigkeit. Diese Fragen werden gesellschaftlich ausgehandelt und führen immer wieder zu Konflikten, etwa gegen­über den Kontrollregimen der Erwachsenen.

Einerseits werden Jugendliche nicht ernst genommen, andererseits als Bedrohung verstanden – ein Widerspruch?

Nein, das sind zwei Seiten derselben Medaille. Diejenigen, die als Bedrohung gelten, müssen kontrolliert und zugerichtet werden, und da nimmt man Jugendliche natürlich sehr ernst. Gleichzeitig traut man ihnen nicht zu, dass sie eigenverantwortlich über ihre Kultur bestimmen können. Wir haben uns heute an die Denkfigur des Generationenkonfliktes gewöhnt. Und zwar so sehr, dass wir voraussetzen, dass Jugend gegen ihre ­Eltern zwangsläufig aufbegehren muss. Davon sind die Menschen über Jahrhunderte aber überhaupt nicht ausgegangen. Das ist auch eine Zuschreibung, die in der Zeit entstand, die ich untersucht habe, und etwa durch das Kino popularisiert wurde.

Bunte Haare und laute Musik jagen heute keinem mehr Schrecken ein.

Bodo
Mrozek
Historiker

Sie beschreiben Sozialtypen wie Halbstarke oder Gammler, die aus diesen Generationenkonflikten hervorgegangen sind. Lehnen sich heutige Zuschreibungen einer politischen oder unpolitischen Jugend daran an?

Was populärkulturelle Subkulturen angeht, sind wir vergleichsweise tolerant geworden: Bunte Haare und laute Musik jagen heute kaum noch jemandem einen Schrecken ein und werden nur selten mit Zensur bekämpft. Gleichzeitig hat das ­Generationenerfinden exponentiell zugenommen. Bestimmte Magazine rufen permanent neue Generationen aus, in denen Jugend sozialtypologisiert wird. In der Forschung sind wir hingegen vom Generationenbegriff inzwischen eher abgerückt.

Warum?

Schaut man sich klassische politische Generationen wie die 1968er an, so ist das ein Phänomen, was sich nicht in einer ganzen Alterskohorte, sondern vorwiegend an den Universitäten, also in einer bestimmten Bildungsschicht abgespielt hat. Viele nicht-akademische Jugendliche waren da gar nicht involviert. Darum sprechen wir heute eher von Prozessen einer Generationalisierung oder der Ex-Post-Konstruktion von Generationen.

Eine Generation entsteht erst im Nachhinein.

Teilweise passieren solche Zuschreibungen schon in der Gegenwart. Auch dann werden diese Debatten meist von Erwachsenen geführt, die damit in erster Linie ihre eigenen Werte verhandeln, indem sie sich von vermeintlich neuen Eigenschaften der Jugend abgrenzen. Andere formulieren im Nachhinein einen Deutungsanspruch für eine bestimmte Epoche. Die 68er haben das sehr erfolgreich betrieben. Wir haben es da mit einer Selbstgenerationalisierung zu tun, bei der bestimmte Eliten ihre eigene Geschichtsschreibung betrieben haben.

Und warum gibt es so ein starkes Bedürfnis, Generationen mit einem Label zu versehen?

Es werden ja mittlerweile regelmäßig Jugendstudien erstellt. Um Aufmerksamkeit für diese Studien zu generieren, wird dann häufig ein griffiges und zumeist stark verallgemeinerndes Label erfunden – die Generation X, Y "Gameboy", "Jutebeutel" oder ähnliches. Das greifen Medien gern auf, die sich als Trend­scouts verstehen, aber auch die Wissenschaft profitiert von der gesellschaftlichen Ökonomisierung. Man denkt, wer wisse, was die Jugend will, könne auch Aussagen über die Zukunft treffen. Wirtschaft und Politik haben ein starkes Interesse an solchen Prognosen, um bestimmte Produkte oder Politiken zu vermarkten. Forscher wiederum empfehlen sich mit solchen naturgemäß recht unscharfen Vorhersagen als gefragte Zukunfts­experten.

Die Orientierung an der Zukunft ist auch etwas, das die Fridays-for-Future-Bewegung betont. Ist das neu?

Ökologische Bewegungen haben auch schon früher dystopische Erwartungshorizonte aufgemacht. Bei Fridays for Future aber wird das mit einer neuen Selbstverständlichkeit getan. Vorhergehende Jugendszenen – etwa Punk – waren weit weniger ­artikuliert und reflektiert. Da brauchte es dann umso mehr die Figur des Experten, der diese Phänomene erklärt und mit Bedeutung ausstattet. Heute ist nicht zuletzt aufgrund solcher ­Expertisen, die durch Schule und Medien auch an junge Menschen vermittelt werden, ein stärkeres Selbstverständnis als Generation vorhanden. Ein auffallender Unterschied zu früher ist, dass nun nicht mehr der gemeinsame Konsum popkultureller Produkte im Mittelpunkt steht, sondern im Gegenteil der Konsumverzicht. Politische Forderungen werden nicht mehr primär durch Musik oder Mode indirekt vermittelt, sondern als politische Forderungen auf recht erwachsene Weise artikuliert. Wobei natürlich auf bestimmte Produkte – etwa Kommunikationstechnik – keineswegs verzichtet wird.

Warum denken Sie, ist Fridays for Future so groß geworden und bekommt so viel Aufmerksamkeit?

Zum einen waren die Möglichkeiten der Vernetzung noch nie so gut wie heute in den sozialen Medien. Dementsprechend massenhaft und global tritt diese Bewegung auch auf. Und zum anderen ist es offenkundig, dass etwas schiefläuft.

Was?

Im Unterschied zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben wir heute demografisch überalterte Gesellschaften. Die Politik umwirbt daher vor allem ältere Menschen und macht ­ihnen vermehrt Angebote, wie sie ein bequemes Leben bis zur Rente führen können – in einem kurzfristigen Denken bis zur nächs­ten Bundestagswahl. Dass die Jugend irgendwann sagt, wir sind hier nicht mehr vertreten und werden gar nicht mehr angesprochen, ist eine naheliegende Gegenreaktion.

 

 

Bodo Mrozek: "Jugend. Pop. Kultur. Eine transnationale Geschichte." Suhrkamp; 866 Seiten; 34 Euro

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