Amnesty Journal Nord- und Südamerika 22. September 2017

Kulturlos

Zeichnung einer aufgeschlagenen Zeitschrift

Die US-Regierung unterbindet mit ihrem Einreise­verbot den internationalen kulturellen Austausch. Zudem plant sie, die öffentliche Förderung von Museen und Bibliotheken zu streichen. Dagegen regt sich Widerstand.

Von Arndt Peltner, Oakland

Das Einreiseverbot für Menschen aus Syrien, Libyen, dem Iran, Somalia, dem Sudan und dem Jemen trifft die Kulturlandschaft der USA hart – Museen genauso wie Ausstellungsräume und Musikfestivals. Auf der South By Southwest Music Conference (SXSW) in Austin/Texas sollten eigentlich auch Bands aus dem Iran und Ägypten auftreten. Doch die Mitglieder erhielten keine Visa für die USA. Gründe wurden nicht genannt, nur die Einreise wurde verwehrt. Die SXSW reagierte und organisierte zwei Events mit dem Namen "ContraBanned", Live-Konzerte mit Musikern aus den muslimischen Ländern, die nach offizieller Lesart nicht mehr willkommen sind in den USA. Daneben gab es eine Diskussionsrunde über das Thema internationaler Musikaustausch, einem der Grundpfeiler der Messe in Austin.

Die internationale kulturelle Zusammenarbeit sieht Lori Fogarty, die Direktorin des Oakland Museums of California, auch in ihrem Bereich gefährdet: "Die Einreiseverbote haben große Probleme für die Museen gebracht, gerade für Museen, die auf den kulturellen Austausch und die internationale Arbeit angewiesen sind, auf Künstler, Wissenschaftler und Forscher aus dem Ausland."

Ähnlich ergeht es Max Hollein, Direktor der Fine Arts Museums, dem De Young Museum und der Legion of Honor in San Francisco. Nicht nur, dass das De Young Museum und die Legion of Honor international ausgerichtet sind und daher Künstler und Wissenschaftler von überall her ansprechen. Die Fine Arts Museums sehen sich plötzlich auch mit Ausstellungen, die ganz unpolitisch gedacht waren, im politischen Rampenlicht, erklärt der Museumsdirektor. So bereitet das Museum derzeit eine Ausstellung über die Mode des Islam vor – ein Projekt, das schon lange in Planung war, noch bevor die Regierung in Washington wechselte: "Und jetzt wird das natürlich in einem politischen Kontext gesehen, der in dem Sinne zuvor gar nicht da war."

Überhaupt ist plötzlich alles politisch in der Kunst- und Kulturlandschaft der USA. Im September begannen die Haushaltsberatungen für 2018. Im März hatte Präsident Donald Trump ­bereits angekündigt, die Gelder für die National Endowment for the Arts, die National Endowment for the Humanities, das Institute of Museums and Library Services und für den öffentlichen Rundfunk komplett streichen zu wollen. Das wäre das Aus der öffentlichen Kulturförderung in den USA. Allein bei den beiden National Endowments geht es um jährlich je 149 Millionen Dollar aus dem Bundeshaushalt.

Diese Pläne schmetterte der Kongress zwar für den Haushalt 2017 vorerst ab. Aber der Präsident und sein Umfeld haben ihr Vorhaben bislang nicht aufgegeben, ganz im Gegenteil. "Das hat der Kunst- und Kulturszene kalte Schauer über den Rücken gejagt", sagt Museumsdirektorin Lori Fogarty, "es wurde klar, welche Auswirkungen diese Regierung haben kann".

Zwar kann Max Hollein, dessen Einrichtungen im reichen und liberalen San Francisco vor allem durch private Gelder getragen werden, die Streichpläne aus Washington gelassen nehmen – sie machen in seinem Gesamtbudget von knapp 60 Millionen Dollar nur einen kleinen Teil aus – doch sieht auch er die kulturelle Arbeit in der Breite durch die Politik Trumps gefährdet. "Ich glaube, es geht eher um die Gesamtstruktur in den USA. Die National Endowment ist sehr wichtig für Institutionen abseits unserer Größenordnung, und sie sorgt auch für eine andere Form der Zusammenarbeit in der Kultur."

Was das Trump’sche Einreiseverbot letztendlich bewirkt, ist ein Frontalangriff auf kulturelle Menschenrechte, die im Artikel 15 des internationalen Pakts über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte der UN festgelegt sind. Dort heißt es: "Die Vertragsstaaten erkennen das Recht eines jeden an, am kulturellen Leben teilzunehmen" und weiter: "Die Vertragsstaaten erkennen die Vorteile an, die sich aus der Förderung und Entwicklung internationaler Kontakte und Zusammenarbeit auf wissenschaftlichem und kulturellem Gebiet ergeben."

Beides wird durch das Einreiseverbot und durch die Eliminierung der Kulturförderung erschwert, behindert, wenn nicht sogar unterbunden. Denn die USA sind ein Land von Immigranten. Hier leben Menschen aus aller Herren Länder, haben eine neue Heimat gefunden und pflegen ihre kulturellen Wurzeln. Somalis in Minnesota, Iraner in Los Angeles, Jemeniten in Michigan – sie alle stehen nun unter Verdacht, ihre Freiheiten werden beschränkt, ihre kulturelle Identität in Frage gestellt.

Der Ausnahme-Oud-Musiker Rahim Alhaj wohnt seit vielen Jahren im Bundesstaat New Mexico, er kam aus dem Irak, lebte sich in den USA ein, wurde amerikanischer Staatsbürger. Kürzlich veröffentlichte er sein jüngstes Album "Letters from Iraq", eine Platte, die nun politisch gesehen wird, denn Alhaj vertont darin Briefe seines Neffen an Amerika. Rahim Alhaj erzählt, wie er im vergangenen Jahr mit einem Stipendium der National Endowment for the Arts ausgezeichnet wurde. Präsident Barack Obama nannte ihn damals in der Begründung einen "lebenden Schatz". Nun fühlt er sich angefeindet. "Das ist ­ironisch, unglaublich: Der eine Präsident sagt, 'ich danke Dir Rahim für Dein wunderbares Geschenk, Du bereicherst unser Land hier '. Und zwei Monate später bin ich hier nicht mehr willkommen."

Für Lori Fogarty ist das Vorgehen der Trump-Administration eine ganz klare Verletzung der Menschenrechte. Es sei naiv und falsch zu behaupten, dass die Kulturförderung und die Finanzierung des öffentlichen Rundfunks nicht Aufgabe des Staates sei, sondern vielmehr die Aufgabe von Philanthropen, Städten und Bundesstaaten. "Im Gegensatz zu europäischen Ländern, die die kulturelle Herkunft und den kreativen Ausdruck als fundamentalen Teil des bürgerlichen und menschlichen Seins sehen, ist es mehr als enttäuschend, dass wir Politiker in diesem Land haben, die das entweder nicht verstehen oder nicht glauben."

Abgewartet wird nun nicht, was Trump und die republikanische Mehrheit im Kongress im Herbst verabschieden wollen. Von den kleinen, unbekannten und regionalen Museen, die von den öffentlichen Zuwendungen abhängig sind, bis hin zu den weltbekannten großen Einrichtungen, wie den Fine Arts Museums in San Francisco will man nun gemeinsam dem Angriff aus dem Weißen Haus auf die Kunst-, Kultur- und Museumslandschaft begegnen, sagt Max Hollein. "Wir haben unsere Mitglieder und unseren Vorstand aufgerufen, direkt ihre Meinung dazu bei den entsprechenden Senatoren kundzutun. Wir betreiben also unser eigenes Lobbying."

Auch immer mehr Kulturschaffende melden sich und erwachen aus ihrer anfänglichen Schockstarre nach dem Wahlsieg von Donald Trump. Der Bühnenautor und Dramatiker Robert Schenkkan sagt: "Theater kann nicht einfach so weitermachen, als sei nichts passiert. Wenn wir Teil dieses nationalen Dialogs sein wollen – den wir unbedingt brauchen –, dann muss das Theater flexibler sein. Diese Haltung, dass wir uns von Kontroversen fernhalten sollen, ist albern." Die Countrymusikerin ­Lucinda Williams meint ganz klar: "Ich empfinde es als meine Verantwortung als Künstlerin, bestimmte Dinge rüberzubringen." Williams schrieb den Song "Foolishness" und ergänzte ihn bei Konzerten um Textzeilen, wie "I don’t need hate in my life. I ­don’t need walls in my life. I don’t need fear in my life". Und ein paar Male sogar "I don’t need Donald Trump in my life".

Doch bei allem künstlerischen und kulturellen Protest: Aufhorchen würde die US-Regierung sicher nur, wenn vor allem die vielen kleinen, lokalen und regionalen Einrichtungen in den republikanisch dominierten Bundesstaaten aufbegehrten. Denn die kulturverachtende Politik aus Washington würde auch und vor allem eines treffen: das "Heartland" Amerikas.

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