Amnesty Journal Israel und besetzte Gebiete 01. Februar 2019

"Ich verstecke meine Biografie nicht"

Ein Polaroidfoto, zwei Männer und eine Frau, dahinter eine Menschengruppe und Bäume.

Nah an den Menschen. Togod Omer.

Togod Omer aus dem Sudan wartet in Israel seit mehr als sieben Jahren auf seine Anerkennung als Flüchtling.

Protokoll: Till Schmidt

Unsere Geschichte habe ich in der letzten Zeit häufig erzählt. Für manche Israelis gehöre ich zu den »mistanenim«, den »Eindringlingen«, wie palästinensische Terroristen hier genannt werden. Doch ich bin nicht hierhergekommen, um Ärger zu ­machen, oder um Jobs wegzunehmen – sondern weil ich im ­Sudan um mein Leben fürchten musste.

Schon in jungen Jahren war ich dort tagtäglich mit der Zwangsarabisierung und -islamisierung konfrontiert. In meinem Pass stand nicht Togod Omer, sondern ein anderer, arabischer Name. Dazu kam, dass ständig die islamische Geschichte und die Bedeutung des Korans betont wurden. Aber vor allem waren es die strengen Scharia-Gesetze, die mir während des Studiums an der Gezira-Universität das Leben schwer machten. So war uns zum Beispiel öffentlicher Kontakt zu Frauen verboten. Das ist verrückt – und entspricht nicht meinen persönlichen Werten.

Deshalb habe ich als Student öffentliche Diskussionsveranstaltungen organisiert. Als einer meiner Mitstreiter von Sicherheitskräften erschossen wurde und die Polizei auch mein Zuhause aufsuchte, musste ich mich verstecken. Zunächst blieb ich bei meinem Onkel in Khartum, bis ich dann nach Kairo flüchtete. Doch musste ich auch Ägypten verlassen, da die dortige Regierung gute diplomatische Beziehungen zum Regime von Omar al-Baschir unterhält. Das war mir zu riskant. Dazu kam die Feindseligkeit vieler Ägypter gegenüber uns Sudanesen im Alltag.

Durch den Sinai gelangte ich schließlich nach Israel. Der Fußweg durch die Wüste war grauenvoll, da unsere Gruppe von Beduinen erpresst und gewaltsam eingeschüchtert wurde. Gegen hohe Bezahlung haben sie uns aber bis kurz vor die israelische Grenze gebracht, die damals noch nicht durch einen hohen Zaun abgesichert war.

In Israel war ich kurz darauf in Saharonim inhaftiert. Das Gefängnis wurde eigens für afrikanische Flüchtlinge gebaut und befindet sich inmitten der südlichen Negev-Wüste. Wir saßen dort monatelang fest, und die Sicherheitskräfte mahnten uns regelmäßig, keinen Asylantrag stellen, sondern uns bloß als ­Arbeitsmigranten zu melden. Doch ich war nicht bereit, meine Biografie zu verstecken, und habe auch dort öffentlich erzählt, warum ich den Sudan verlassen musste.
Nach einigen Monaten wurde ich mit einem One-Way-Ticket nach Tel Aviv entlassen. "Ziehe ins südliche Tel Aviv, in die Nähe des zentralen Busbahnhofs", wurde ich wie alle anderen angewiesen. Dort lebe ich seit über sieben Jahren – und warte seitdem auf meinen Asylbescheid.

In den nächsten Monaten dürfte es endlich zu einer Entscheidung kommen. Wie sie ausgeht, kann ich nicht ­abschätzen. Ohnehin bin ich seit Jahren eine unsichere, kaum planbare Zukunft gewohnt: Alle sechs Monate muss ich mein Visum erneuern lassen, in den ersten Jahren sogar monatlich. Ich bin 32 Jahre alt.

Gleichzeitig genieße ich einige Privilegien, die andere Flüchtlinge nicht haben. Seit zwei Jahren arbeite ich als Web-Programmierer in einem Start-Up-Unternehmen, inklusive Kranken- und Sozialversicherung. Zwar verfüge ich über keine offizielle Arbeitserlaubnis, aber sobald man in Israel einen Job hat, ist das den Behörden egal.

Für meine Arbeitsstelle bin ich sehr dankbar. Doch mein Herz schlägt für die Garden Library. Das ist ein selbstorganisiertes Kultur- und Bildungszentrum im Levinsky-Park, wo ich die kulturellen Angelegenheiten koordiniere. Mit meinem Engagement möchte ich nicht nur anderen Flüchtlingen helfen, in Israel besser zurechtzukommen, sondern auch bei den Israelis für mehr Verständnis für unsere Situation werben.

Es war unglaublich, dass in Tel Aviv vor einigen Monaten 200.000 Menschen gegen die Abschiebepläne der Regierung demonstriert haben. Damals habe ich auch eine Rede gehalten. Viele afrikanische Flüchtlinge haben ähnliche Dinge erlebt wie ich.

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