Amnesty Journal Deutschland 09. Oktober 2020

"Woher kommt dieser fanatische Antisemitismus?"

Ein Mann mit Kippa, in weißem Hemd und dunkelblauer Hose steht neben einer Holztür, in der Einschusslöcher zu erkennen sind.

Glück im Unglück: Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Halle, steht neben der Tür zum Grundstück der Synagoge. Die Tür erlangte am 09. Oktober 2019 traurige Berühmtheit, als der Attentäter von Halle in die Synagoge eindringen wollte. Er schoss mehrfach auf die Holztür, scheiterte allerdings.

Max Privorozki, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Halle, spricht über den laufenden Prozess und fehlende Mittel ein Jahr nach dem antisemitischen Anschlag.

Interview: Lea De Gregorio

Sie haben den Anschlag in der Synagoge in Halle erlebt. Wie geht es Ihnen ein Jahr nach der Tat?

Ich hatte einfach sehr viel zu tun. Das hat mir geholfen, die Situation in den Griff zu bekommen. Zurzeit beschäftigt uns die Corona-Pandemie sehr. Wir mussten immer wieder improvisieren, etwa bei großen jüdischen Feiertagen wie Pessach oder Jom Kippur. Da bleibt wenig Zeit, um über den Anschlag nachzudenken. Ich habe keine Angst, in die Synagoge zu gehen. Das mache ich schließlich jeden Tag.

Wie geht die Gemeinde mit dem Anschlag um?

Die meisten Leute haben keine Lust, über den Anschlag zu reden. Im Dezember gab es in der Gemeinde eine Mitgliederversammlung. Dort wurde kein Wort darüber verloren. Es ging nur um die Sicherheit und wie es künftig weitergeht. Ich kann verstehen, dass sich viele nicht mit dem Anschlag beschäftigen wollen. Wir haben vor Jahren versucht, Holocaust-Überlebende in Schulklassen zu bringen, damit sie dort ihre Geschichten erzählen. Es war sehr schwierig, jemanden zu finden. Eine Frau hat es versucht und geweint. Sie hat hinterher gesagt, dass sie das nie mehr machen will. Ähnlich ist es mit dem Anschlag.

Sie sind Nebenkläger in dem Prozess gegen Stephan B. Was möchten Sie erreichen?

Es geht mir nicht darum, den Attentäter zu sehen oder im Gerichtssaal zu sitzen. Ich war einmal als Zeuge geladen und das war's. Ich kommuniziere regelmäßig mit meinem Rechtsanwalt und komme wieder, wenn es sein muss. Es gibt zwei Gründe, warum ich Nebenkläger bin. Erstens will ich verstehen, woher dieser fanatische Antisemitismus des Täters kommt. Man spricht sehr oft davon, dass Flüchtlinge nach Deutschland kommen und ihren Antisemitismus mitbringen. Viele von ihnen bekommen den Hass gegen Israel und gegen Juden automatisch mit – von ihren Familien. Ebenso bin ich überzeugt, dass es in der Familie des Attentäters Gründe für seinen fanatischen Antisemitismus gibt. Und ich habe gedacht, dass das im Rahmen der Gerichtsverhandlungen deutlich wird. Leider haben die Eltern von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht.

Und der zweite Grund?

Ich möchte außerdem Folgendes verstehen: Es gibt viele Antisemiten. Und Gott sei Dank sind nicht alle Antisemiten Mörder. Ich würde gerne wissen, wie jemand, der fanatisch an etwas glaubt, zum Attentäter wird. Wenn man das verstehen könnte, hätten möglicherweise auch die Sicherheitsbehörden mehr Chancen, Angriffe zu verhindern.

Sind Sie zufrieden mit den Ermittlungen?

Wahrscheinlich wurde sehr präzise gearbeitet. Aber die Fragen, die ich eben gestellt habe, wurden nicht beantwortet. Es bleibt auch offen, wie der Täter an Geld kam, um Waffen zu kaufen. Und es gibt zu wenig Informationen über seine Online-Kontakte. Er war sehr aktiv in Foren.

Sie kritisieren, dass er als Einzeltäter betrachtet wird.

Er war ein Einzeltäter in dem Sinne, dass er am 9. Oktober 2019 allein die Synagoge angegriffen hat. Aber war er auch ein Einzeltäter, der die Tat allein vorbereitet hat? Das bezweifle ich.

Fast alle Bundesländer haben jüdischen Gemeinden zusätzliche Mittel zugesichert, um sich zu schützen. Fühlen Sie sich heute sicherer?

Bis jetzt haben wir noch keinen Cent gesehen. Aber ja, wir fühlen uns sicherer. Anders als vor dem Anschlag ist die Polizei permanent vor der Synagoge anwesend. Auch vor unserem Gemeindezentrum stehen bei Veranstaltungen jetzt immer Polizistinnen und Polizisten. Aber es gibt noch viele andere Sachen, die man machen müsste. Das Landeskriminalamt hat uns viele und umfangreiche Empfehlungen gegeben. Da geht es um Baumaßnahmen, Technik und andere Aspekte. Da müsste jetzt einiges umgesetzt werden, und das kostet viel Geld.

Lea De Gregorio ist Volontärin des Amnesty Journals. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.

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